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RUBENS 101

1. November 2005



Brennende Toaster


Erfahrungsbericht: Ein Studienjahr in Glasgow



Es ist ein Privileg europäischer Studenten, dass sie problemlos einen Teil ihres Studiums im Ausland verbringen können. Das Programm Sokrates/Erasmus finanziert (zum Teil) die Aufenthalte. Der Bochumer Student Lasse Heerten konnte so einen Blick auf die University of Strathclyde riskieren: Im akademischen Jahr 2004/05 studierte er in Glasgow Geschichte und Anglistik.


Die Vorstellungen, die ich mit Glasgow verknüpft hatte, waren vor allem: Regen und Rangers. Beim Regen lag ich ziemlich richtig. Das mit dem Fußball hingegen lief nicht so wie geplant: Die Chance, für „Old Firm“, das Derby zwischen den Rangers und Celtic, Karten zu ergattern, tendiert gegen Null. Es wäre auch teuer geworden. Unter umgerechnet 40 Euro geht gar nichts. Schnell wurde ohnehin klar: Schottland ist ein teures Land.

Glaswegian

Um keinen falschen Anschein zu erwecken: Es war ein schönes Jahr, ein multikulturelles Erlebnis. Man knüpft Kontakte zu „international students“ aus aller Welt. Es war zunächst leichter, mit Franzosen oder Simbabwern in Kontakt zu kommen als mit Einheimischen. Schuld daran war überraschend die Sprachbarriere: Schul- oder Unienglisch ist von „Glaswegian“ meilenweit entfernt – man versteht erst mal gar nichts. Erst mit der Zeit lernte man, sich auch mit „richtigen“ Schotten zu verständigen.
Glasgow ist während der Industrialisierung zur „zweiten Stadt des Empires“ aufgestiegen. Die schwerindustrielle Vergangenheit liegt noch heute in der Luft – ob der häufig aufziehende eigenartige Geruch Resultat des uninah gebrauten Tennents-Bieres ist oder daher rührt, dass die Schotten die oxfordenglischen Bedienungsanleitungen ihrer Toaster nicht verstehen, daran scheiden sich die Geister. Ich favorisiere Letzteres. Das würde auch erklären, warum ich Dutzende von frühmorgendlichen Fehlfeueralarmen im Wohnheim miterleben durfte.
Trotz solcher Querelen ist mir die schottische Metropole ans Herz gewachsen. Das kulturelle Angebot ist einmalig, als Einkaufsparadies wird Glasgow auf der Insel nur von London übertroffen. Das größte Kapital der Stadt sind aber ihre Bewohner: ein äußerst freundlicher Menschenschlag. Es gibt kein Wort, dass man häufiger hört als das lang gezogene „sorrräee“ (‚sorry’) – „der Schotte“ entschuldigt sich sogar, wenn man ihm auf die Füße tritt. Und das ist ernst gemeint: Ich habe in Schottland eine Hilfsbereitschaft kennen gelernt, die mir in Deutschland häufig unvorstellbar erscheint.

Heimelige Seminare

Der Lehrbetrieb an der Uni unterscheidet sich deutlich vom deutschen. Es gibt keine Vorlesungen in stadiongroßen Sälen wie bei uns, dafür nehmen schottische Seminare häufig Züge einer Vorlesung an – Diskussionen entzünden sich selten, das vom Dozenten Ausgeführte nehmen die britischen Studenten (sie sind im Durchschnitt zwei Jahre jünger als deutsche Studenten) zumeist kritiklos an. Es diskutierten, wenn überhaupt, nur Kanadier und Kontinentaleuropäer. Gerade als deutscher Student fühlt man sich jedoch zur Mitarbeit animiert – man ist es ja gewohnt, sich in einem Kreis von 50 Kommilitonen, auf dem Fußboden sitzend, verbal zu duellieren, da wird es in schottischen Seminaren mit maximal 15 Teilnehmern richtig heimelig.
Studentische Diskussionsfreude ist sicherlich ein Vorzug des Studiums in Deutschland, trotzdem soll dies nicht als Kritik am britischen Hochschulsystem verstanden werden. Als Gaststudent wird man normalerweise nur für Veranstaltungen im undergraduate-Bereich zugelassen. Im Gegensatz zu deutschen Unis werden „Wissenschaftlichkeit“ und Diskussionskultur erst nach der Graduierung (B.A.) betont.
Ich kann jedem meiner Mitstudenten wünschen, einen ähnlichen Schritt ins Unbekannte zu wagen – der Empfang ist häufig herzlicher als man denkt.

Info: Den Kontakt nach Glasgow vermittelt u.a. das Akademische Auslandsamt, Kontakt: Jutta Schmid, -28763


Lasse Heerten
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Letzte Änderung: 31.10.2005| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik