Brennende Toaster
Erfahrungsbericht: Ein Studienjahr in Glasgow
Es ist ein Privileg europäischer Studenten, dass
sie problemlos einen Teil ihres Studiums im Ausland verbringen
können. Das Programm Sokrates/Erasmus finanziert
(zum Teil) die Aufenthalte. Der Bochumer Student Lasse
Heerten konnte so einen Blick auf die University of Strathclyde
riskieren: Im akademischen Jahr 2004/05 studierte er in
Glasgow Geschichte und Anglistik.
Die Vorstellungen, die ich mit Glasgow verknüpft
hatte, waren vor allem: Regen und Rangers. Beim Regen
lag ich ziemlich richtig. Das mit dem Fußball hingegen
lief nicht so wie geplant: Die Chance, für „Old
Firm“, das Derby zwischen den Rangers und Celtic,
Karten zu ergattern, tendiert gegen Null. Es wäre
auch teuer geworden. Unter umgerechnet 40 Euro geht gar
nichts. Schnell wurde ohnehin klar: Schottland ist ein
teures Land.
Glaswegian
Um keinen falschen Anschein zu erwecken: Es war ein
schönes Jahr, ein multikulturelles Erlebnis. Man
knüpft Kontakte zu „international students“
aus aller Welt. Es war zunächst leichter, mit Franzosen
oder Simbabwern in Kontakt zu kommen als mit Einheimischen.
Schuld daran war überraschend die Sprachbarriere:
Schul- oder Unienglisch ist von „Glaswegian“
meilenweit entfernt – man versteht erst mal gar
nichts. Erst mit der Zeit lernte man, sich auch mit
„richtigen“ Schotten zu verständigen.
Glasgow ist während der Industrialisierung zur
„zweiten Stadt des Empires“ aufgestiegen.
Die schwerindustrielle Vergangenheit liegt noch heute
in der Luft – ob der häufig aufziehende eigenartige
Geruch Resultat des uninah gebrauten Tennents-Bieres
ist oder daher rührt, dass die Schotten die oxfordenglischen
Bedienungsanleitungen ihrer Toaster nicht verstehen,
daran scheiden sich die Geister. Ich favorisiere Letzteres.
Das würde auch erklären, warum ich Dutzende
von frühmorgendlichen Fehlfeueralarmen im Wohnheim
miterleben durfte.
Trotz solcher Querelen ist mir die schottische Metropole
ans Herz gewachsen. Das kulturelle Angebot ist einmalig,
als Einkaufsparadies wird Glasgow auf der Insel nur
von London übertroffen. Das größte Kapital
der Stadt sind aber ihre Bewohner: ein äußerst
freundlicher Menschenschlag. Es gibt kein Wort, dass
man häufiger hört als das lang gezogene „sorrräee“
(‚sorry’) – „der Schotte“
entschuldigt sich sogar, wenn man ihm auf die Füße
tritt. Und das ist ernst gemeint: Ich habe in Schottland
eine Hilfsbereitschaft kennen gelernt, die mir in Deutschland
häufig unvorstellbar erscheint.
Heimelige Seminare
Der Lehrbetrieb an der Uni unterscheidet sich deutlich
vom deutschen. Es gibt keine Vorlesungen in stadiongroßen
Sälen wie bei uns, dafür nehmen schottische
Seminare häufig Züge einer Vorlesung an –
Diskussionen entzünden sich selten, das vom Dozenten
Ausgeführte nehmen die britischen Studenten (sie
sind im Durchschnitt zwei Jahre jünger als deutsche
Studenten) zumeist kritiklos an. Es diskutierten, wenn
überhaupt, nur Kanadier und Kontinentaleuropäer.
Gerade als deutscher Student fühlt man sich jedoch
zur Mitarbeit animiert – man ist es ja gewohnt,
sich in einem Kreis von 50 Kommilitonen, auf dem Fußboden
sitzend, verbal zu duellieren, da wird es in schottischen
Seminaren mit maximal 15 Teilnehmern richtig heimelig.
Studentische Diskussionsfreude ist sicherlich ein Vorzug
des Studiums in Deutschland, trotzdem soll dies nicht
als Kritik am britischen Hochschulsystem verstanden
werden. Als Gaststudent wird man normalerweise nur für
Veranstaltungen im undergraduate-Bereich zugelassen.
Im Gegensatz zu deutschen Unis werden „Wissenschaftlichkeit“
und Diskussionskultur erst nach der Graduierung (B.A.)
betont.
Ich kann jedem meiner Mitstudenten wünschen, einen
ähnlichen Schritt ins Unbekannte zu wagen –
der Empfang ist häufig herzlicher als man denkt.
Info: Den Kontakt nach Glasgow vermittelt
u.a. das Akademische Auslandsamt, Kontakt: Jutta Schmid,
-28763
Lasse
Heerten
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