Editorial
Wo Langsamkeit
noch was gilt
Rekorde meldet wieder die Frankfurter Buchmesse –
jährlich erscheinen mehr und mehr Bücher,
doch weil die Umschlaggeschwindigkeit weiter steigt,
verschwinden die meisten Neuerscheinungen schon nach
wenigen Monaten, ja sogar Wochen aus den Ausstellungsflächen
und Regalen der Buchhandlungen. So ist es auch vor Jahren
Sten Nadolnys Buch „Die Entdeckung der Langsamkeit“
ergangen. Das Buch wurde kurzzeitig gelesen, aber in
dieser sich weiter beschleunigenden Zeit kann „Langsamkeit“
nur noch im Stillen reüssieren.
Auch in der internationalen Wissenschaft hat „Langsamkeit“
einen schweren Stand. „Publish or perish“
heißt die Devise, besonders in den Naturwissenschaften,
wo ein Projekt das andere jagt und wo Entdeckungen manches
Mal in mikroskopisch kleinste Einheiten zerhackt werden,
damit möglichst viele Publikationen daraus folgen
können. Schließlich gewinnt hier an Ansehen,
wer zuerst, schnell und immer wieder kommt. So verwundert
es nicht, wenn Einzelne das System zu pervertieren drohen,
weil sie es mit den Daten nicht so genau nehmen, so
geschehen vor Jahresfrist durch den Physiker Jan Schön
(zuletzt Bell Laboratories), der wegen der Datenlage
zahlreiche seiner Science-Beiträge wieder zurückziehen
musste.
Machen wir uns nichts vor: Gute Wissenschaft braucht
häufig viel Zeit, und man muss sie ihr lassen.
Deshalb finanziert die Deutsche Forschungsgemeinschaft
(DFG) zu Recht Wissenschaftlern nicht nur langlebige
Sonderforschungsbereiche, sondern noch langlebigere
Editionen.
Nach 22 Jahren Dauerfinanzierung durch die DFG
beendete Prof. Dr. Frithjof Rodi vom Institut für
Philosophie in diesem Monat mit dem Band 26 die Edition
der „Gesammelten Schriften“ des Philosophen
Wilhelm Dilthey (1833-1911), die er seit 1970, also
seit 35 Jahren, betreut hat. Dilthey hat mit
seinem unvollendet gebliebenen Werk „Einleitung
in die Geisteswissenschaften“ (1883) die Grundlagen
der hermeneutischen Theorie gelegt, er gilt als „der
Klassiker des Verstehens“. Mit Stolz konnte jetzt
der inzwischen 75jährige Rodi die Arbeit in jüngere
Hände legen – vier Bände Briefwechsel
stehen noch aus.
Rodi tat das vor einer kleinen Gruppe illustrer Gäste
aus dem In- und Ausland, die es sich nicht hat nehmen
lassen, zu diesem Abschied aus den USA, Brasilien, Russland,
Japan, Italien usw. anzureisen. Denn die Bochumer Dilthey-Forschungsstelle
betreut auch Übersetzungen der Werke ins Englische
(vier Bände sind in den USA bereits erschienen),
ins Russische (drei Bände erschienen) und ins brasilianische
Portugiesisch; daneben entstehen eine zwölfbändige
japanische Ausgabe und eine zweibändige Französische
– alle finanziert durch die Thyssen-Stiftung.
Gelegentlich hat also auch heute noch das alte Sprichwort
„was lange währt, wird endlich gut“
seine Berechtigung – leider viel zu selten. Für
die Bochumer Dilthey-Forschungsstelle gilt es allemal:
Sie hat eine große Ausstrahlungskraft über
Bochum hinaus entwickelt.
jk
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