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RUBENS 101

1. November 2005

Editorial

Wo Langsamkeit noch was gilt



Rekorde meldet wieder die Frankfurter Buchmesse – jährlich erscheinen mehr und mehr Bücher, doch weil die Umschlaggeschwindigkeit weiter steigt, verschwinden die meisten Neuerscheinungen schon nach wenigen Monaten, ja sogar Wochen aus den Ausstellungsflächen und Regalen der Buchhandlungen. So ist es auch vor Jahren Sten Nadolnys Buch „Die Entdeckung der Langsamkeit“ ergangen. Das Buch wurde kurzzeitig gelesen, aber in dieser sich weiter beschleunigenden Zeit kann „Langsamkeit“ nur noch im Stillen reüssieren.
Auch in der internationalen Wissenschaft hat „Langsamkeit“ einen schweren Stand. „Publish or perish“ heißt die Devise, besonders in den Naturwissenschaften, wo ein Projekt das andere jagt und wo Entdeckungen manches Mal in mikroskopisch kleinste Einheiten zerhackt werden, damit möglichst viele Publikationen daraus folgen können. Schließlich gewinnt hier an Ansehen, wer zuerst, schnell und immer wieder kommt. So verwundert es nicht, wenn Einzelne das System zu pervertieren drohen, weil sie es mit den Daten nicht so genau nehmen, so geschehen vor Jahresfrist durch den Physiker Jan Schön (zuletzt Bell Laboratories), der wegen der Datenlage zahlreiche seiner Science-Beiträge wieder zurückziehen musste.
Machen wir uns nichts vor: Gute Wissenschaft braucht häufig viel Zeit, und man muss sie ihr lassen. Deshalb finanziert die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) zu Recht Wissenschaftlern nicht nur langlebige Sonderforschungsbereiche, sondern noch langlebigere Editionen.
Nach 22 Jahren Dauerfinanzierung durch die DFG beendete Prof. Dr. Frithjof Rodi vom Institut für Philosophie in diesem Monat mit dem Band 26 die Edition der „Gesammelten Schriften“ des Philosophen Wilhelm Dilthey (1833-1911), die er seit 1970, also seit 35 Jahren, betreut hat. Dilthey hat mit seinem unvollendet gebliebenen Werk „Einleitung in die Geisteswissenschaften“ (1883) die Grundlagen der hermeneutischen Theorie gelegt, er gilt als „der Klassiker des Verstehens“. Mit Stolz konnte jetzt der inzwischen 75jährige Rodi die Arbeit in jüngere Hände legen – vier Bände Briefwechsel stehen noch aus.
Rodi tat das vor einer kleinen Gruppe illustrer Gäste aus dem In- und Ausland, die es sich nicht hat nehmen lassen, zu diesem Abschied aus den USA, Brasilien, Russland, Japan, Italien usw. anzureisen. Denn die Bochumer Dilthey-Forschungsstelle betreut auch Übersetzungen der Werke ins Englische (vier Bände sind in den USA bereits erschienen), ins Russische (drei Bände erschienen) und ins brasilianische Portugiesisch; daneben entstehen eine zwölfbändige japanische Ausgabe und eine zweibändige Französische – alle finanziert durch die Thyssen-Stiftung.
Gelegentlich hat also auch heute noch das alte Sprichwort „was lange währt, wird endlich gut“ seine Berechtigung – leider viel zu selten. Für die Bochumer Dilthey-Forschungsstelle gilt es allemal: Sie hat eine große Ausstrahlungskraft über Bochum hinaus entwickelt.



jk
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Letzte Änderung: 31.10.2005| Ansprechpartner/in: Inhalt & Technik