Mut zur Lücke
Beobachtet
Mit den Zahlen ist es so eine Sache, dazu hat jeder
seine eigene Theorie. Zum Beispiel Mathematiker: Unlängst
hat der Bochumer Professor Lothar Gerritzen vorgeschlagen,
die deutsche Zahlensprechweise dem internationalen System
anzugleichen. Fast überall in der Welt ist es üblich,
„Zwanzigeins“ zu sagen und nicht „Einundzwanzig“.
Schließlich schreiben wir zuerst die „2“
und dann die „1“ – und sprechen folglich
falsch herum. Gerritzen führt gar die schlechten
Rechenergebnisse deutscher Schüler bei den Pisa-Studien
auf dieses Falschherumsprechen zurück. Er gründete
den Verein „Zwanzigeins e.V.“, der die unverdrehte
Zahlensprechweise durchsetzen soll. Neu ist das allerdings
nicht, vergleichbare Initiativen existierten in Deutschland
nachweislich bereits anno 1900 und 1953.
Auch Fußballer haben ein ganz eigenes Verhältnis
zu Zahlen. Legendär ist die Aussage von Fritz Walter
(dem Jüngeren), zusammen mit Jürgen Klinsmann
„ein tolles Trio“ zu bilden. Noch aktueller
ist der durch die „deutsche Torwartfrage“
ausgelöste Zahlensalat, in dem Jens Lehmann so
lange herumstocherte, bis er die Nummer „9“
für sein Trikot herausfischte. Eine Zahl, die eigentlich
dem Mittelstürmer und nicht dem Torhüter gebührt.
Ein Aufschrei des Entsetzens ging durch weite Teile
des Landes. Doch sind ungewöhnliche Rückennummern
für Torleute keine Weltneuheit. Bei der Fußball-WM
1978 trug der argentinische Torwart Fillol die „5“,
weil die Nummern anhand der Nachnamen vergeben wurden.
Ardiles dribbelte und grätschte deshalb mit der
„1“ durchs Mittelfeld – erfolgreich,
denn Argentinien wurde Weltmeister.
In der vielfach nachgewiesenen Schnittmenge aus Fußball,
Aberglaube und Hotelgewerbe steht und fällt die
Zahl „13“. Kicker wie Gerd Müller oder
Michael Ballack trugen bzw. tragen sie aus Aberglauben
auf dem Rücken, um das Glück magisch anzuziehen.
Hotelbesitzer und andere Abergläubische möchten
– aus Angst vor Unglücken – am liebsten
auf die „13“ verzichten. In zahlreichen
Hotels (und anderen Hochhäusern) fehlt deshalb
der 13. Stock.
Der Verwaltung der Ruhr-Uni möchte man keinen Aberglauben
unterstellen und auch keine Zählkünste à
la Fritz Walter (dem Jüngeren). Auffällig
am zurzeit gültigen Organisationsplan der Ruhr-Uni
ist jedoch, dass bei den sorgfältig aneinander
gereihten Dezernaten das „Dezernat 2“ fehlt,
stattdessen folgt aufs „Dezernat 1“ direkt
das „Dezernat 3“. Natürlich wurde das
„Dezernat 2“ nicht etwa vergessen, sondern
aufgelöst. Man könnte sich allerdings fragen,
warum die Lücke nicht einfach geschlossen wird,
indem man aus dem „Dezernat 3“ das „Dezernat
2“ macht und aus „4“ die „3“
usw. – natürlich unter Beibehaltung der bisherigen
Aufgaben.
Vielleicht lohnt hier ein weiterer Rückgriff auf
den Fußball: Womöglich hält es die Verwaltung
der Ruhr-Uni wie der argentinische Fußballverband.
Nach dem Abtritt von Diego Maradona wollte er die Rückennummer
„10“ in der eigenen Nationalelf nicht mehr
vergeben (was der Weltfußballverband nicht erlaubte),
weil nie wieder ein „Zehner“ so gut spielen
würde wie Maradona.
Möglicherweise ist die Erklärung fürs
Nichtschließen der Lücke aber auch ganz simpel.
Auch früher war der Organisationsplan der Verwaltung
nicht vollkommen: So hatte er eine Zeitlang kein „Dezernat
6“ ausgewiesen. Das administrative Leben
lief damals dennoch weiter, und die Verwaltung hatte
nebenbei – ganz unmathematisch – ihren Mut
zur Lücke bewiesen.
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