Kriminologie
im Kirchenjahrl
Überraschender
nächtlicher Besuch im Büro
Es ist wieder mal spät geworden. Das Licht auf
den Toiletten wurde gerade abgeschaltet, die Geschäftigkeit
des Tages ist einer akademischen Stille gewichen. Die
laue Sommernacht strömt zum weit geöffneten
Fenster herein und verwöhnt das sonst hitzige Büro
mit Frische. Allenfalls mit dem Wachdienst ist um diese
Zeit noch zu rechnen. Wer jetzt arbeitet, ist entweder
besonders fleißig oder liebt es, den Tag später
beginnen zu lassen.
Von Ferne nähert sich, eher unterbewusst wahrgenommen,
ein Geräusch. Anscheinend werden Türen geklinkt.
Dann wieder Ruhe. Plötzlich steht ein Mann in meinem
Büro, die Klinke noch in der Hand. Kurzes gemeinsames
Erschrecken, ehe mein „Kann ich Ihnen weiterhelfen?“
die Situation leicht entspannt. Er antwortet stammelnd,
nach Worten suchend, und ich erfasse, dass er etwas
abzugeben habe bei einer Frau K., ein Plakat, wegen
eines Seminars, vom Rechenzentrum, weil die es wollte,
er es bisher vergessen habe und überhaupt.
Den von ihm genannten Namen kenne ich nicht, er ähnelt
aber dem einer Mitarbeiterin unserer Fakultät.
Als ich ihn erwähne, bejaht der nächtliche
Bote eifrig und will ihr die Rolle vor die Tür
legen. Das wiederum halte ich für riskant und biete
an, das Plakat am nächsten Morgen persönlich
zu übergeben. Er zeigt sich einverstanden und ist
im nächsten Moment auch schon verschwunden.
Frau K., am nächsten Morgen konfrontiert mit dem
Plakat „Kirchenjahr und gesellschaftliches Bewusstsein“,
beteuert mit einem „Gott bewahre“ auf den
Lippen, schon vor 20 Jahren aus der Kirche ausgetreten
zu sein. Auch bei einem zweiten Lehrstuhl, der immerhin
mal das Kirchenrecht im Namen trug, werde ich das Ding
nicht los. Ratlosigkeit. Mülleimer? Aber was, wenn
irgendwo jemand dringend das Kirchenjahr erwartet?
Heimlicher Schläfer
Ein Name fällt ins Auge, ganz unten auf dem Plakat.
Und tatsächlich, er lässt sich im Telefonbuch
der Uni finden. Und wo arbeitet er? Na klar: Bei den
Theologen. Ein Anruf, doch weder Sekretärin noch
der auf dem Plakat genannte Mitarbeiter erwarten eine
solche Lieferung. Ja, vor mehreren Monaten sei das Plakat
vom Rechenzentrum hergestellt und übergeben worden,
aber aktuell habe man nichts in Auftrag gegeben. Ich
schildere die seltsame Begegnung vom Vorabend, der Mann
mittleren Alters, Augenkontakt meidend, unsicher, kaum
in der Lage, „einen Satz geradeaus“ zu sprechen.
Dann eine plötzliche Eingebung meines Gesprächspartners:
Es wohne gelegentlich jemand im GA. „Im GA kann
man wohnen?“, frage ich irritiert. Nicht direkt,
erwidert der Mitarbeiter, aber es gebe da jemanden,
der regelmäßig in den nicht abgeschlossenen
Räumen des GA nächtige, sich in den Toilettenräumen
wasche und das alles auf eine geheimnisvolle, Spuren
verwischende Art. Sogar der Name sei bekannt, zumindest
der von ihm einmal spontan preisgegebene. Herr S. also.
Auf ihn trifft die Beschreibung haargenau zu.
Dann kommt ein Mosaikstein zum andern: Im Seminarraum
hänge nämlich das Plakat vom Kirchenjahr,
oder wohl zutreffender: habe gehangen. In der Tat, dessen
angestammter Platz ist leer. Nun endlich schließt
sich der Kreis: Herr S. bewegt sich des Nachts durch
die Gebäude auf der Suche nach offenen Büros.
Warum auch immer. Falls doch einmal jemand unerwartet
hinter der nicht abgeschlossenen Tür auftaucht,
retten das im GA „entliehene“ Plakat und
ein beiläufig gemerkter Name von einem Türschild
vor peinlicher Erklärungsnot und mindert das Misstrauen
gegenüber dem nächtlichen Besucher.
Und die Moral von der Geschicht: Türen lässt
man offen nicht. Immerhin, ganz schön clever der
Herr S. Nun muss er sich allerdings etwas Neues einfallen
lassen. Und das nur, weil er sich zum einen bei der
Theologie bediente, die über den Rand akademischen
Lebens hinaus ihr Umfeld beobachtet und er zum andern
mit dem Kirchenjahr ausgerechnet bei der Kriminologie
landen musste, die sozialen Erscheinungen gern mal gründlicher
nachgeht. Und nicht zuletzt, weil er ausgerechnet eine
offene Tür erwischte, wohinter noch jemand saß,
der den Tag später hatte beginnen lassen.
Dr.
Holm Putzke
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