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Es funkte im Fahrstuhl

Wie vor fast 50 Jahren Familiengeschichte an der RUB geschrieben wurde

November 1965: Das Wintersemester an der Ruhr-Universität Bochum hat gerade begonnen. Es ist das erste Semester überhaupt an der neu gegründeten Universität. Zwei, drei Gebäude, mehr umfasst der Campus noch nicht. In dem einen Gebäude studiert Petra, in dem anderen Gebäude Ahmad. Beide kennen sich nicht. Noch nicht.

Kurz nach dem Abitur ist sich Petra, Tochter einer Flüchtlingsfamilie, sicher: Sie möchte studieren! Wegziehen kommt für sie allerdings nicht infrage. Kurzerhand schreibt sie sich in ihrer Heimatstadt Essen an der Pädagogischen Hochschule ein. Nach drei Wochen steht fest: Das ist nichts für mich! Petras Mutter rät ihr, die Universität zu wechseln. Wie wäre es zum Beispiel mit dieser neu gegründeten Uni in Bochum? Sie habe da so etwas gehört. Gesagt, getan: Zum Wintersemester fängt Petra an, in Bochum Anglistik und Geografie für den Schuldienst zu studieren.

Fremdes Land

Etwas früher, mehr als 4.000 Kilometer Luftlinie von Bochum entfernt: Der 21-jährige Ahmad steigt mit zwei schweren Koffern und wenig Geld in der Tasche in den Bus und verlässt sein Heimatland Iran in Richtung Deutschland. Auf ihn wartet eine sehr mühsame zweiwöchige Reise, immer wieder unterbrochen von Stopps an Grenzen, wo er sich die entsprechenden Visa besorgen muss. Seine Brüder sind bereits vor Ort, in Heidelberg. Im Gegensatz zum Iran, wo nur die studieren können oder einen guten Job bekommen, die über das nötige Geld und Beziehungen verfügen, haben sie in Deutschland bessere Chancen. Seine Brüder verschaffen Ahmad sofort einen Job; parallel macht er an einem Studienkolleg sein Abitur, weil sein ausländisches Abitur nicht akzeptiert wird. Schließlich fängt er an, in Mainz Volkswirtschaft zu studieren. Die Fachsprache macht ihm schwer zu schaffen, sein Deutsch ist noch nicht gut genug. Doch er boxt sich durch. Was ihn stärker stört, ist, dass er ständig von anderen Persern umgeben ist, die sich ausschließlich in ihrer Landessprache unterhalten und keine Bemühungen zeigen, sich zu integrieren. Ahmad will weg. Irgendwo hin, wo keine seiner Landsleute leben und er die Möglichkeit hat, besser Deutsch zu lernen und die deutsche Kultur kennenzulernen. Er geht nach Bochum, wo er während der Semesterferien als Arbeiter am Bau der RUB beteiligt ist. Im Wintersemester 1965/66 beginnt er an derselben Stelle, das Fach Ökonomie zu studieren. Als einer der ersten RUB-Studenten überhaupt.

Zu diesem Zeitpunkt wissen Petra und Ahmad noch nichts voneinander. Ihre Kulturkreise könnten verschiedener kaum sein. Doch dann passiert es, am 2. November 1965. Petra verlässt ihr Gebäude, um in die Bibliothek des anderen Gebäudes zu gehen. Im Fahrstuhl trifft sie auf einen jungen Mann. Als sie genüsslich in ihren Apfel beißt, wünscht er ihr einen guten Appetit. Der junge Mann ist Ahmad Emami. Und Petra seine zukünftige Frau.

Es soll einige Zeit vergehen, bis Petra und Ahmad sich erneut treffen. Und auch hier hat der Zufall seine Finger in Spiel. Obwohl Petra nie in der Mensa isst, weil ihre Mutter sie jeden Morgen mit einem Lunchpaket ausstattet, kommt dieser eine Tag, an dem sie Geld anstatt eines Butterbrots einpackt – und in die Mensa geht. Plötzlich ist da wieder dieser südländisch aussehende junge Mann. Er setzt sich an Petras Tisch, erzählt ihr Geschichten aus seinem – für Petra exotischen – Kulturkreis. Und wickelt sie damit um den Finger. „Es war wie bei Desdemona und Othello“, erinnert sich Petra Emami. „Aber ich habe sie am Ende nicht umgebracht“, ergänzt Ahmad Emami und verweist auf die Shakespearesche Tragödie, in der der „Mohr“ Othello die schöne Desdemona heiratet, sie aus Eifersucht – ausgelöst durch eine Intrige – schließlich aber tötet.

Die Treffen werden häufiger, es entwickelt sich eine Beziehung. Jedoch ohne Zukunftsperspektive. Dem ungleichen Paar ist von Anfang an klar, dass Ahmad nur studiert, um später bessere Chancen in seinem Heimatland zu haben. Er will nach dem Studium zurück nach Teheran. Petra hingegen möchte im Ruhrgebiet bleiben; der Iran ist keine Option für sie. Beiden ist bewusst, dass sie sich früher oder später trennen müssen.

Kein Macho

Doch es kommt anders. In der Zwischenzeit ist Petra ins Studentenwohnheim nach Bochum-Querenburg gezogen. Ahmad hat ein Zimmer im Wohnheim gegenüber – Männer und Frauen wohnen getrennt.  „Ich konnte immer sehen, wenn das Licht bei ihm an war“, erinnert sich Petra Emami. Es ist eine schöne Zeit. Im Wohnheim gibt es eine gemeinsame Küche, es entstehen Freundschaften. Irgendwann lernt Petras Mutter Ahmad kennen und ist von dem jungen Mann begeistert. „Ahmad war sehr umgänglich, überhaupt kein Macho – eigentlich ein atypischer Perser“, so Petra Emami. Ihr letztes Semester verbringt sie alleine in Bochum; Ahmad geht nach Münster, wo er sein Examen als Volkswirt macht. Kurz darauf nimmt er eine Stelle im Bereich Systemanalyse in Hamburg an. Der Iran steht plötzlich nicht mehr zur Debatte. Ganz im Gegenteil: Inzwischen sind sich Petra und Ahmad sicher, dass sie heiraten und in Deutschland bleiben wollen – obwohl Letzteres gegen die Vorstellungen seiner Familie ist. „Er hat das aus freien Stücken entscheiden, ich wollte ihn nie dazu bewegen“, sagt Petra Emami.

Ahmad heiratet seine Petra, die bereits als Lehrerin arbeitet und voll in ihrem Beruf aufgeht. Er hingegen tut sich schwerer: Die Systemanalyse ist nicht sein Ding. Zu der Zeit suchen berufsbildende Schulen für den Schuldienst Personen aus anderen Berufen. Das Ehepaar Emami liest die Anzeige einer Schule im Westerwald, und ehe sie sich versehen, hat Ahmad die Stelle. Das Beste: Auch Petra wird eine Festanstellung angeboten. Es soll die Schule sein, an der sie bis zu ihrer Pensionierung bleiben. Die Emamis ziehen nach Rheinland-Pfalz, bekommen zwei Söhne und leben ein rundum glückliches Leben. Bis heute: Die Söhne sind lange aus dem Haus; nach der Pensionierung haben sie ihre Zelte im Westerwald abgebrochen und sind nach Braunschweig gezogen. Hier genießen sie das kulturelle Leben und die Gesellschaft von Gleichgesinnten. „Ich bin ein echter Glückspilz“, sagt Petra Emami, wenn sie ihr Leben Revue passieren lässt. „Trotz der kulturellen Verschiedenheit haben wir immer eine gleichberechtigte, partnerschaftliche Beziehung geführt. Eigentlich waren wir schon damals die Vorreiter für moderne Geschlechterrollen.“

An die RUB haben Petra und Ahmad, heute 69 und 73 Jahre alt, spätestens zurückgedacht, als sie ihr Sohn Julian, selbst Professor an der Erasmus University Rotterdam, kürzlich zur RUB50-Gala am 5. Juni 2015 eingeladen hat. Kurz nach ihrem Studium waren die Emamis noch einmal an der RUB, seitdem hat sich viel verändert auf dem Campus. „Das interessiert mich schon, wie es da heute aussieht“, sagt Petra Emami. Ob sie der Einladung ihres Sohnes nachkommen wird, weiß sie trotzdem noch nicht sicher; der Weg von Braunschweig nach Bochum ist weit. Ihr Mann und Sohn werden aber mit von der Partie sein. Und an den Ort zurückkehren, wo alles anfing…
(Text: Maren Volkmann)

 

Info: RUB50-Gala

Auf der RUB50-Gala am 5. Juni 2015 heißt die RUB  Alumni aus aller Welt willkommen, um ihr 50-jähriges Jubiläum feierlich zu begehen. Zum Programm gehören ein hochwertiges Buffet, Musik und Comedy, eine Talk-Runde mit prominenten Alumni, eine Preisverleihung sowie viele Überraschungsgäste und -acts. Veranstaltungsort ist die Mensa der RUB. Tickets kosten 125 Euro, ermäßigt 60 Euro (Abschluss 2010 oder danach).

Tickets: www.rub50.de/gala