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Geisteswissenschaften 

aus: RUBIN Nr. 2/97 Ausgabe November 1997 
Das spanische Theater des Siglo de Oro 
Die Theaterleidenschaft im Spanien des ‘Goldenen Zeitalters’ - Siglo de Oro - sorgte für eine heute kaum nachvollziehbare Produktivität der Autoren. Bis zu dreißigtausend gedruckte, ungedruckte, teils verschollene Theaterstücke werden vermutet - darunter wahre Bühnenspektakel, in denen auch Musik, Tanz und Erotik eingesetzt wurden. Die hispanistische Forschung macht sich sogenannte Konkordanzen zunutze, um die Welt der Worte, die Ideen eines Autors oder sogar einer ganzen Epoche zu erschließen.
Prof. Dr. Manfred Tietz, Romanische Philologie II, Fakultät für Philologie/Hispanistik der RUB  
Prof. Dr. Jürgen Rolshoven, Sprachliche Informationsverarbeitung, Universität zu Köln
Priv. Doz. Dr. Guido Mensching, Institut für Romanische Philologie, Freie Universität Berlin 

Unter der Herrschaft Kaiser Karls V. und König Philipps II. erlebte Spanien im 16. Jahrhundert - nicht zuletzt aufgrund des Goldes aus dem soeben entdeckten Amerika - einen gewaltigen politischen und wirtschaftlichen Aufschwung. Mit ihm eng verbunden war die Herausbildung städtischer Zentren: Sevilla, Valencia, Barcelona in der Peripherie; im Zentrum des Landes vor allem Valladolid und Madrid, die sich bis ins 17. Jahrhundert hinein die Rolle der Hauptstadt streitig machten. Das rasche Wachstum der Städte, besonders Madrids, mit einem zahlreichen, vielfach funktionslos gewordenen niederen Adel (hidalgos), einer großen Beamtenschicht, einer beachtlichen Zahl von Handwerkern, einer zahllosen Dienerschaft und nicht zuletzt einer »stadtflüchtigen« Landbevölkerung hatte erstmals in Spanien die Entstehung einer Gesellschaft zur Folge, die über »Frei-Zeiten« verfügte, die von der Erwerbstätigkeit und der Erfüllung der religiösen Pflichten nicht mehr in Anspruch genommen wurden. Die Gebildeteren unter diesem neu entstandenen »Publikum« vertrieben sich die - von der Geistlichkeit argwöhnisch betrachtete - Mußezeit mit der Lektüre »schöner Literatur«, wozu der noch relativ junge Buchdruck die materiellen Voraussetzungen schuf. Die Mehrheit des Publikums, darunter die hohe Zahl der Analphabeten, suchte die Befriedigung ihrer Unterhaltungsbedürfnisse und ihrer Schaulust in einem müheloser rezipierbaren Medium, im Theater.
In der Tat entstand, auf vielfältigen und zunächst recht bescheidenen spätmittelalterlichen und humanistischen Traditionen fußend, ab den 60er Jahren des 16. Jahrhunderts ein umfangreiches und ausdifferenziertes »Theatersystem«, das im spanischen Barock zu einem alles beherrschenden, kommerziell geführten »Freizeitunternehmen« wurde. Vielerorts in Spanien entstanden feste Theater (Abb.1: Jahrmarktsbühne als Vorform des festen Theaters ): einfache »Freilichtbühnen«, die in Baulücken oder in die Wirtschaftshöfe (corrales) bestehender Gebäude installiert wurden, mit Stehplätzen für die Masse der Zuschauer, die eine möglichst spektakuläre Unterhaltung suchten. Häufig konnten sie nur von der Stadtpolizei in Grenzen gehalten werden, auch wenn das männliche Publikum ohnehin bereits strikt von den weiblichen Zuschauern getrennt war. Die Aufführung fand generell bei Tage statt, so daß die Heimkehr der Besucher noch vor Einbruch der Dunkelheit gesichert war.
Bühnenspektakel mit Überraschungen
Die recht einfache Bühne, ohne Vorhang und Orchestergraben, erlaubte mit einer speziellen Maschinerie dennoch allerlei Überraschungseffekte (Abb. 2), hierin der Shakespeare-Bühne und dem Londoner Swan Theatre erstaunlich ähnlich. Auf der Bühne agierten hochprofessionalisierte Schauspieler, die nicht nur einen Text zu inszenieren verstanden, sondern wie ihre Vorbilder, die Akteure der italienischen commedia dell’arte, alle Register des damaligen „Showbusiness" beherrschten. Auf der Bühne auftreten durften - anders als im zeitgenössischen England - auch (junge) Schauspielerinnen, wenngleich häufig beklagte Mißstände (selbst König Philipp IV. hatte ein Kind mit einer Schauspielerin) die grundsätzlichen moralischen Bedenken des Klerus gegen die Institution Theater und die vielfach bezeugte Theater leidenschaft im damaligen Spanien verstärkten. Allerdings mußte auch der Klerus letztlich die äußerst erfolgreiche Unterhaltungsmaschinerie dieses Theaters dulden, wurde doch aus den reichlich sprudelnden Eintrittsgeldern das Krankenhauswesen der Städte (bisweilen auch die Militärlazarette) finanziert. Gleichzeitig mit der Ausformung der Theater und der Bildung von Schauspieltruppen traten in rascher Folge professionelle Autoren hervor, die die Nachfrage nach interessanten und spielbaren Texten befriedigten: Lope de Vega (1562-1635), Tirso de Molina (1580/1-1648) und Calderón de la Barca (1600-1681) sind hier vor allem zu nennen. Die Nachfrage nach Stücken war außerordentlich groß, hielt sich doch kaum ein Stück länger als drei oder vier Tage auf dem Spielplan: mit einem Fassungsvermögen von zweitausend Zuschauern schöpften die beiden Madrider Theater in weit weniger als einer Woche das gesamte potentielle Publikum von Theaterbesuchern aus.
Abb. 1:  Rekonstruktion eines Theaters aus dem 17. Jh. im neukastlischen Städtchen Almagro. Es wurde seit dem 18. Jh. als Scheune benutzt und in den 6Oer Jahren rekonstruiert Die Stirnwand der Bühne ist zugleich Rückwand eines der Häuser, die den corral vor dem Einbau des Theaters umgaben. Vor der Bühne beginnt der patio, der Raum für die Stehplätze der männlichen Zuschauer. Die
seitlichen Galerien waren einem zahlungskräftigeren Publikum vorbehalten. Der Bühne gegenüber im ersten Stock, befand sich die cazuela (»Bratlpfanne«), wo
die Frauen in quälend heißer Enge und weit entfernt vom Bühnengeschehen an den Aufführungen teilnahmen.
 
 
Dieser gewaltigen Nachfrage entsprach auf Seiten der Autoren eine kaum nachvollziehbare Produktivität. Die Schätzungen hinsichtlich aller in der 2. Hälfte des 16. und im Verlauf des 17. Jahrhunderts verfaßten Theaterstücke schwanken zwischen einem Minimum von 10.000 und einem Maximum von 30.000 Werken.  
Abb. 2 (links):  
Skizze eines Karrens aus dem Jahre 1646. Vier solcher Karren wurden hinter einer — ebenfalls fahrbaren — Plattform aufgestellt; dies ergab eine recht beachtliche Spielfläche von etwa 18 mal 6 Metern, auf der die autos sacramentales aufgeführt wurden. »Türme« wie der hier abgebildete waren auch im »ersten Stock bespielbar.  
Abb. 3 (rechts):
Keine der Karrenbühnen des 17. Jh. ist erhalten. Der Versuch einer Rekonstruktion erfolgte nach den Angaben im Text (memoria de apariencias) von Calderóns Der göttliche Orpheus. Das Bild (Modell von Pedro R. León) zeigt eine Detailaufnahme von einem der beiden Außentürme. Sie waren mächtig genug, um in ihnen ein Schiff verschwinden zu lassen. Die Schiffe ihrerseits waren so groß, daß ein Schauspieler in ihrem Takelwerk agieren konnte. Versuche, Karren entsprechender Größe (mit mindestens 5 m Höhe) nachzubauen, sind bislang aus statischen Gründen gescheitert. 
 
Bis zu 30 000 Theaterstücke 
Allein Lope de Vega, der eigentliche Schöpfer der Erfolgsformel der spanischen comedia (eine handlungsreiche Liebesgeschichte mit happy end, feschen jungen adligen Damen und Herren und kecken Dienerinnen und Dienern als Handlungsträgern) will nicht weniger als 1.500 Theaterstücke verfaßt haben (selbst Goethe brachte es auf keine drei Dutzend), von denen immerhin rund 450 unter seinem Namen tatsächlich überliefert sind. Die Aufführungen der Stücke waren keine hehren intellektuellen Weihestunden, sondern lautstarke Spektakel von drei bis vier Stunden Dauer, in denen auch Musik, Tanz und die erotische Wirkung der Schauspielerinnen eingesetzt wurden. Dabei wurde keineswegs nur die jeweilige comedia auf die Bühne gebracht. Jede Aufführung des Haupttextes war von den Nebentexten der Zwischenspiele (entremeses) begleitet, die vor keiner Parodie, keinem Milieu und kaum einer sprachlichen Unflätigkeit zurückschreckten. 
Zwei Welten: Spektakel mit Musik, Tanz und Erotik...
Lope de Vega rechtfertigte ironisch dieses Theater gegenüber seinen gebildeten Verächtern mit dem schlagenden Argument, daß vor allem das gemeine Volk (el vulgo) das zahlende Publikum darstellte, das daher ein Recht hatte, auch Dinge nach seinem etwas gröberen Geschmack vorgesetzt zu bekommen.
Neben diesem weltlichen Unterhaltungstheater gab es ein religiöses Theater, das zwar von den gleichen Schauspielern aufgeführt und von den gleichen Autoren mit Texten versorgt wurde, das aber nur in einer Woche des Jahres und auf einer gänzlich anderen Bühne zur Aufführung kam: es sind dies die autos sacramentales, einaktige Stücke, deren Aufführung am Fronleichnamsfest stattfand. Ursprünglich mit der Liturgie dieses Festes eng verbunden, waren sie Teil der Festprozession: auf bespielbaren Flächen, die auf Karren montiert in der Prozession von Ochsen gezogen mitgeführt wurden.  
 Die Schauspieler stellten religiöse Sujets aus der Heilsgeschichte dar, deren letztes Ziel die Verherrlichung des Altarsakraments, der Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi in der Transsubstantiation, war. Das bekannteste dieser Stücke ist zweifelsohne Calderóns Großes Welttheater, das noch heute auch im deutschen Sprachbereich immer wieder einmal aufgeführt wird und das eines der Vorbilder für Hofmannsthals Jedermann darstellt. 
Abb. 4:
Das Bild aus dem Jahre 1670 zeigt eine Tarasca, einen geflügelten — weiblichen — Drachen, der auf Räder montiert, in der Fronleichnamsprozession mitgeführt wurde. Eine Mechanik erlaubte es, Kopf und Schwanz der Tarasca über die erstaunten Zuschauer hinwegzubewegen und so zum unterhaltsamen Erschrecken und spektakulären Charakter der auto-Aufführungen beizutragen. Die lebenden Personen auf dem Rücken der Tarasca geben eine Vortsellung von deren Größe.
 
.... und Theater mit sakralen Geschichten
Natürlich wollten diese Stücke dem schaulustigen, gaffenden Volk keineswegs die theologischen Geheimnisse des Fronleichnamsfestes erklären. Es ging vielmehr darum, die einfachen Zuschauer zu faszinieren und mit ungeheuer prunkvollen, wahrhaftig ‘barocken’ Aufführungen zu beeindrucken und das Wir-Gefühl jenes katholischen Spaniens zu verstärken, aus dem gerade die Muslime und die Juden vertrieben und in dem die Ketzer durch die Feuer der Inquisition vernichtet worden waren. So kostspielig waren diese - von den Städten zu finanzierenden - Aufführungen, daß sie schließlich im 18. Jahrhundert als reine Geldverschwendung verboten wurden .
Die deutschsprachige hispanistische Forschung hat sich seit ihren Anfängen intensiv mit dem Theater des Siglo de Oro befaßt. 
Hispanistische Forschung in Deutschland
Die überhaupt erste Gesamtdarstellung dieses Theaters stammt aus der Feder eines deutschen Gelehrten. Adolf Friedrich Graf von Schacks (1815-1894) Geschichte der dramatischen Literatur und Kunst in Spanien (3 Bde, 1845/46) ist auch heute noch von Nutzen. In der Folgezeit war in Deutschland das hispanistische Interesse häufig konfessionell mitbedingt: das katholische Deutschland glaubte in der Gelehrsamkeit und religiös bestimmten Kultur des spanischen Barock ein eigenes Modell zu finden gegenüber dem laizistischen, kulturell und intellektuell dominierenden Protestantismus im Deutschland der Jahrhundertwende. Dementsprechend galt das Interesse lange dem – vermeintlich – theologischsten aller Dramatiker des Siglo de Oro, Pedro Calderón de la Barca, dessen comedia La vida es sueño (»Das Leben ein Traum«) wie sein „Großes Welttheater" (El gran teatro del mundo) in der Tat von einer tief katholisch-barocken Weltsicht bestimmt ist. Diese allzu idealistische Sicht der Dinge allmählich in eine nüchternere wissenschaftliche Sicht gebracht zu haben, ist unter anderem auch das Verdienst des Hispanisten Hans Flasche, der in den 60er Jahren ein internationales Calderón-Kolloquium (Coloquio anglogermano sobre Calderón) ins Leben rief, das er nicht weniger als zehnmal geleitet hat und dessen Akten ein wichtiges Instrument der Calderón-Forschung geworden sind. Das 8. dieser Kolloquien fand 1987 in Bochum/Schwerte statt. Seit dem Tod von Hans Flasche im Jahre 1995 liegt die Zuständigkeit für das Kolloquium bei der Ruhr-Universität. Von hier aus wurde 1996 das 11. Kolloquium in St. Andrews (Schottland) organisiert.
Abb. 5:
Der Zusammenhang zwischen Ausgangstext und Konkordanz wird hier am Beispiel der wohl berühmtesten  Textstelle aus La vida es sueño (»Das Leben ein Traum«) dargestellt. Alle Wörter des Textes (A) erscheinen in der Konkordanz (B) in alphabetischer Reihenfolge zentriert und fettgedruckt untereinander. Dabei wird die Textstelle, aus der das Wort stammt, jeweils links und rechts beibehalten. Dies erlaubt dem Benutzer das Verständnis des Zusammenhangs, in dem das Wort verwendet wird. Am linken Rand befindet sich ein Verweis auf den Ausgangstext.
 
Hans Flasche war es auch, der zusammen mit Gert Hofmann an der Universität Hamburg als erster in der deutschsprachigen hispanistischen Literaturwissenschaft die Möglichkeiten der elektronischen Datenverarbeitung nutzte und mit einem heute abenteuerlich anmutenden Lochkartensystem eine Konkordanz der autos sacramentales Calderóns erstellt hat (5 Bde, Olms Verlag, 1982/83). Konkordanzen sind alphabetische Zusammenstellungen des in einem oder mehreren Texten verwendeten Vokabulars. 
Konkordanz erschließt die Welt der Worte
Wörter werden dabei nicht einzeln aufgelistet, sondern sind in ihren Kontext eingebettet. Abb. 6 zeigt anhand eines kleinen Beispiels – der wohl berühmtesten Textstelle aus La vida es sueño (»Das Leben ein Traum«) – den Zusammenhang zwischen Ausgangstext und Konkordanz. Alle Wörter des Textes (A) erscheinen in der Konkordanz (B) in alphabetischer Reihenfolge zentriert und fettgedruckt untereinander. Dabei wird die Textstelle, aus der das Wort stammt, jeweils links und rechts beibehalten. Dies erlaubt dem Benutzer das Verständnis des Zusammenhangs, in dem das Wort verwendet wird. Am linken Rand befindet sich ein Verweis auf den Ausgangstext (hier: die Zeilennummer aus A). Konkordanzen sind für die Literatur- und Sprachwissenschaft, aber auch für andere Bereiche der Geisteswissenschaften, eine unerläßliche Hilfe bei der Erschließung der Welt von Wörtern und Ideen eines Autors oder sogar einer ganzen Epoche. Dies trifft insbesondere auf die stilistisch so elaborierte Sprache der spanischen Barockliteratur zu. 
Das von Flasche initiierte Projekt der Calderón-Konkordanz ist für die jeweils etwa 80 Dramen und comedias sowie die rund 40 Stücke »Kurztheater« in Bochum und an der Universität zu Köln mit Unterstützung der DFG fortgeführt und mittlerweile abgeschlossen worden. Die über 4000 engbedruckten Sei-ten der zu bearbeitenden dramatischen Werke wurden mit Hilfe eines Scanners in ein maschinenlesbares Format überführt, teilautomatisch korrigiert und anschließend mehrmals gegengelesen. Für die Erstellung der Konkordanz wurde das an der Universität zu Köln entwickelte Programm PowerKonk (siehe Info-Kasten) verwendet. Da in einer vollständigen Konkordanz jedem Wort des Ausgangstextes eine Zeile entspricht, ergibt z.B. eine Schreibmaschinenseite mit etwa 400 Wörtern eine vierhundertzeilige Konkordanz, also ungefähr zehn Seiten. In Anbetracht der Datenflut der Werke Calderóns (allein die spanische Präposition »a« würde eine dicken Band füllen!) wird nur noch die Konkordanz für das »Kurztheater« in Buchform erscheinen. Der Rest wird – anstelle von etwa 20 mächtigen Bänden – auf CD-ROM veröffentlicht und im Internet zugänglich sein. Im Gegensatz zur Buchform erlaubt die elektronische Version dem Benutzer, sich je nach Bedarf Konkordanzen in verschiedenen Formaten erstellen zu lassen. Hierbei kann er die Form der Ausgabe selbst steuern, indem er Optionen wie Sortierordnung oder Kontextlänge einstellt.
Info 
Konkordanzprogramm PowerKonk
Das am Institut für Sprachliche Informationsverarbeitung der Universität zu Köln entwickelte Konkordanzprogramm PowerKonk ist in der Lage, auch aus großen Textmengen benutzergesteuert mit Hilfe einer leicht zu bedienenden Oberfläche Konkordanzen, Wortlisten und Indizes verschiedenster Formate zu erzeugen. Das Bild (unten) zeigt das Programm nach der Bearbeitung der dramas Calderóns. In diesem Beispiel wurde eine selektive Konkordanz für das Wort teatro erzeugt, dessen Originalstellen anhand von Siglen und Seitenangaben (links) in der Textausgabe auffindbar sind. Die Ergebnisse können am Bildschirm verfolgt und anschließend in der Datei gespeichert werden. Über ein Austauschformat (RTF) ist die Weiterverarbeitung der erzeugten Daten mit jedem gängigen Textverarbeitungssystem sichergestellt. PowerKonk wurde mit Hilfe der objektorientierten Programmiersprache OBERON/FTM implementiert und läuft unter MS WindowsTM (3.X, 95, NT). 
Das Beispiel gibt einen Eindruck davon, wie die Konkordanz dazu beiträgt, das komplexe sprachliche und konzeptuelle Geflecht des spanischen Barockautors und seiner Zeit zu entschlüsseln. 

Beispiel einer Konkordanz für das Wort teatro


Der Ausdruck »Welttheater« (teatro del mundo) ist nicht nur der Titel des bekannten Theaterstücks, sondern wird von Calderón häufig verwendet: Die Welt als Illusion, als Theater, zu betrachten, das Spiel von Sein und Schein, gilt als typische Sichtweise für eine von Gegensätzen geprägte Zeit — die Zeit selbst ist ein Theater (teatro del tiempo) —, so wie einige Forscher im barocken Gang ins Theater eine Art Weltflucht zu erkennen glauben. 
 
Darüber hinaus, oder vielleicht hieran anknüpfend, verwendet Calderón das Wort teatro in zahlreichen Metaphern und Wortspielen barocker Prägung: der Nacht wird ein sonnengefülltes »Tagtheater« (teatro del día) gegenübergestellt, das Meer ist ein »Risikotheater« (teatro de contingencias), schwer gangbare Felsen sind ein »Unglückstheater« (teatro de desventuras), der Mensch ist dem Menschen nicht etwa ein Wolf, sondern — tatsächlich — ein Theater (teatro del hombre al hombre), und all dies konnte im grausamen »Todestheater« (teatro de la muerte) enden. Das Theater war also nicht nur der Lieblingszeitvertreib des Spaniers im Siglo de Oro. 
 
 
 
 
Zuschreibung: de Molina, de Claramonte oder de Vega?
 
Die Calderón-Konkordanz wird, zusammen mit anderen Daten-banken zum Spanischen Theater, die zur Zeit in den USA und in Spanien aufgebaut werden, besonders im literaturwissenschaftlichen Bereich dazu beitragen, einen Teil jener Probleme zu lösen, die sich für das Theater des Siglo de Oro mit seiner schier unübersehbaren Fülle von (gedruckten, ungedruckten, verschollenen, vermuteten) Texten noch immer stellen:
So die Bestimmung des Verfassers der häufig anonym oder unter falschem Verfassernamen überlieferten Stücke; die Lösung von Fragen relativer und absoluter Chronologie der Werke; die Beschreibung des Individualstils einzelner Autoren; die stilistische und inhaltliche Periodisierung einer weltweit wohl einmalig umfangreichen Theaterproduktion, die sich über anderthalb Jahrhunderte erstreckt; v.a. aber das Erarbeiten von Materialien als Grundlage für kritische Editionen, an denen noch immer ein großer Bedarf besteht. 
Wie prekär die Dinge sich diesbezüglich darstellen, mag ein besonders krasses Beispiel illustrieren. Das wohl bekannteste und folgenreichste Theaterstück des spanischen Siglo de Oro, die erste Bearbeitung des Don Juan-Stoffs aus dem zweiten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts, gilt noch immer als das Werk von Tirso de Molina. Nicht wenige Argumente sprechen jedoch dafür, das dieses berühmte Stück von Andrés de Claramonte verfaßt wurde, dem bislang weitgehend übersehenen Leiter einer erfolgreichen Schauspieltruppe, der, so will es plötzlich scheinen, vier der bedeutendsten Theaterstücke des 17. Jahrhunderts verfaßt haben könnte, darunter auch zwei, die als Werke Lope de Vegas gelten. Es bedarf keines Hinweises, daß die völlig neue Zuschreibung mit einer neuen Textgestaltung und Datierung verbunden ist, was wiederum nicht ohne Bedeutung für das Verständnis der Texte bleiben kann. Ein Grund für diese Verwirrung ist unter anderem im Vorgehen der damaligen Buchdrucker zu sehen. Um ihren Drucken möglichst große Absatzchancen zu eröffnen, schrieben sie bisweilen die Texte willkürlich einem gerade in Mode stehenden und damit absatzfördernden Autor zu. Es wird die internationale Hispanistik nicht wenig Mühe kosten, diese komplexen Fragen in einem umfassenden Datenabgleich einer zumindest plausiblen Lösung zuzuführen. Eine Voraussetzung dafür wird allerdings auch sein, daß – wie im Fall von Shakespeare, dessen Erforschung der eines Lope de Vega oder eines Calderón nicht zuletzt aufgrund des viel geringeren Textkorpus weit vorauseilt – umfassende Handbücher für die großen spanischen Theaterautoren in internationaler Zusammenarbeit erstellt werden. Für die Hispanistik im deutschen Sprachbereich bieten sich Leben und Werk Calderóns für ein solches Vorhaben an, ist dieser Autor doch über viele Jahrzehnte hinweg ihr bevorzugter und erfolgreich bearbeiteter Gegenstand gewesen.
 
 

11.12.1997   
 

© Romanisches Seminar 
erstellt von Gero Arnscheidt