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FAZ & FR - Ein Vergleich

Die Rezeption der Person Leni Riefenstahls schlug vom Zeitpunkt des Kriegsendes bis zum ausklingenden Jahrtausend mehrfach eine neue Richtung ein. Die journalistischen Veröffentlichungen gaben der Künstlerin Raum zur Selbstdarstellung, griffen sie persönlich an, analysierten ihr Werk von unterschiedlichen Ansätzen aus oder beobachteten die Person mit mehr oder weniger großer Bewunderung.

Auch Leni Riefenstahl äußerte sich in der Presse und suchte schon früh ihre Lebenslegende zu festigen.

So druckte die Frankfurter Rundschau 1958 einen ausführlichen Leserbrief Riefenstahls ab, in dem sie zu einem vorher erschienenen Artikel Stellung nimmt. In dem Bericht, der den Stein des Anstoßes darstellte, wurden erstmals Zweifel an einer ganz dem Künstlerischen verpflichteten Karriere der LR wach. In ihrer Reaktion darauf verweist Riefenstahl auf ihre Sicht der Vorbereitung und Dreharbeiten zu „Olympia“, wehrt u.a. jegliche ideologische Untermalung der Olympischen Spiele ab und verweist auf Bestimmung des Olympischen Komitees, an die sie sich gehalten habe.

Eine kleine Notiz aus der FAZ von 1961 zitiert ihre Reaktion auf eine ablehnende Reaktion eines englischen Journalisten: „Ich habe niemals einen Massenmord gesehen, ich habe niemals ein Konzentrationslager gesehen, ich habe niemals von Eichmann gehört.“ Und sie habe „auch keine Propagandafilme für Goebbels gedreht“ [1].

Diese und ähnliche Äußerungen machen bis heute das Image der „Unbelehrbaren“ aus.

Dennoch wurden in den fünfziger und sechziger Jahren die verschiedenen Aktivitäten und Projekte LRs reflektiert, ohne dabei einen feindlichen Ton anzunehmen. So berichtete die FAZ u.a. über die Versuche, Das Blaue Licht neuzu verfilmen. Auch die Erstaufführung von Tiefland wurde weitgehend sachlich rezensiert.

Die Pressekommentare zu R's finanziellen Ansprüchen an Kompilationsfilme, wie z.B. „Mein Kampf" zielten mehr auf moralische als auf juristische Sichtweisen. In einem Beitrag wird Riefenstahl vorgeworfen, sie wolle finanziellen Nutzen ziehen aus einem Werk, dass sich als Aufklärung über die nationalsozialistischen Verbrechen verstand: „Als sie das Filmdokument sah, das einen unschätzbaren Aufklärungsdienst über Wesen und Wirkung des Dritten Reiches erfüllt, bewegte sie nur ein Gefühl: Da kann Leni Riefenstahl dran verdienen!“ [2]

Die Presselandschaft war sich noch uneins darüber, wie man mit dem Erbe der Nazis umgehen sollte. Doch wurde Leni Riefenstahls Art und Weise, ihren Eigentumsanspruch geltend zu machen und abkassieren zu wollen, hart angegriffen und kritisiert.

In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre nahm die journalistische Beschäftigung mit Leni Riefenstahl ab, da sie sich auf ihren Expeditionen in Afrika befand.

Dies änderte sich Anfang der siebziger Jahre. Als zu den Olympischen Spielen in München der Olympia-Film nach langer Zeit wieder zu sehen war, tauchte Riefenstahl für viele Journalisten „aus der Versenkung“ [3] auf. Erneut wurde ihr finanzieller Gewinn aus dem Film kritisiert und die unpolitische Aufnahme eines politischen Werkes in Frage gestellt. Durch diese politische Ablehnung des Werkes wurden auch Fragen nach den Beziehungen der Leni Riefenstahl zu Staat und Partei des faschistischen Regimes abgeleitet.

Erstmals wurden Fragen nach der ideologischen Aussage ihrer Filme gestellt: „...was ist Ideologie anderes als unbewusste, verinnerlichte Weltanschauung, unabhängig von politischen Äußerungen?“ [4]

Zu ihrem 70.und 75. Geburtstag erschienen zahlreiche Würdigungen, die zum Anlass genommen wurden, die Karriere der Jubilarin nach zu zeichnen.  

Es schien, als hätte die Öffentlichkeit nach langer Abstinenz einen Nachholbedarf gehabt, Leni Riefenstahl zum Thema zu machen. Einige Einladungen zu Film - Festivals und Auftritte in TV-Shows fanden Erwähnung. Nicht nur in Rosenbauers Talkshow „... je später der Abend“ wurde erneut die Frage nach den Umständen ihrer Filmproduktionen gestellt. Riefenstahls immer gleichbleibende Erklärungen („Ich habe auch nie einen Propagandafilm gedreht und hatte keinen Umgang mit irgendwelchen Regierungsstellen. Ich war nicht einmal Mitglied der Nationalsozialistischen Partei...“ [5]) wurden in der Presse dabei genauso wiedergegeben wie schon Jahrzehnte zuvor.

Erstmals wurde von einer Renaissance und von einem Comeback gesprochen. Auf der einen Seite wurde dabei nicht in Frage gestellt, dass „sie die technisch-formalen Seiten des Metiers vollkommen beherrscht und in ihrer Weise eine große Könnerin ist“, doch andererseits dominierte eine deutliche Ablehnung, weil sie „eine Repräsentantin einer reinen faschistischen Ästhetik gewesen ist“ [6] und „die Olympia-Filme ... von faschistischer Ideologie triefen“ [7]

Durch die Veröffentlichung der Nuba - Bücher Mitte der siebziger Jahre wurde sie auch wieder als zeitgenössische Künstlerin betrachtet. Auch hier ist, wie so oft, die Ambivalenz zu beobachten, die Leni Riefenstahl immer wieder auf sich zieht: Einerseits wird ihre Arbeit als „brillant“ und „einzigartiges Zeugnis“ bezeichnet, andererseits wird die Kontinuität ihres Werkes festgestellt: „Es ist erschreckend, wie man Sensibilität für Schönheit und Form gleichermaßen für die schauerlichste Propaganda und für die Dokumentation eines untergehenden Volkes einsetzen kann“ [8].

Mit Beginn der 80er Jahre fanden immer häufiger die nicht-künstlerischen Aktivitäten Erwähnung in der Presse: Kommentare zu den Einladungen zu (meist ausländischen) Filmfestivals, zu den Fernseh-Specials (z.B. „Mit oder ohne Gänsehaut – Lebensläufe: Leni Riefenstahl, in: FAZ 25.03.80) und auch die inzwischen obligatorischen Geburtstags-Artikel schlugen mehr und mehr einen besänftigenden Ton an. In zahlreichen Interviews nutzte LR immer wieder die Gelegenheit, ihre immer fester werdende Lebenslegende zu präsentieren. Das in den 70er Jahren so kritisierte Comeback der Riefenstahl wird resignierend akzeptiert und von manchen Seiten, („...Feministinnen zeigten sich nachsichtig. Für sie ist Leni Riefenstahl eine Frau, die sich in einer Zeit, die gänzlich anderer Ideale propagierte, behauptete...“ [9]) sogar begrüßt.

In den siebziger und frühen achtziger Jahren wurde erstmals das Werk der Künstlerin auf seine ästhetische wie politische Bedeutung überprüft. Leni Riefenstahl, die viele Jahre und Jahrzehnte das provozierende Ärgernis geliefert hatte, wurde zunehmend von den Werken getrennt, um diese wertfreier zu sehen. So kam der Vortagsreihe Hilmar Hoffmanns über Sieg des Glaubens von Seiten der FAZ besondere Aufmerksamkeit zuteil, die die widersprüchliche Figur Leni Riefenstahls völlig außer Acht ließ [10].

Dass das Interesse an Leni Riefenstahl Ende der 80er Jahre mehr und mehr stieg, zeigt sich an der umfangreichen Rezension ihrer Memoiren [11] und der intensiven, aber weitgehend wertfreien Verfolgung der Prozesse um Nina Gladitz’ Film Zeit des Schweigens und der Dunkelheit. [12]

Die neunziger Jahre wurden durch eine sich aneinander reihende  Folge von Ausstellungen und Retrospektiven im In- und Ausland, deren Echo bis in die deutsche Presse hallte, ein bis dahin unerreichbarer Höhepunkt der Rezeption von Leni Riefenstahl.

Häufig wurde deren Vermeidung „kritischer Problematisierung“ [13] und fehlender Neuigkeitswerte beklagt.

Erstmals nutzen andere Künstler Leni Riefenstahls Karriere, um sie in fiktionalen Bearbeitungen auf Bühnen zu bringen, auch wurde über die Pläne, Riefenstahls Leben für die Leinwand zu bearbeiten, berichtet.

Die Artikel zu runden Geburtstagen wurden obligatorisch und ähnelten sich mehr und mehr, auch die von der Presse rezensierten Fernsehinterviews konnten Leni Riefenstahl nur wenig Neues entlocken, da die ewig gleich gestellten Fragen auswendig wirkende Antworten hervorbrachten.

Zur Jahrtausendwende hat es den Anschein, als erhöhe das zunehmende Alter und die nicht weniger werdende Mobilität der Greisin den Reiz der Journalisten, sich mit Riefenstahl zu befassen. Staunen und Empörung mischen sich in den Artikeln, wenn über ihre wachsenden Aktivitäten berichtet wird. Doch für Journalisten ist Leni Riefenstahl längst ein Ereignis geworden, ein Event.

Wann immer sie auftaucht, ist die Presse zahlreich vertreten, als wolle man vor ihrem Ende noch einen Blick auf sie werfen [14].

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[1] Tränenreiche Pressekonferenz. FAZ 15.12.60

[2] Taktfrage. FR 13.12.60

[3] Leni Riefenstahls fragwürdige Renaissance. FR 25.08.72

[4] Leni Riefenstahls fragwürdige Renaissance. In: FR 25.08.72

[5] Leni Riefenstahl 70. In: FAZ 21.08.72

[6] Leni Riefenstahls fragwürdige Renaissance. In: FR 25.08.72

[7] Das unaufhaltsame Comeback der Leni Riefenstahl. In: FAZ 01.09.72

[8] Bilder aus einer untergehenden Kultur. In: FAZ 15.11.75

[9] Verführungen. Leni Riefenstahl wird achtzig. In: FAZ 21.08.82

[10] Macht und Marionetten. In: FAZ 30.01.86, und: Der Zeit das Ziel gewiesen. In: FAZ 26.02.86

[11] Zwischen Edelmenschen und Schurken. In: FAZ 06.10.87

[12] u.a. Zweite Runde. In: FAZ 09.02.87

[13] Blau ist ihre Lieblingsfarbe. In: FAZ 07.08.96

[14] u.a. Siebenneunzigeinhalb! In: FAZ 05.05.00, und: Eisen und Knochen. In: FR 21.10.00

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zuletzt geändert am 14. July 2002, 15:48   
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