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(00221) 13.08.2002 13:58

Online-Studie der RUB: Gewinner und Verlierer der WM 2002


Bochum, 13.08.2002
Nr. 222


Entscheidend ist nicht nur auf dem Platz
WM-Monitor 2002: Große Online-Studie der RUB
Wie die Medien Themen setzen und Meinung machen


Wer war hopp, wer war topp? Bei der
Fußball-Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea gab es viele
Überraschungen und Enttäuschungen, Gewinner und Verlierer.
Weltweit erstmals hat eine Studie ein solch internationales
Großsportereignis kontinuierlich begleitet: der „WM-Monitor
2002“. Das Bochumer Institut für angewandte
Kommunikationsforschung (BIFAK) hat 500 Personen regelmäßig
online befragt und dabei Meinungen, Stimmungen, Prognosen
und das Rezeptionsverhalten gemessen. Das zentrale Ergebnis:
Jede Zwischenentscheidung und jeden noch so marginalen
Vorfall thematisieren die Medien, um deren Einfluss auf die
Titelchancen zu analysieren. Die Zuschauer – und Leser –
greifen diese Themen auf, formen dazu ein ähnliches
Meinungsbild und kommunizieren mit ihrem sozialen Umfeld
darüber.

Studie online bestellbar

Die Studie „WM-Monitor 2002“ ist gegen eine Schutzgebühr von
45 Euro online bestllbar unter
http://www.bifak.de/projects/wmmonitor.htm

Permanente und tagesaktuelle Fragen

Die Forscher um Prof. Dr. Franz R. Stuke (Sektion für
Publizistik der RUB) und Peter Kruck (BIFAK) haben
untersucht, welche Themen im Laufe des Turniers entstanden
sind und welche Rolle die Medien dabei spielen. Ein Kern von
500 Personen hat durchgehend an acht Befragungen
teilgenommen – von der ersten vor Beginn des Turniers bis
zur abschließenden Befragung nach dem Finale. Bestimmte
Fragen wurden immer wieder gestellt, um „Themenkarrieren“ im
Laufe der WM zu verfolgen, andere Fragen resultierten aus
aktuellen Themen, die die Forscher aus Inhaltsanalysen der
gängigen Medien abgeleitet haben (TV: Berichterstattung und
Übertragungen in ARD, ZDF, SAT 1, Premiere; Print: BILD,
Sport BILD, Kicker, überregionale Tageszeitungen).

Kommunikative Kette mit Endpunkt

Die Studie untersucht die kommunikative Kette rund um das
Großereignis: die Vorberichterstattung in Printmedien und im
Fernsehen, die Übertragung der Spiele und den Spielbericht,
die anschließenden Analysen und Prognosen sowie deren
Einfluss auf die Rezipienten. Über allem schwebt das
Leitmotiv: Wer kann es denn nun schaffen? Anders als bei
Olympischen Spielen mit den zahlreichen Einzelentscheidungen
z. B. ist bei der Fußball-WM alles auf einen einzigen
Zielpunkt ausgerichtet, den Abpfiff des Finales und die
Antwort auf diese Frage.

Immer derselbe Tipp trotz Überraschungen

Wenn das Turnier auch viele Überraschungen bot, die
Titelaspiranten standen für die Befragten von Beginn an in
einer konstanten Reihenfolge fest. Schied einer der
Favoriten aus, z. B. Frankreich, Argentinien, Portugal oder
Italien, rückten die nachfolgenden Mannschaften in
identischer Reihenfolge vor. Trotz ihrer überraschenden
Leistungen gehörten daher z. B. die USA oder die Türkei,
Senegal und Südkorea nie zu den Titelfavoriten der
Befragten. Hingegen bestritten die beiden mit Abstand
„beliebtesten“ Mannschaften – Deutschland und Brasilien –
das „Traumfinale“ schlechthin.

Überraschungstipp Kamerun – weit gefehlt

Vor zwölf Jahren sorgte Kamerun für Furore bei der WM in
Italien, das Team wurde zum Publikumsliebling. Mit dem
deutschen Trainer Winfried Schäfer und Medienberichten vor
der WM, die den Afrika-Cup-Sieger als starke Mannschaft
herausstellten, starteten die „afrikanischen Löwen“ mit
erheblichen Vorschuss-Lorbeeren in das Turnier: 30 Prozent
der Befragten setzten auf Kamerun als Publikumsliebling,
entsprechend waren 64 Prozent nach dem Ausscheiden in der
Vorrunde von der Mannschaft enttäuscht. Als „Gewinner“ der
WM entpuppten sich letztlich die beiden Ausrichter, die
Türkei, die USA sowie Senegal. Hingegen hatten die Befragten
von Mannschaften wie Kroatien, Polen, Russland und Nigeria
mehr erwartet – abgesehen von den drei Mitfavoriten, die
bereits in der Vorrunde ausgeschieden waren (Frankreich,
Portugal, Argentinien) sowie Italien.

Wo ist die „Führungsfigur“?

Wie deutlich die Medien Themen vorgeben, zeigt sich an den
Antworten auf Fragen zur deutschen Mannschaft: Nach der
mäßigen Leistung gegen Irland z. B. stand für 62 Prozent der
Befragten fest, dass dem Team eine „Führungsfigur“ fehle.
Das Panel der Befragten weise jedoch eine sehr breite
Streuung des Fußball-Interesses und -Sachverstandes auf, so
die Bochumer Forscher, daher sei diese Meinung nicht ohne
medialen Einfluss erklärbar: Die Medien stellen es fest, die
Rezipienten geben es wieder. Auffällig ist, dass sich diese
Meinung in den Köpfen festgesetzt hat. Auch nach dem
Vizetitel der Deutschen vertraten immer noch 42 Prozent der
Befragten die gleiche Auffassung.

Ballack, der Märtyrer

Am Beispiel Michael Ballacks zeigt die Studie exemplarisch
den Einfluss der Medien. Nach dem Platzverweis im Halbfinale
machten die Medien – TV wie Print – aus ihm einen
„Märtyrer“, der seine Finalteilnahme selbstlos geopfert
habe. Entsprechend gaben 73 Prozent der Befragten nach dem
Spiel an, Ballack sei der „Gewinner“ der Partie gewesen. Zum
Vergleich: Nach dem Kamerun-Spiel war Carsten Ramelow der
Rot-„Sünder“ in den Medien, knapp 40 Prozent der Befragten
stempelten ihn daher auch zum „Verlierer“ des Spiels und
behielten ihre negative Meinung bei. Ramelow brauchte nach
der Sperre zwei weitere Spiele, um überhaupt wieder messbare
positive Einschätzungen der Befragten zu erhalten.

„Volkes Zorn“ droht 2006

Neu bei dieser WM und daher auch ein gewichtiger Bestandteil
der Befragung war die Übertragung im deutschen Fernsehen.
Die Modalität – alle Spiele live bei Premiere, einige live
ARD und ZDF sowie die Zusammenfassung mit „künstlich
erzeugter Spannung“ abends auf SAT 1 – wurde von den
Befragten harsch kritisiert. Und sie geben eine vernichtende
Prognose für die WM 2006 ab: Wer dafür sorge, dass sich dies
wiederholt, werde „Volkes Zorn“ auf sich laden. Nur ein
Bruchteil der Befragten gab an, in diesem Fall über ein
Premiere-Abonnement nachzudenken. Immerhin stiftete die
Übertragung von Premiere-Spielen in Kneipen oder auf
Großbildleinwänden Bekanntschaften, ein Großteil der
Befragten, die solche „Events“ aufgesucht hatten, haben hier
auch neue Menschen kennen gelernt.

Kommentatoren und Moderatoren: Öffentlich-rechtliche vorn

Die Bewertungen der Kommentatoren und Moderatoren fällt
eindeutig zu Gunsten der öffentlich-rechtlichen TV-Sender
aus: Béla Réthy (ZDF) führt das Ranking der Kommentatoren
an, gefolgt von Marcel Reif (Premiere) und Johannes B.
Kerner (ZDF). „Handlungsbedarf“ sehen die Befragten bei der
ARD, Wilfried Mohren als Vorletzter und Heribert Fassbender
sind die Schlusslichter des Rankings. Bei den
Moderatoren-Duos liegt die ARD hingegen vorn, Günter Netzer
und Gerhard Delling sind für die Befragten das Maß der
Dinge, gefolgt von Jürgen Klinsmann und René Hiepen (ZDF)
sowie – deutlich abgeschlagen – Paul Breitner und Oliver
Welke von SAT 1.

Weitere Informationen

Peter Kruck, M. A. , BIFAK – Bochumer Institut für
angewandte Kommunikationsforschung, Ruhr-Universität Bochum,
Tel. 0234/325-3774, Fax: 0234/325-4020, E-Mail:
kruck@bifak.de, Internet: http://www.bifak.de

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Mit freundlichen Gruessen

Dr. Josef Koenig
RUB - Ruhr-Universitaet Bochum
- Pressestelle -
44780 Bochum
Tel: + 49 234 32-22830, -23930
Fax: + 49 234 32-14136
Josef.Koenig@ruhr-uni-bochum.de

Schauen Sie doch bei uns mal rein:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/pressestelle

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