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(00004) 07.01.2002 13:05

RUB-Studie: Beginn der Studentenrevolte am 2. Juni 1967


Bochum, 07.01.2002
Nr. 5


Der 2. Juni 1967 - Beginn der Studentenrevolte
Wie es zum Ausbruch kommen konnte
RUB-Historiker erforscht Hintergründe


Der 2. Juni 1967 gilt als der Beginn der deutschen 
68er-Studentenbewegung: An diesem Tag wurde der 
Germanistikstudent Benno Ohnesorg bei einer Demonstration 
gegen den Besuch des persischen Schah in Berlin von einem 
Polizisten erschossen. Wie kam es zu diesem Ereignis und 
somit zur Ausbreitung der Studentenproteste über ganz 
Deutschland? Dieser Frage widmete Michael Frey, M.A. seine 
Magisterarbeit (Fakultät für Geschichtswissenschaft, 
Betreuer: Prof. Dr. Norbert Frei). Er stellt fest: Es war 
Zufall, dass es nicht schon früher dazu gekommen ist. Für 
seine Arbeit wurde er mit einem der Preise an Studierende 
2001 der Ruhr-Universität ausgezeichnet.

Folgen der tödlichen Schüsse

Der 26-Jährige Ohnesorg hatte nichts anderes getan als 2000 
andere Studenten: Er hatte gegen den Besuch des Schah 
demonstriert, als die Polizei den Platz vor der Oper in 
einer wüsten Prügelaktion zu räumen begann. Bei der 
Operation "Füchse jagen" - so hatte der Polizeipräsident die 
generalstabsmäßig geplante Festnahme von "Rädelsführern" 
durch "Greiftrupps" genannt - fielen auch die tödlichen 
Schüsse aus der Dienstwaffe eines Polizisten. Ohnesorgs Tod 
hatte Folgen: Explosionsartig wurde aus der lokalen Revolte 
eine bundesweite - und mit ihr begann der Aufstieg des 
Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), der die 
Führung übernehmen sollte. Wodurch wurde die Revolte ausgelöst?

Ursprünge der Opposition: Vietnam und Hochschulkonflikt

Eine Vorreiterrolle nimmt die Freie Universität Berlin ein. 
Über Jahre hatte sich dort aus mehreren Gründen Unmut 
angestaut: Der beginnende Krieg der USA in Vietnam und die 
von der Bundesregierung geplante Notstandsgesetzgebung waren 
wichtige Themen. Aber selbst, wenn sich ein Student dafür 
nicht interessierte - die Hochschulrealität holte auch die 
Unpolitischsten ein: Stetig steigende Studentenzahlen 
verschlechterten die Situation erheblich, und das zuweilen 
autoritäre Verhalten einiger "Ordinarien" erhöhte das 
Konfliktpotential. Obwohl all diese Probleme bekannt waren, 
blieb es bis 1965 an den Unis weitgehend ruhig.

"Subversive Aktionisten"

Daran konnte auch der SDS wenig ändern, denn der Verband war 
bis dahin eher ein Randphänomen. Zwar waren die 
Denkschriften der SDSler zur Universitätspolitik fundiert 
und hochintellektuell geschrieben - Aufbruchstimmung konnten 
die trockenen, marxistischen Theoretisierer damit allerdings 
kaum entfachen. Das änderte sich, als im Frühjahr 1965 eine 
kleine Gruppe in den Sozialistischen Deutschen Studentenbund 
eintrat: die "Subversive Aktion". Die Truppe um Dieter 
Kunzelmann, Bernd Rabehl, Frank Böckelmann und Rudi Dutschke 
verstand sich als eine Provokationselite, die mit der 
Absicht eingetreten war, den SDS politisch auf einen anderen 
Kurs zu trimmen. Die "Subversiven Aktionisten" brachten ein 
Element in den Verband, das Dutschke vorher skizziert hatte: 
"Die Möglichkeit, die sich durch größere Demonstrationen 
ergibt, ist unter allen Umständen auszunützen. Genehmigte 
Demonstrationen müssen in die Illegalität überführt werden. 
Die Konfrontation mit der Staatsgewalt ist zu suchen und 
unbedingt erforderlich." So dramatisch diese Worte auch 
klangen - die Aktionen der selbsternannten "Rädelsführer des 
organisierten Ungehorsams" sollten den Verband nur 
provozieren und wachrütteln, nicht etwa in eine kriminelle 
Vereinigung überführen.

Die ersten Aktionen

Bereits die erste Aktion in der Nacht vom 3. auf den 4. 
Februar 1966 entfaltete breite Öffentlichkeitswirkung: Das 
heimlich aufgehängte Plakat "Amis raus aus Vietnam" sorgte 
für heftige Empörung in der Berliner Tagespresse - und nicht 
nur hier: Gerade die älteren Genossen im SDS kritisierten 
die Nacht-und-Nebel-Aktion, denn der Verband wurde dadurch - 
unfreiwillig - in die Provokation hineingezogen. Mit dieser 
Methode schien jedoch der Nerv der Zeit getroffen: Gerade 
jüngere SDSler beteiligten sich nun verstärkt an weiteren 
Aktionen, und innerhalb eines halben Jahres entstand um den 
Kern der Subversiven Aktion eine "antiautoritäre" Fraktion, 
die im Herbst 1966 sogar den Bundesvorstand erobern sollte.

Die Radikalisierung Berlins

Die spektakulären Aktionen der "Antiautoritären", die im 
Wintersemester 1966/67 an der FU begannen, heizten die 
Berliner "Frontstadtatmosphäre" richtig an. Bei einem 
"Weihnachtshappening" vor dem Cafe Kranzler im Dezember 1966 
verbrannten die Provokateure Pappköpfe von Walter Ulbricht 
und Lyndon B. Johnson gemeinsam mit den Flaggen der USA und 
der UdSSR und einem geklauten Tannenbaum. Die harmlose 
Kinderei war offenbar so provozierend, dass innerhalb von 15 
Minuten mehrere Einsatzwagen mit insgesamt 300 Polizisten 
eintrafen. Sie lösten das Spektakel Gummiknüppel schwingend 
auf und nahmen 63 Personen fest. Das rücksichtslose 
Durchgreifen der Ordnungshüter sorgte nun für einen 
erstaunlichen, aber vor allem ungewollten Nebeneffekt: In 
kurzer Zeit solidarisierten sich viele Berliner Studenten 
mit ihren verprügelten Kommilitonen. Selbst 
hochschulpolitische Gegner wie der CDU-nahe Ring Christlich 
Demokratischer Studenten (RCDS) protestierten.

Von Berlin in die Bundesrepublik

Weil die Behörden der Herausforderung ihrer Autorität 
hilflos gegenüber standen, griffen sie oft zu brachialen 
Mitteln - und lösten eine Eskalationsspirale aus: Auf eine 
Aktion folgten Sanktionen, zu deren Abwehr erneute Aktionen 
durchgeführt wurden. Heute unvorstellbare Hetzartikel in den 
Medien, frustrierte Polizisten und eine aufgeputschte 
Öffentlichkeit, die nach hartem Durchgreifen gegen die 
"kleine, radikale Minderheit" schrie - all dies schuf ein 
Klima der Intoleranz und Gewaltbereitschaft. Bereits Anfang 
1967 war die Stimmung in Berlin pogromhaft, ein dramatisches 
Ereignis lag in der Luft. Es war daher wohl Zufall, dass der 
tödliche Schuss auf einen Studenten nicht schon viel früher 
fiel. Als dann der Schahbesuch mit der Erschießung Benno 
Ohnesorgs endete und die Berliner Presse in vollkommener 
Verdrehung der Tatsachen den Studenten die Schuld zuwies, 
sprang der Protestfunke von Berlin auf die Bundesrepublik 
über - die Studentenrevolte begann.

Weitere Informationen

Michael Frey, M.A., Fakultät für Geschichtswissenschaft der 
Ruhr-Universität Bochum, 44780 Bochum, Tel. 0234/32-22196, 
Fax: 0234/32-14414, Email: michael.frey@ruhr-uni-bochum.de


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Mit freundlichen Gruessen

Dr. Josef Koenig
RUB - Ruhr-Universitaet Bochum
- Pressestelle -
44780 Bochum
Tel: + 49 234 32-22830, -23930
Fax: + 49 234 32-14136
Josef.Koenig@ruhr-uni-bochum.de

Schauen Sie doch bei uns mal rein:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/pressestelle

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