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(00000) 03.01.2002 08:17
Der 7. Kanal: RUB-Forscher entdecken neuen Zellkanal
Bochum, 02.01.2002
Nr. 1
Der 7. Kanal: Die Lehrbücher müssen umgeschrieben werden
Bochumer Forscher entdecken neuen Zellkanal
Die Fruchtfliege benötigt Histamin, um sehen zu können
Zellen sprechen miteinander. Über Kanäle, die sich in der
Zellmembran öffnen, tauschen sie Informationen aus, leiten
sie Zelle für Zelle weiter und verarbeiten sie. Bisher waren
sechs solcher Kanaltypen bekannt. Die Bochumer Forscher Dr.
Günter Gisselmann, Dr. Hermann Pusch und Prof. Dr. Dr. Dr.
Hanns Hatt (Zellphysiologie, Fakultät für Biologie der RUB)
konnten jetzt in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Bernhard
Hovemann (Biochemie/Molekulare Zellbiochemie) einen siebten
Kanaltyp nachweisen. Kennzeichen ist, dass er durch Histamin
geöffnet wird. Die Forscher entdeckten den Kanal an der
Kontaktstelle von den Sehzellen zu den Gehirnzellen der
Taufliege Drosophila melanogaster. Das Magazin "Nature
Neuroscience" veröffentlicht die Forschungsergebnisse in
seiner Januarausgabe, die morgen (3. Januar 2002) erscheint.
Abbildung unten
Eine Abbildung zur Funktionsweise des Kanaltyps steht am
Ende dieser Presseinformation zum Herunterladen bereit, s. u.
So reden Zellen miteinander
Nervenzellen bilden die Basis für alle Sinnes- und
Verhaltensleistungen. Grundlage ist ein elektrisches Signal,
das sich entlang von Nervenfasern fortpflanzt. Gelangt das
Signal an das Faserende, löst es die kurzfristige
Ausschüttung eines Botenstoffs (Transmitter) aus. An der
benachbarten Zelle bindet der Transmitter an bestimmte
Proteinstrukturen, sog. Rezeptoren. Der Rezeptor kann Teil
des Kanals sein, der nach Besetzen des Rezeptors direkt
öffnet; man spricht dann von direkt gesteuerten Kanälen. Die
Bindung des Transmitters an den Rezeptor wirkt wie das
Drücken eines Schalters: Durch den geöffneten Kanal fließt
Strom, so dass die Zelle erregt wird. Der Rezeptor kann aber
auch Teil eines Proteins sein, das kein Kanal ist, sondern
eine Reihe von chemischen Reaktionen in der Zelle auslöst
(sog. indirekte Übertragung).
Mühsame Arbeit
Die Entschlüsselung des menschlichen Erbgutes ist weitgehend
abgeschlossen. Bei der Taufliege Drosophila melanogaster war
es bereits Anfang 2000 so weit. Die Wissenschaftler um
Professor Hatt suchten aus den 13.600 Genen der Fliege
gezielt solche heraus, die bereits bekannten
kanal-kodierenden Genen ähneln. Sie fanden über 50 Gene für
direkt gesteuerte Kanäle, von denen insgesamt nur ca. 20
Prozent in ihrer Funktion bekannt waren. Das Erbmaterial der
unbekannten Kanäle injizierten die Forscher in Froscheier,
die daraufhin die entsprechenden Kanäle ausbildeten und ihre
Untersuchung ermöglichten. Durch ein Screening mit
verschiedenen Testsubstanzen stellten die Forscher fest,
dass zwei der Gene die Baupläne für einen
Histamin-gesteuerten Kanal liefern.
Wie arbeitet der Kanal ...
Seit ca. zehn Jahren lernt jeder Biologiestudent, dass es
sechs Typen von direkt gesteuerten Kanälen gibt. Die
Unterteilung ergibt sich aus den sechs verschiedenen
Transmittern, die sie öffnen (Glutamat, Acetylcholin, GABA,
Glycin, Serotonin und ATP). Von Histamin wusste man bislang
nur, dass es einen Fluss elektrischer Teilchen an der Zelle
erzeugt. Wie dies geschieht und welche Strukturen beteiligt
sind, war unklar. Mit dem neu entdeckten Kanal kennt man nun
einen siebten direkt gesteuerten Kanaltyp, die Wissenslücke
schließt sich. Mit einer pharmakologischen Charakterisierung
klärten die Wissenschaftler dann, ob es andere Stoffe gibt,
die den Kanal öffnen können, welchen Einfluss die
Histamin-Konzentration hat und welche Stoffe den Rezeptor
hemmen und so eine Kanalöffnung verhindern können. Dabei
zeigte sich, dass z. B. Antihistaminika, die auf den
menschlichen indirekt gesteuerten Histamin-Rezeptor hemmend
wirken (und so eine allergische Reaktion unterdrücken
sollen) auch den Insekten-Kanal blockieren. In der
Pharmaindustrie könnte der Kanal einen neuen Ansatzpunkt für
Insektizide bieten.
... und wo findet man ihn ?
Nun fragten sich die Wissenschaftler, wo der Kanal in der
Fliege vorkommt. Sie färbten alle Zellen an, in denen der
Kanal gebildet wird und wurden im Fliegenauge fündig: In
einer dünnen Zellschicht wurden Zellen markiert, die die
erste Schaltzentrale für visuelle Reize im Fliegenauge
bilden. Damit hat die Arbeitsgruppe nicht nur einen neuen
Ionenkanal entdeckt, sondern auch ein bislang fehlendes
Bindeglied beim Verständnis, wie Insekten Sehinformation
verarbeiten. Das Ergebnis passt zu der Erkenntnis, dass
Fliegen ohne dieses Gen blind sind. Jetzt erforschen die
Wissenschaftler die übrigen potentiellen Kanal-Gene von
Drosophila und suchen auch beim Menschen nach einem durch
Histamin direkt gesteuerten Kanal. Die Gruppe um Professor
Hatt geht davon aus, dass es maximal zehn Transmitter gibt,
die Kanäle direkt öffnen, so dass nur zwei bis drei Kanäle
übrig bleiben, zu denen noch kein Gen gefunden wurde.
Titelaufnahme
G. Gisselmann, H. Pusch, B.T. Hovemann, H. Hatt; Primary
structure and functional expression of two histamine-gated
ion channels in Drosophila melanogaster; Nature neuroscience
Vol. 5 (1), S. 11-12, 2002
Weitere Informationen
Prof. Dr. Dr. Dr. Hanns Hatt, Ruhr-Universität Bochum,
Fakultät für Biologie, Lehrstuhl für Zellphysiologie, Tel.
0234/32-26792, Fax: 0234/32-14129, E-Mail:
hanns.hatt@ruhr-uni-bochum.de
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Mit freundlichen Gruessen
Dr. Josef Koenig
RUB - Ruhr-Universitaet Bochum
- Pressestelle -
44780 Bochum
Tel: + 49 234 32-22830, -23930
Fax: + 49 234 32-14136
Josef.Koenig@ruhr-uni-bochum.de
Schauen Sie doch bei uns mal rein:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/pressestelle
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