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(00349) 15.11.2001 13:42
Der Tod startet die Stoppuhr - Radiocarbonmessung in NRW
Bochum, 15.11.2001
Nr. 346
Der Tod startet die Stoppuhr
Radiocarbonmessung jetzt auch in NRW
Eine der besten Anlagen der Welt steht an der RUB
Wann lebte und starb Ötzi? Wie alt sind gefundene
Tierknochen? Bei der Beantwortung solcher Fragen kann die
Radiocarbonmethode helfen. Durch sie lässt sich der Tod von
Lebewesen genau datieren. Seit kurzem steht auch im
Dynamitron-Tandem-Labor der RUB eine Anlage für
Radiocarbonmessungen. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft
und das Istituto Nazionale di Fisica Nucleare,
Projekt-Partner der Bochumer Physiker in Neapel, stellten
für die Anlage insgesamt 2 Mio. DM zur Verfügung. Diese
Anlage ist die erste in NRW und nach Kiel und Erlangen die
dritte in Deutschland. Testmessungen mit der neuen Anlage
Anfang November haben ergeben, dass sie 100 mal besser ist
als die Anlage in Neapel. Damit gehört die Bochumer Anlage
zu den besten der Welt.
Schwer, schwerer, am schwersten
Kohlenstoff (chemisches Symbol: C) ist als Grundlage aller
organischen Moleküle zentraler Bestandteil des Lebens. Wie
jedes chemische Element besitzen auch C-Atome verschieden
schwere Atomkerne. Es kommen drei natürliche
Gewichtsvarianten vor; die schwerste von ihnen wird als 14C
bezeichnet und ist radioaktiv. Diese Gewichtsunterschiede
haben keinen Einfluss darauf, wie ein Kohlenstoffatom mit
anderen Stoffen reagiert. Pflanzen bauen deshalb alle drei
möglichen Gewichtszustände als CO2 (Kohlendioxid) bei der
Photosynthese in ihre Zuckermoleküle ein. Über die
Nahrungskette gelangt auch 14C in alle Lebewesen, die den
Kohlenstoff als Knochen oder Muskel in ihre Körper einbauen.
Sobald ein Lebewesen stirbt, nimmt es keinen Kohlenstoff
mehr auf. Jetzt beginnt eine Stoppuhr der besonderen Art zu
laufen.
Die Stoppuhr läuft...
Da 14C radioaktiv ist, zerfällt das Atom mit der Zeit. Egal,
wie viele 14C -Atome zu Beginn vorliegen, nach jeweils 5760
Jahren existiert nur noch die Hälfte; der Rest zerfällt in
Stickstoff. Dies macht sich die Radiocarbonmethode zu Nutze:
Zeit seines Lebens baut ein Lebewesen auf 1 200 000 000 000
(= 1,2 x 1012) leichtere C-Atome ein einziges schweres 14C
-Atom ein. So lange es lebt, nimmt es genauso viele 14C
-Atome auf, wie in seinem Körper zerfallen. Nach dem Tod
nimmt nur die Anzahl der schweren 14C -Atome durch Zerfall
ab. Wenn man feststellt, wie viele radioaktive 14C -Atome
noch vorliegen, lässt sich zurückrechnen, wann die Aufnahme
von 14C stoppte und damit auch, wann das Lebewesen starb. So
können Forscher das Alter jeglicher organischer Materialien
bestimmen, darunter Knochenfunde oder - über die Pflanzen,
aus denen sie gemacht sind - auch Bücher, Gemälde und
Musikinstrumente.
Fliegende Teilchen
Die Mengenverhältnisse der einzelnen Gewichtstypen sowie die
geringe Größe der Teilchen fordert die Messgeräte heraus.
Erst nach mehreren Arbeitsschritten weiß man, wie alt Ötzi
ist: Die Probe, z.B. pflanzlicher Mageninhalt, wird
gereinigt, getrocknet und dann in Graphit umgewandelt, die
beste Kohlenstoffform für die anschließenden Schritte. Um
die verschieden schweren C-Atome voneinander trennen zu
können, müssen sie in elektrisch geladene Teilchen (Ionen)
umgewandelt werden. Dabei bewegen sie sich gemeinsam mit der
gleichen, hohen Energie (also sehr schnell) in eine
Richtung. Passieren sie ein Magnetfeld, schlagen die
schwereren Ionen eine andere Flugbahn ein als die
leichteren. Dies ermöglicht einer Filteranlage, die
verschiedenen Teilchen voneinander zu trennen.
Extrem leistungsfähig
Anfang November ergaben Testmessungen, dass der Bochumer
Filter ERNA (European Recoil seperator for Nuclear
Astrophysics) in der Lage ist, eines der schweren Teilchen
aus 1014 bis 1015 (Einhunderttausend Milliarden bis 1
Million Milliarden) leichteren herauszufiltern. Eine Anlage
zur Präparation der Proben soll demnächst das System
vervollständigen. Außerdem gibt es Ideen, wie das
Messverfahren kürzer werden kann und so mehr Messungen
möglich werden. Das Dynamitron-Tandem-Labor wird somit in
Zukunft einen wichtigen Beitrag zur interdisziplinären
Forschung auf den Gebieten der Paläonthologie, Archäologie,
Geschichtswissenschaft, Kunst und Umwelt leisten.
Weitere Informationen
Frank Schümann, Ruhr-Universität Bochum, Fakultät für Physik
und Astronomie, Institut für Experimentalphysik III, NB 3,
Tel.: 0234/32-23597, E-Mail: schuemann@EP3.ruhr-uni-bochum.de
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Mit freundlichen Gruessen
Dr. Josef Koenig
RUB - Ruhr-Universitaet Bochum
- Pressestelle -
44780 Bochum
Tel: + 49 234 32-22830, -23930
Fax: + 49 234 32-14136
Josef.Koenig@ruhr-uni-bochum.de
Schauen Sie doch bei uns mal rein:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/pressestelle
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