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(00172) 25.06.2001 13:23

Kampf gegen Vorurteile: Professor Schwind wird emeritiert


Bochum, 25.06.2001
Nr. 173

Im Kampf gegen Vorurteile und Verbrechen
Seine Studenten sollten stets an der Praxis lernen
Engagierter Kriminologe Hans-Dieter Schwind wird emeritiert


Hans-Dieter Schwind scheute sich nicht, Mörder und
Prostituierte in seine Vorlesungen einzuladen, seine
Studierenden mit ihren Omas und Tanten auf
„Kaffeefahrten-Pirsch“ zu schicken und so heikle Themen wie
Kriminalitätsfurcht, unterlassene Hilfeleistung oder
Obdachlosigkeit anzupacken. Zum Ende des Sommersemesters
wird der engagierte Kriminologe feierlich emeritiert. Zu
seiner Verabschiedung (Mittwoch, 4. Juli 2001, 10 Uhr,
Hörsaal GC 10) erwartet der ehemalige Justizminister
Niedersachsens und Vorsitzende der Gewaltkommission der
Bundesregierung eine beeindruckende Schar von Gästen aus
Politik, Justizverwaltung, Verbänden und Wissenschaft. Die
Medien sind herzlich willkommen.

Illustre Gästeliste zum Abschied

Nach der Begrüßung durch Dekan Prof. Dr. Bernd Schildt hält
Prof. Schwind seine Abschlussvorlesung über
„Kriminalitätsfurcht im Langzeitvergleich am Beispiel einer
deutschen Großstadt (Bochum)“. Es folgt die Laudatio durch
Prof. Dr. jur. Christian Pfeiffer (Niedersächsischer
Minister der Justiz) bevor schließlich Rektor Prof. Dr.
Dietmar Petzina Prof. Schwind die Emeritierungsurkunde
überreicht. Die Gästeliste ist lang und enthält Namen vieler
führender Persönlichkeiten, darunter den des
Landtagsvizepräsidenten Dr. Linssen, Niedersachsens
Innenminister a.D. Dr. Möcklinghoff, des Kölner
Regierungspräsidenten Roter, Prof. Kuber vom
Bundeskriminalamt, mehrerer Direktoren des
Landeskriminalamts NRW, der Polizeipräsidenten aus Hagen,
Gelsenkirchen und Bochum, des Vizepräsidenten des
Landgerichts Bochum usw.

Streitbarer Kriminologe

Schwind ist ein streitbarer Kriminologe, ein politisch
denkender Professor und ein Lehrer aus Leidenschaft. Um
seine Studierenden zu guten Anwälte und Richtern zu machen,
hat er sie zu den Obdachlosen auf die Straße geschickt und
die Hure von dort in den Hörsaal geholt. Zu seinen Themen
waren stets „Mitten aus dem Leben gegriffen“: aus der
Dunkelfeldforschung, Kriminalgeographie, Gewaltkriminalität,
des Strafvollzugs, der Entlassenenhilfe und der
Kriminalpolitik.

Alle gaffen, keiner hilft

Ein Beispiel ist das „Gaffer-Syndrom“ – die unterlassene
Hilfeleistung – das immer wieder traurige Schlagzeilen
macht: Alle gucken, keiner hilft. Wie kommt es dazu, dass
niemand Opfern von Verbrechen oder Unfällen beisteht, obwohl
es doch genügend Umstehende gibt, die alles genau
beobachten? Sein populär gewordenes Buch informiert
verständlich darüber. Mit welchen Tricks Veranstalter von
Kaffeefahrten ihren ahnungslosen Kunden das Geld aus der
Tasche ziehen, ist Schwind mit seinen Studierenden
nachgegangen. Ergebnisse der Dunkelfeldforschung und
Kriminalitätsfurcht hat er erst kürzlich veröffentlicht
(März 2001) in der Studie „Kriminalitätsphänomene im
Langzeitvergleich am Beispiel einer deutschen Großstadt
(Bochum 1975 - 1986 - 1998)“.

Vorlesung gegen Vorurteile

Noch vor wenigen Tagen machte er in seiner Vorlesung Furore:
Wie sieht ein Verbrecher aus? Manchen Menschen scheint ihr
kriminelles Wesen ins Gesicht geschrieben zu sein. Doch
Vorsicht: Der Eindruck täuscht - eine „Verbrechervisage“
gibt es nicht. Die Vorsicht vor Vorurteilen hat Schwind
immer wieder den zukünftigen Anwälten und Richtern in seiner
Vorlesung „Kriminologie I“ mit auf den Weg gegeben: Dazu lud
er unbescholtene Bürger, verurteilte Straftäter und
Gesetzeshüter ein und stellte sie nebeneinander: Die
angehenden Juristen mussten dann raten, wem sie welches
Verbrechen zutrauen. Das Resultat: Viele Fehleinschätzungen
– da wurden unbescholtene Bürger für Diebe gehalten und
Polizeipräsidenten für verurteilte Straftäter.

Biografisches

Hans-Dieter Schwind wurde am 31. Mai 1936 in Tokyo/Japan
geboren. 1939 übersiedelte die Familie nach Deutschland,
1956 legte er das Abitur in Hannover ab. Nach dem Wehrdienst
studierte er von 1958 bis 1962 Rechtswissenschaften in
Hamburg und München, 1966 wurde er mit einer Arbeit über ein
wehrrechtliches Thema promoviert. Anschließend arbeitete
Schwind als Assistent an der Universität Göttingen bevor er
1974 – noch vor Abschluss des Habilitationsverfahrens – dem
Ruf der Ruhr-Universität Bochum auf den Lehrstuhl für
Kriminologie, Strafvollzug und Kriminalpolitik folgte. Von
1978 bis 1982 war er beurlaubt und diente als
Landesjustizminister in Niedersachsen im Kabinett von
Ministerpräsident Ernst Albrecht. 1982 kehrte er an seinen
Lehrstuhl in Bochum zurück.

Ämter und Aufgaben

Zahlreich waren und sind seine Ämter und Aufgaben im
öffentlichen Leben: Schwind war Vorsitzender der deutschen
Justizministerkonferenz (1984-1989), Präsident der Deutschen
Kriminologischen Gesellschaft (1987-1990) und Vorsitzender
der (Anti-) Gewaltkommission der Bundesregierung. Schwind
hat sich am (Neu-)Aufbau der Juristischen Fakultäten von
Osnabrück (1978-80), Greifswald und Jena (1990-91)
beteiligt. Ab 1996 war er Präsident des Stiftungsrates der
Deutschen Stiftung für Verbrechensverhütung und
Straffälligenhilfe, seit 1997 ist er auch Honorarprofessor
an der Universität Osnabrück. Seit 1998 ist er Mitglied des
„Europäischen Zentrums für Kriminalprävention“
(Münster/Steinfurt) und seit 1999/2000 wissenschaftlicher
Berater beim Aufbau des „Deutschen Forums für
Kriminalprävention“. Seit 2000 ist Schwind Vorsitzender des
Externen Beirats für Justizvollzugsfragen in Brandenburg
sowie Mitglied des Kuratoriums der Internationalen Stiftung
zur Förderung von Kultur und Zivilisation. Er hat mitgewirkt
an der Gründung des Kriminologischen Forschungsinstitutes
Niedersachsens (KFN) in Hannover (1979) und der
Kriminologischen Zentralstelle (KZSt) in Wiesbaden (1981).
Seit Anfang der 70er Jahre hat Schwind verschiedene
Forschungsvorhaben geleitet, u.a. im Auftrag des
Bundeskriminalamtes.

Weitere Informationen

Prof. Dr. Hans-Dieter Schwind, Ruhr-Universität-Bochum,
Juristische Fakultät, 44780 Bochum, Tel.: 0234/32-28 245,
E-mail: LS.Schwind@jura.ruhr-uni-bochum.de

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Mit freundlichen Gruessen

Dr. Josef Koenig
RUB - Ruhr-Universitaet Bochum
- Pressestelle -
44780 Bochum
Tel: + 49 234 32-22830, -23930
Fax: + 49 234 32-14136
Josef.Koenig@ruhr-uni-bochum.de

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http://www.ruhr-uni-bochum.de/pressestelle

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