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(00068) 14.03.2001 13:33

DIE ZEIT: RUB-Mathematiker entlarvt politischen Unsinn


Bochum, 14.03.2001
Nr. 69

Ungereimtheiten bei Abstimmungen
Der EU-Gipfel von Nizza und die Mathematik
DIE ZEIT: RUB-Mathematiker entlarvt politischen Unsinn


Auf dem EU-Gipfel von Nizza haben kürzlich die Staats- und
Regierungschefs einen neuen Abstimmungsmodus für den
EU-Ministerrat beschlossen. Werner Kirsch, Professor für
Mathematik an der Ruhr-Universität Bochum, hat das neue
Abstimmungsverfahren mit mathematischen Methoden kritisch
unter die Lupe genommen. Sein Ergebnis: Das neue System
beseitigt die Ungereimtheiten des alten Systems praktisch
nicht! Eine ausführliche Begründung von Werner Kirsch
erscheint morgen in „Die Zeit“ (15.3.2001).

Größe und Gewicht

Vor Nizza hatten die großen EU-Staaten (Deutschland,
Frankreich, Großbritannien und Italien) gleich viele Stimmen
(je zehn) im Rat der europäischen Union, die kleineren
Staaten entsprechend weniger (z.B. Luxemburg zwei Stimmen).
Nach der Wiedervereinigung hat Deutschland aber auf einen
Schlag gut ein Drittel mehr Einwohner als Frankreich und
Großbritannien. Folgerichtig wollte die Bundesregierung für
Deutschland mehr Stimmen im Rat, was Frankreich freilich
ablehnte. Die kleineren Staaten schließlich fürchteten,
durch eine Verschiebung des Stimmgewichts ganz von den
Großen dominiert zu werden.

Ein Bonbon, das nach nichts schmeckt ...

In Nizza fand man schließlich – nach nächtelangem Tauziehen
– einen Kompromiss, der allen Seiten gerecht werden soll:
Die Stimmgewichte werden neu verteilt, aber es bleibt bei
gleich vielen Stimmen für die vier großen Staaten (jetzt
29). Ein Beschluss kommt allerdings nach Nizza nur zustande,
wenn erstens auch die Mehrheit der Länder zustimmt (also
acht von 15 Staaten) und zweitens die zustimmenden Staaten
mindestens 62 % der EU-Bevölkerung repräsentieren
(Bevölkerungsregelung). Die erste Zusatzregelung war als
Zugeständnis für die kleineren Staaten gedacht, die letztere
als Bonbon für Deutschland.

Da muss man schon 10.000 Mal mitstimmen

Die Bevölkerungsregelung bringt den Deutschen fast nichts.
Das zeigt die mathematische Analyse des Bochumer
Wissenschaftlers: Im Durchschnitt kommt diese Bestimmung nur
in vier von zehntausend Abstimmungen zugunsten von
Deutschland zu tragen. Hätte man Deutschland statt 29
Stimmen 30 gegeben, wäre sein Einfluss stärker gewachsen als
durch die jetzige Kompromiss-Regelung. Noch drastischer
fällt Kirsch’ Berechnung nach der geplanten EU-Erweiterung
auf 27 Staaten aus. Dann greift die Bevölkerungsregelung
(zugunsten der Deutschen) nur noch in einem von zehn
Millionen Fällen.

Was so Power-Indizes alles sagen

Die Untersuchungen von Prof. Kirsch stützen sich auf die
Berechnung von so genannten „Power-Indizes“, mit deren Hilfe
man die Machtverhältnisse in einem Gremium – auch mit
kompliziertem Abstimmungsverfahren – analysieren kann. Die
entsprechenden Berechnungen lassen sich auf einem moderneren
PC innerhalb einiger Stunden ausführen.

Weitere Informationen

Prof. Dr. Werner Kirsch, Ruhr-Universität Bochum, Fakultät
für Mathematik, 44780 Bochum, Tel. 0234/32-23308 (pr.
02921/80192), Fax: 0234/32-14242, E-Mail:
werner.kirsch@ruhr-uni-bochum.de

Material im Internet

Zusätzliches Material findet man im Internet unter:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/mathphys/politik/index.html


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Mit freundlichen Gruessen

Dr. Josef Koenig
RUB - Ruhr-Universitaet Bochum
- Pressestelle -
44780 Bochum
Tel: + 49 234 32-22830, -23930
Fax: + 49 234 32-14136
Josef.Koenig@ruhr-uni-bochum.de

Schauen Sie doch bei uns mal rein:
http://www.ruhr-uni-bochum.de/pressestelle

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