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(00047) 24.02.1999 16:31

Studie zum Alltagsleben während der Besatzung Frankreichs


Bochum, 24.02.1999
Nr. 46

An die Front ohne Bunkerschlüssel
Alltagsleben während der Besatzung Frankreichs
Bochumer Historiker räumt mit Vorurteilen auf


Den Bunkerschlüssel hatte das Pfälzer Infanterieregiment schlicht
vergessen, als es Ende August 1939 zu seiner Stellung  an die
französischen Grenze vorzurückte. Ebensowenig verfügte es über eine
Geländekarte, so daß niemand wußte, wie die französische Grenze
verlief ... Dies ist nur eine von vielen Geschichten, die der
Bochumer Historiker Dr. Ludger Tewes in seinem soeben erschienenen
Buch "Frankreich in der Besatzungszeit. 1940-1943. Die Sicht deutscher
Augenzeugen" zusammengetragen hat. Über Zeitungsanzeigen hat er dafür
830 ehemalige Wehrmachtssoldaten aufgespürt, die während des Krieges
in Frankreich stationiert gewesen sind. Aus ihren Erinnerungen und
Souvenirs hat Dr. Tewes ein anderes Bild vom Alltag in dieser Zeit
entworfen. Seine Studie entstand als Forschungsprojekt bei Prof. em.
Dr. Ferdinand Seibt (Fakultät für Geschichtswissenschaft der RUB); die
Robert Bosch-Stiftung hat die Herausgabe diese Buches unterstützt.

Kein Leben wie Gott in Frankreich

Klischees bestimmten die Vorstellungen der Menschen über die
Besatzungszeit in Frankreich . Angeblich lebten die deutschen Soldaten
wie Gott in Frankreich. Dabei hatten sie bei geringem Sold,
beschränktem Ausgang und begrenzten Sprachkenntnissen keine
Gelegenheit, ein Leben in Luxus zu führen. Sie sahen sich auch keinem
kompromißlosen Widerstand der französischen Bevölkerung gegenüber.
"Widerständler? Es gab nicht viele." sagte François Mitterand 1994.
Vielmehr gab es Begegnungen wie die einer deutschen Panzerkolonne im
Mai 1940. Beim ersten Halt auf französischem Boden öffnete sich die
Tür im Haus gegenüber, und eine junge Französin trat den
Panzersoldaten unbefangen gegenüber. Sie fragte in perfektem Deutsch.:
"Wo kommt ihr her?" "Aus Potsdam!" lautete die Antwort, und die
Französin entgegnete wiederum auf Deutsch, daß sie dort lange gelebt
hätte und dort deutsche Freunde von ihr wohnten. Dieses Gespräch
zwischen "Erbfeinden" war kein Einzelfall unter einfachen Franzosen
und Deutschen während der Besatzung.

Völkerverständigung im Krieg

Weitere persönliche Begegnungen fanden statt, als der erste Schock
über den Angriff und die Besatzung abgeklungen war; danach
arrangierten sich die Franzosen individuell mit der neuen Situation
und den Besatzern. Hier trafen keine politischen Ideologien
aufeinander, sondern Menschen, die aufgrund von persönlicher Zuneigung
einen Kontakt herstellten. Die Masse der Soldaten hatte kaum
Gelegenheit, mit Franzosen zusammenzukommen; bestimmte Gruppen jedoch
suchten Tuchfühlung oder führten zufällige Begegnungen fort.
Begegnungsfelder waren hierbei deutsche Dienststellen, Fabriken und
Reparaturbetriebe; in der Freizeit Bistros, Theater, Bordelle und
Restaurants. Die wichtigsten Begegnungen fanden in den Familien statt,
bei denen einige Soldaten einquartiert waren. War der Umgang über
gemeinsame Interessen wie Kunst, Religion oder einfache Offenheit
hergestellt, so bestand zwischen den Gruppen oft ein spannungsfreies,
erträgliches und sogar herzliches Verhältnis, denn persönlich hatten
sich nur wenige etwas vorzuwerfen. "Kämpfen Sie wie Helden, aber
benehmen Sie sich wie Kavaliere!" lautete der Befehl, den viele
Soldaten mit auf den Weg bekamen.

Schluß mit Klischees

Das Buch verbreitet keine Klischees vom Krieg, kaum
Militärinformationen, sondern es beschreibt die zwischenmenschlichen
Seiten von Einzelnen. Es geht nicht um Kompanien und Regimenter auf
der einen Seite und dem Volk der Franzosen auf der anderen Seite. Hier
werden mit den Stimmen der Augenzeugen die leisen Töne des Alltags
gezeigt. Möglich wurde dieses Projekt erst durch die zunehmende
Entspannung zwischen Frankreich und Deutschland in den letzten
Jahrzehnten, die es auch dazu beitrug, die Situation während der
Besatzung in einem objekti-veren Licht zu sehen.

Augenzeuginnen gesucht!

Solange es noch Zeitzeugen gibt, möchte Dr. Tewes sein Projekt zur
Völkerverständigung weiterverfolgen. Im Augenblick ist er dabei, die
Erfahrungen der deutschen Frauen im besetzten Frankreich zu
untersuchen und braucht hierfür noch weitere Informationen und
Berichte von Augenzeuginnen.

Titelaufnahme

Ludger Tewes, Frankreich in der Besatzungszeit. 1940-1943. Die Sicht
deutscher Augenzeugen, Bouvier Verlag Bonn, 1998, DM 88,- (ISBN
3-416-02726-4)

Weitere Informationen

Dr. Ludger Tewes, Am Dornbusch 68, 46244 Bottrop, Tel. 02045/84869.




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Mit freundlichen Gruessen

Dr. Josef Koenig
RUB - Ruhr-Universitaet Bochum
- Pressestelle -
44780 Bochum
Tel: + 49 234 700-2830, -3930
Fax: + 49 234 7094-136
Josef.Koenig@ruhr-uni-bochum.de

Schauen Sie doch bei uns mal rein:
http://www.rz.ruhr-uni-bochum.de/pressestelle

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