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Betriebssport im Wandel der Zeiten



Bochum, 22.10.1996
Nr. 191

Turnen in der Fabrik
Betriebssport in Deutschland im Wandel der Zeiten
Bochumer Sportwissenschaftler legt Untersuchung vor


Die ,Werksprofis" von Bayer 04 Leverkusen sind wohl das bekannteste
Beispiel dafuer, was sich alles aus dem Betriebssport entwickeln
kann. Privatdozent Dr. Andreas Luh (RUB, Fakultaet fuer
Sportwissenschaft) erforschte fuer seine Habilitationsschrift -
,Betriebssport und unternehmerische Sportfoerderung in Deutschland.
Firmen- und Behoerdensport vom Kaiserreich bis zur Gegenwart" - die
Motive der Firmenleitungen fuer die Unterstuetzung der sportlichen
Aktivitaeten ihrer Belegschaft und welche Initiativen von den
Arbeitern und Angestellten selbst ausgingen. 

Betriebssport als Bestandteil betrieblicher Sozialpolitik

Mit Ausnahme der Zeit des Nationalsozialismus lassen sich viele
Kontinuitaeten in der Entwicklung des Betriebssports in Deutschland
vom Kaiserreich bis zur heutigen Situation in der Bundesrepublik
ausmachen. Zum Ende des 19. Jahrhunderts unterstuetzten
sportbegeisterte Unternehmer und Werksdirektoren die ersten Werks-,
Turn- und Sportvereine. Der Betriebssport wurde zu einem festen
Bestandteil betrieblicher Sozialpolitik. Von einer regelmaessigen
betriebssportlichen Betaetigung der Betriebsangehoerigen erhoffen
sich die Unternehmensleitungen seitdem vor allem einen verbesserten
Gesundheitszustand der Betriebsangehoerigen. Zudem soll die
Leistungsbereitschaft sowie die Leistungsfaehigkeit gesteigert und
die Zahl der Unfaelle reduziert werden. In den letzten Jahrzehnten
rueckte im Zuge der Corporate Identity besonders die soziale
Funktion des Betriebssport ins Bewusstsein. UEber den Sport streben
die Unternehmen eine groessere Identifikation mit dem eigenen Haus
an, deshalb sind Kontakte ueber die sozialen Betriebshierarchien
hinweg von den Geschaeftsleitungen gerne gesehen.

Unternehmenspsychologie und Werksgemeinschaft

Obwohl die Begrifflichkeit der jeweils zeitgenoessischen Sprache und
Denkweise angepasst blieb, sind die Versuche der Unternehmerseite,
die Arbeitnehmer ueber den Sport an den Betrieb zu binden,
eigentlich immer nach einem gleichartig anmutenden Schema angelegt
gewesen. Die Vorstellung einer Werksgemeinschaft von Belegschaft und
Unternehmer in der Weimarer Republik ist nicht sehr weit von
modernen unternehmenspsychologischen Strategien entfernt.

Disziplinierungsinstrument in der NS-Zeit

Waehrend allerdings im Kaiserreich und in der Weimarer Zeit die
Unternehmer den Sport als ein aktives Mittel gegen die Aktivitaeten
der organisierten Arbeiterbewegung einsetzten und die
Nationalsozialisten den Werkssport in ihre staatlich und
parteimaessig organisierten Disziplinierungs- und
Kontrollmechanismen einbanden, sieht Dr. Luh den heutigen
Betriebssport eher vor dem Hintergrund der weitgehend verwirklichten
Sozialpartnerschaft zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerschaft.
Grundsaetzlich ist die Foerderung des Betriebssports durch den Bau
und Unterhalt der Sportstaetten sowie durch die Bereitstellung der
weiteren finanziellen Mittel eine unternehmerische Investition,
deren betriebswirtschaftlicher Nutzen trotz verbesserter
Evaluationsmethoden weitgehend hypothetisch bleibt.

Konkurrenz zu Vereinen

Mit der Unterstuetzung durch die Unternehmer wurden die
Betriebssportvereine in der Weimarer Zeit zu einer echten Konkurrenz
fuer die ,freien" buergerlichen Vereine und die der
Arbeiterbewegung. Die damalige Dachorganisation des buergerlichen
Sports, der Deutsche Reichsausschuss fuer Leibesuebungen (DRA) war
nicht bereit, den Betriebssport mit seinen Besonderheiten als
gleichberechtigt anzuerkennen, und die Arbeitervereine bekaempften
die Betriebssportvereine wegen ihrer nationalen und
,wirtschaftsfriedlichen" Sportideologie. Dem leistungs- und
wettkampforientierten deutschen Vereinssport wollten die
Firmensportler wiederum mit der Einrichtung von Firmenligen auf
spieltechnisch und leistungsmaessig niedrigerem Niveau
entgegenwirken. 

Erst Mitte der 60er Jahre in den DSB aufgenommen

Auch die bundesdeutschen Sportvereine und Sportverbaende im
Deutschen Sportbund (DSB) lehnten zunaechst den sich vereins- und
verbandsmaessig neu formierenden Betriebssport bis Ende der
fuenfziger, Anfang der sechziger Jahre ab. Erst Mitte der sechziger
Jahre wurden die Betriebs- und Behoerdensportverbaende als
,Anschlussverbaende" in den DSB aufgenommen. Seitdem ist der
Betriebssport fuer den DSB eine willkommende Hilfe, um bislang
uninteressierte Bevoelkerungsschichten ueber den Arbeitsplatz fuer
den organisierten Sport zu gewinnen.

In der DDR die Grundlagen des Breitensports

Waehrend der Betriebssport im bundesdeutschen Sportsystem
komplementaere Funktionen erfuellt, bildeten in der DDR die
gesetzlich eingerichteten und ueber die staatlichen Betriebe
finanzierten Betriebssportgemeinschaften mit ihren Millionen von
Mitgliedern die organisatorische Grundlage des Breitensports. Diese
Strukturen waren nach der Wiedervereinigung und der schnellen
Aufloesung der ostdeutschen Betriebssportgemeinschaften nicht zu
ersetzen. Der Neuaufbau ,freier" Vereinsstrukturen war und ist mit
erheblichen personellen und organisatorischen Schwierigkeiten
verbunden, so dass sich der Breitensport in den neuen Bundeslaendern
erst langsam wieder erholen wird.

Weitere Informationen

Dr. Andreas Luh, Fakultaet fuer Sportwissenschaft, 44780 Bochum,
Tel.: 0234/700-7793; Fax.: 0234/7094-246. 


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Mit freundlichen Gruessen 

Dr. Josef Koenig 
RUB - Ruhr-Universitaet Bochum 
- Pressestelle - 
44780 Bochum 
Tel: + 49 234 700-2830, -3930
Fax: + 49 234 7094-136
Josef.Koenig@rz.ruhr-uni-bochum.de 

Schauen Sie doch bei uns mal rein: 
http://www.rz.ruhr-uni-bochum.de/pressestelle

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