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"Star Trek" und die Folgen



Bochum, 18.07.1996
Nr. 135


Spock war niemals ein ,Langohr" und McCoy nie eine ,Pille"
30 Jahre ,Mythos Enterprise" als filmwissenschaftliche Analyse
RUB-Absolvent untersuchte die Klassik-Folgen von ,Star Trek"


79 Folgen ,Star-Trek", 179 Folgen ,The Next Generation", dazu ,Deep
Space Nine", ,Voyager", Spielfilme und jede Menge
Merchandising-Artikel. Seit 30 Jahren grassiert weltweit das ,Star
Trek"-Fieber. Doch: Woher kommt der Kult und was unterscheidet Star
Trek von anderer Science Fiction? Dies sind nur zwei von vielen
Fragen, denen Michael Schlegel, M.A., auf der Spur war. In seiner
von Prof. Dr. Gunther Salje (Institut fuer Film- und
Fernsehwissenschaft, Fakultaet fuer Philologie der RUB) betreuten
Studie ,Zu den klassischen Episoden der amerikanischen
Science-Fiction-Fernsehserie 'Star Trek'" liefert Schlegel
zahlreiche Erkenntnisse vor allem zur deutschen Version ,Raumschiff
Enterprise".

Kult mit Anlaufschwierigkeiten

,Der Weltraum - unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200. Dies
sind die Abenteuer des Raumschiffs Enterprise, das mit seiner
vierhundert Mann starken Besatzung fuenf Jahre unterwegs ist, um
neue Welten zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen.
Viele Lichtjahre von der Erde entfernt dringt die Enterprise in
Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat." Es folgt die
altbekannte Melodie und anschliessend eine der insgesamt 79 Folgen
von ,Raumschiff Enterprise" - ,Star Trek" genannt, feiert in diesem
Jahr seinen 30. Geburtstag. 1966 kam Gene Roddenberry auf die
zuendende Idee, die sich zu einem wahren Phaenomen entwicklen
sollte. Allerdings wurde die Serie nach drei unterschiedlich
erfolgreichen Jahren in den USA wieder eingestellt. Wahrscheinlich
waere sie in Vergessenheit geraten, wenn nicht amerikanische
TV-Stationen aus Mangel an Alternativen wieder darauf
zurueckgegriffen haetten - so wuchs die Fangemeinde stetig an, bis
1972 auch das ZDF aufmerksam wurde und Teile der Serie kaufte.

Wenig Fingerspitzengefuehl bei den Mainzelmaennchen

Bei Kauf, Synchronisation und Ausstrahlungsmodus bewiesen die
Mainzelmaennchen, so Michael Schlegel (der im uebrigen alle 79
Folgen ausfuehrlich per Video studierte), kein glueckliches
Haendchen. Das Star-Trek-Original besticht durch einen
chronologischen Aufbau vor allem der wichtigsten Charaktere
(,Triumvirat" Captain Kirk, 1. Offizier Spock, Doktor McCoy), deren
Wesen nach und nach von Folge 1 bis Folge 79 verdeutlicht wird. Dem
entsprach das ZDF in keinster Weise: Man kaufte willkuerlich
zunaechst 26, spaeter nochmals 13 Folgen und sendete sie in bunter
Reihenfolge. Erst Folge 19, dann die Nummer 46 usw; auf den
Pilotfilm verzichtete man voellig. Dadurch enstandene Luecken
versuchte man durch eine humorvolle Synchronisation zu verdecken:
flapsige Sprueche oder ,witzige" Spitznamen. So wird aus McCoy
,Pille", obwohl er im Original ,Bones" (Knochen) heisst und Spock
wird als ,Spitz-" oder ,Langohr" bezeichnet - im Original geschieht
dies niemals.

Sinnentstellende UEbersetzungen

Bei seinen Einzelanalysen konnte Schlegel gar vollkommen
sinnentstellende Fehler feststellen. Beim Vergleich der Folge ,Amok
Time" mit ihrer deutschen Fassung ,Weltraumfieber" entdeckte er den
wohl groessten faux pas der UEbersetzer: Der in dieser Folge
erkrankte Spock bittet Kirk, zu seinem Heimatplaneten Vulkan zu
fliegen, weil er ausschliesslich dort kuriert werden kann. Kirk
jedoch hat Order, den Planeten Altair VI anzusteuern. Im Original
entspricht Kirk dennoch dem Wunsch Spocks, in der deutschen
UEbersetzung dagegen laesst er Kurs auf Altair VI nehmen. Eine
Tatsache, die nicht nur die Handlung, sondern auch den Charakter
Kirks in ein ganz anderes Licht rueckt. Voellig abenteuerlich wird
die Synchronisation im abschliessenden Dialog zwischen Kirk, Spock
und McCoy, wenn auf einmal doch von ,der Landung auf Vulkan" die
Rede ist. Hintergrund ist der Versuch, das in ,Amok Time"
angedeutete Sexualleben Spocks wegzulassen - schliesslich lief die
Serie im ZDF im Vorabend- und damit als Kinderprogramm. In den USA
hingegen waren die Episoden entsprechend ihrem Inhalt nach 20 bzw.
22 Uhr zu sehen.

Die Folge, die es eigentlich nicht geben sollte

Noch vehementer von der Zensur war die den Nationalsozialismus
behandelnde Folge ,Patterns of Force" betroffen. Sie wurde zunaechst
gar nicht synchronisiert und folglich auch nicht von SAT 1 (der
Privatsender erwarb Ende der 80er Jahre die Senderechte und kaufte
weitere 39 Folgen) beruecksichtigt. Erst 1995 und damit puenktlich
zu Schlegels Arbeit wurde diese Episode uebersetzt (dt. Titel:
,Schablonen der Gewalt"). Der Bochumer Filmwissenschaftler konnte
also Pionierarbeit leisten. Er fand u.a. heraus, dass die
UEbersetzung ausnahmsweise werkgetreu geschah, dass jedoch ,gerade
die UEbernahme des geschmacklosen Vokabulars sowie die Brutalitaet
der Darstellung dem eigentlichen Anspruch der Serie zuwider laeuft
(...) 'Patterns of Force' ist somit als qualitativ vielleicht
schlechteste, auf jeden Fall jedoch sehr gefaehrliche Folge zu
klassifizieren, die von thematisch verharmlosenden und teilweise
gewaltverherrlichenden Elementen gepraegt wird."

Stets wiederkehrende Handlungsmuster

Neben diesen speziellen Ergebnissen liefert Schlegels Arbeit auch
einige allgemeine Einblicke zu ,Star Trek". So zeichnen sich alle
Folgen durch bestimmte Handlungsmuster aus, die meist Vorbilder in
erfolgreichen Fernsehserien haben (und somit die Attraktion der
Serie erklaeren), beispielweise Polizeiaktionen  la ,Rauchende
Colts", Charakterstudien oder Rueckgriffe auf die Erdgeschichte. Nur
selten stehen Science Fiction-Elemente (fremde Lebensformen auf
fremden Planeten) im Vordergrund.

Captain Kirks UEberredungskunst

Zum Abschluss noch zwei persoenliche Beobachtungen Schlegels: a) der
Mann, der erstmals zum Landetrupp gehoert, stirbt bei der
naechstbesten Gelegenheit; b) wenn wirklich gar nichts mehr geht,
wenn Phaser-, Protonen- und Materie/Antimateriestrahlen versagen,
dann sorgt Captain Kirks UEberredungskunst fuer ein happy end.


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Mit freundlichen Gruessen

Dr. Josef Koenig
RUB - Ruhr-Universitaet Bochum
- Pressestelle -
44780 Bochum
Tel: + 49 234 700-2830, -3930
Fax: + 49 234 7094-136
Josef.Koenig@rz.ruhr-uni-bochum.de

Schauen Sie doch bei uns mal rein:
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