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RUB-Studie zu Teilzeitarbeit



Bochum, 29.01.1996
Nr. 23

Die schnelle Mark nebenbei verdient
Gewerkschaften verharren in traditionellen Strukturen
RUB-Untersuchung ueber Teilzeitarbeit in Deutschland


Teilzeitarbeit bietet nur vordergruendig allen Beteiligten Vorteile.
Die Arbeitgeber sparen Kosten - an sozialen Leistungen - und zahlen
meist geringe Loehne, und die Gewerkschaften verharren in
traditionellen Strukturen. Das Phaenomen "Teilzeitarbeit" beleuchtet
aus unterschiedlichen Blickwinkeln die Studie "Gewerkschaften und
Teilzeitarbeit in Deutschland: Eine vergleichende Untersuchung des
Einzelhandels und der Gebaeudeinnenreinigung" von Dr. Martina Klein.
Diese Dissertation wurde von Prof. Dr. Dietmar Petzina (Wirtschafts-
und Sozialgeschichte, Fakultaet fuer Sozialwissenschaft der RUB)
betreutet.

90 Prozent der Teilzeitbeschaeftigten sind Frauen

Teilzeitarbeit ist aus verschiedenen Gruenden ein Phaenomen. Zum
einen gilt die These, dass aus jedem vorhandenen
Vollzeitarbeitsplatz mehrere Teilzeitarbeitsplaetze gewonnen werden
koennen; diesen moeglichen Schritt weg von der
Massenarbeitslosigkeit wagt jedoch kaum ein Unternehmen. Zum anderen
arbeiten zur Zeit in Deutschland weit ueber 4 Mio. Beschaeftigte in
seit langem bestehenden Teilzeitarbeitsverhaeltnissen. Etwa 90
Prozent von ihnen sind Frauen, ein Grossteil davon arbeitet im
Einzelhandel und in der Gebaeudereinigung, als Verkaeuferin bzw.
Reinigungsfrau. Berufe, die sich weder durch ein hohes Prestige noch
durch ueberdurchschnittliche soziale Leistungen (Lohn,
Sozialversicherungen etc.) auszeichnen; zudem werden die Frauen
haeufig kurzfristig eingesetzt, meist mit geringen oder gar ohne
vorherige Ausbildungskosten, zum Teil ohne jegliche
Berufsqualifikation. Besonders in der Gebaeudeinnenreinigung sind
die Arbeitszeiten ausserdem extrem arbeitnehmerunfreundlich:
spaetabends oder fruehmorgens. Trotz dieser zahlreichen Nachteile
nehmen derartige Teilzeitbeschaeftigungen eher zu. Warum?

Doppelt benachteiligt

Fuer Dr. Klein steht ausser Frage, dass die Interessen
Teilzeitbeschaeftigter doppelt eingeschraenkt sind: Sie stehen in
Konkurrenz zu vollzeitbeschaeftigten Maennern und Frauen und
erfahren als vermeintliche Fraueninteressen noch zu geringe
Aufmerksamkeit, auch seitens der Gewerkschaften.

Intensivinterviews und Archivmaterial

Zur Erhaertung dieser Thesen beschreibt und analysiert die Bochumer
Wissenschaftlerin zunaechst gesellschaftliche und gewerkschaftliche
Realitaeten, am Beispiel der oben genannten Berufsfelder und der
dafuer zustaendigen Gewerkschaften Handel, Banken und Versicherungen
(HBV), Deutsche Angestellten Gewerkschaft (DAG) und
Industriegewerkschaft Bau, Steine, Erden (IG BSE). Dabei stuetzt
sich Dr. Klein insbesondere auf gewerkschaftliche Quellen und auf
Material der Arbeitgebervereinigungen: Geschaeftsberichte,
Protokolle, Mitgliederzeitschriften, Akten, Schriftwechsel. Hinzu
kommen Archivdaten des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen
Instituts des Deutschen Gewerkschaftsbundes und 22 ausfuehrliche
Experten/innengespraeche mit Gewerkschaftssekretaeren/innen der drei
untersuchten Gewerkschaften.

Beiderseitiger Nutzen

Als Fazit schreibt Klein: "Arbeitgeber bieten
Teilzeitbeschaeftigungsverhaeltnisse an, um oekonomischen Nutzen
daraus zu ziehen; Frauen bieten ihre Arbeitskraft hierfuer an, weil
sie hiermit die Befriedigung kurzfristiger Interessen verfolgen,
ggf. keine Alternativen haben oder auch eigenen und fremdbestimmten
Rollenerwartungen entsprechen".

Gewerkschaften mehr gefordert

Offen bleibt laut Klein jedoch, "warum die Gewerkschaften sich im
Bereich der Teilzeitarbeit nicht staerker fuer die Verbesserung der
Arbeitsbedingungen von Frauen einsetzen". Schliesslich lautet eine
weitere Erkenntnis der Studie, dass sowohl Frauen als auch die
Arbeitsform Teilzeit in den Gewerkschaften eher stiefmuetterlich
behandelt werden, dass teilweise die Frauenabteilungen in einer
"relativen Isolation" stecken. Sie dort heraus zu holen, waere ein
erster Schritt fuer die Gewerkschaften, "den unregulierten und
prekaeren Beschaeftigungsbereich der Teilzeitarbeit als
Innovationsfeld zu nutzen", so die abschliessende Forderung Kleins.

Titelaufnahme

Martina Klein: Gewerkschaften und Teilzeitarbeit in Deutschland.
Eine vergleichende Untersuchung des Einzelhandels und der
Gebaeudeinnenreinigung. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 1995,
(Schriften der Hans-Boeckler-Stiftung, Band 20) DM 66,-.







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Mit freundlichen Gruessen 

Dr. Josef Koenig 
RUB - Ruhr-Universitaet Bochum 
- Pressestelle - 
44780 Bochum 
Tel: + 49 234 700-2830, -3930
Fax: + 49 234 7094-136
Josef.Koenig@rz.ruhr-uni-bochum.de 

Schauen Sie doch bei uns mal rein: 
http://www.rz.ruhr-uni-bochum.de/pressestelle

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