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090 359: Die Rezeption des Konfuzianismus und seine gegenwÄrtige Funktion in der VR China (Prof. dr. wolfgang ommerborn)

Modul: PKO, 2 Std.
Do 10 Uhr - 12 Uhr, GB 04/159

Bitte beachten: Raum und Uhrzeit weichen vom Vorlesungsverzeichnis ab, da im VVZ nicht korrekt angegeben!

Nachdem Konfuzius und der Konfuzianismus lange Zeit in der VR China sowohl in der wissenschaftlichen als auch in der öffentlichen Auseinandersetzung in der Hauptsache als Inbegriff von Rückschrittlichkeit und geistiger Unterdrückung galten, findet seit dem Ende der siebziger Jahre - i.e. mit dem Ende der sogenannten Ära Maos - eine auch diepolitischen Führungskreise erfassende, zunehmend positive Einschätzung dieses Denkers und dieser Lehre statt. Sie werden schließlich als großes Kulturerbe bezeichnet, deren Wert auch für die Gegenwart zu betonen sei. Der Trend kulminiert in Äußerungen der letzten Jahre, die den Konfuzianismus eine bzw. die dominierende ideologische Rolle in der gesamten Welt im 21. Jahrhundert zuweisen. In dieser Haltung spiegelt sich die problematische kulturelle und ideologische Situation wider, in der sich China seit dem Zusammenbruch des konfuzianischen Wertesystems befindet, und die durch die Einführung des Marxismus nicht behoben werden konnte. Die Neubewertung und Hochschätzung des Konfuzius und des Konfuzianismus heute sind einerseits Ausdruck einer - insbesondere von Vertretern der politischen Führungsschicht aus Gründen des Machtanspruchs artikulierten - Furcht vor dem Eindringen westlicher, sogenannter „kapitalistischer“ Ideen, welche das Bewusstsein der Chinesen angeblich korrumpieren können, und sind andererseits aber auch eine Widerspiegelung des Faktums, dass mit dem Konfuzianismus verknüpfte Wertvorstellungen für weite Teile der chinesischen Bevölkerung noch immer eine wichtige Rolle spielen. Dies ist m.E. auch daran abzulesen, das es seit den 50er Jahren stets Personen gegeben hat, die eine höhere Wertschätzung des Konfuzius bzw. Konfuzianismus forderten, auch wenn sie sich in der Mao-Ära damit in der Regel Repressionen seitens der politischen Führung aussetzten.
In dieser Veranstaltung soll der Verlauf der Diskussionen vor dem Hintergrund der politischen Entwicklungen erarbeitet und analysiert werden. Es werden dazu chinesische Texte gelesen, die sich mit dieser Thematik befassen.

Vorbesprechung: Do, 15.04.2010
Sprechstunde: Mo, 12 Uhr-13 Uhr, GB 1/49 (E-Mail: wolfgang.ommerborn@rub.de)

Literatur:
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Lackner, Michael, 1998: “Konfuzianismus von oben? Tradition als Legitimation politischer Herrschaft in der VR China“, in:
Herrmann-Pillath/Lackner, Michael (Hersg.): Länderbericht China, Bonn, 1998, 425-448
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Levenson, J.R., 1965: Confucian China and its Modern Fate. A Triology. Berkeley/Los Angeles
Moody, P.R., 1974: The New Anti-Confucian-Campaign in China: The First Round, in: Asian Survey, April, S.307-324
Ommerborn, W., 1987: Geistesgeschichtliche Forschung in der VR China: Die gegenwärtige Bewertung des Zhu Xi
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Ommerborn, W., 2000: „Die Politisierung der Konfuzius-Debatte bis 1976 und die Bedeutung der akademischen
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G./Woesler, M. (Hrsg.), Zwischen Mao und Konfuzius?, Bochum, 29-63
Staiger, B., 1969: Das Konfuzius-Bild im kommunistischen China, Wiesbaden.
Staiger, B., 1974: „Die neuste Konfuzius-Diskussion“, in: China aktuell, Januar 1974, 811-815.
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Tu Wei-ming, 1998: „Eine konfuzianische Sicht auf die Grundwerte der globalen Gemeinschaft“, Moritz, Ralf/Lee
Ming-huei (Hrsg.): Der Konfuzianismus, Leipzig, 249-262
Wang Hsueh-wen, 1969: Maoists Resume Purge of Confucianism, in: Issues and Studies, No.12, S.61-70
Wang Hsueh-wen, 1974: „The Maoists’ Deepened Struggle to Criticize Lin Piao and Confucius“, in: Issues and Studies,
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Yang Rongguo, 1975: Konfuzius - ein hartnäckig am Sklavensystem festhaltender Denker, in: Ausgewählte Artikel.
Kritik an Lin Biao und Konfuzius 1, Beijing, S.1-20