Das Herz in der Antike
Im ägyptischen Denken wird zwischen dem physischen Herz, welches verschiedene Krankheiten enthalten kann, und dem Herz als Sitz des Gefühlslebens unterschieden. Zum Herzen als der Körpermitte führen die Blutgefäße, in denen das Herz „spricht“. Das Herz ist Sitz des Gefühlslebens, der Gottes- und der Nächstenliebe. Mitmenschliche Gefühle wie Sorge und Mitleid sitzen im Herzen. Deshalb spricht man von einem weiten und engen Herzen.
Bei den Griechen bezeichnet Herz den Sitz der Gefühle, der Trauer; es ist Sitz der Lebenskraft, sogar des Denkvermögens. Für die griechische Philosophie ist das Herz Zentralorgan der Seele, Zentrum der Lebensenergie. Zum griechischen Opferritus gehörte deshalb das Herausnehmen des Herzens des Opfertieres.
Das lateinische „cor“ ist Sitz des Lebens und des Geistes. Seine Verletzung bedeutet den Tod. In Aberglauben und Volksmedizin gilt das Herz als magisches Requisit, besonders das Tierherz. So trägt man Eidechsenherzen in Silberbüchsen gegen Drüsenschwellungen, Eselhengstherzen in Brot genossen werden als Mittel gegen Epilepsie empfohlen. Als Amulett getragen lindert es Schüttelfrost. Wer ein frisches, noch zuckendes Maulwurfsherz isst, erlangt die Wahrsage- und Entscheidungsgabe.
Im Alten Testament ist Herz gleichbedeutend mit Lebensprinzip. Das Herz kann leben, krank sein, schlafen, vom Schlag getroffen sterben. Das Herz ist Sitz der Gefühle und Empfindungen wie Liebe, Trauer, Freude, Zuneigung und Mitleid. In Freude, Trauer und Schmerz zerfließt das Herz. Das Herz hat mit der Gottesbeziehung des Menschen zu tun. Es vertraut auf Gott, nimmt seine Lehre an, fällt von Gott ab und ist verstockt. Es ist steinern und unbeschnitten. Deshalb wird Jahwe das Herz der Israeliten beschneiden und das Herz von Stein durch eins von Fleisch ersetzen, ihnen ein neues Herz geben.
Der alttestamentliche Sprachgebrauch ist ausschlaggebend für das Neue Testament. Das Herz ist Mittelpunkt und Organ des menschlichen Innenlebens. In ihm werden Affekte und Empfindungen lokalisiert. Im Herz sitzt der Verstand, deshalb denkt und versteht man mit dem Herzen. Wenn das Herz arg geschwollen ist, dann ist man schwer von Begriff. Das Herz steht für die Gesinnung und Einfachheit des Menschen. Deshalb hat Gott sein Gesetz in die Herzen der Menschen eingeschrieben. Wie Paulus formuliert, bedarf der Mensch der Beschneidung des Herzens. Denn auch die bösen Gedanken, Glaube und Zweifel kommen aus dem Herzen.
Das Herz ist aber auch Sitz des Willens. Deshalb muß man Gott „aus ganzem Herzen“ lieben.
Die frühchristliche Literatur erwähnt in ihren Gebeten, daß der heilige Name des Vaters in unseren Herzen Wohnung genommen hat. Die Wohnung unseres Herzens ist ein heiliger Tempel für den Herrn so wie die Verkündigung der Apostel Heiligung unseres Herzens bedeutet.
Der berühmte Theologe Clemens von Alexandrien lehrt, daß das Herz (aber auch die Leber) Sitz der Leidenschaften, der Genusssucht und des Zorns ist. Das Denken aber sitzt im Kopf. Clemens greift das pythagoreische Verbot auf, das Herz zu essen, und deutet dieses auch allegorisch auf die Abwehr von Schwermut und Traurigkeit. Der Mensch ist durch sein Denken in seinem Herzen dem göttlichen Logos ähnlich und vernünftig. Das Herz der Frommen wird ewig leben, weil sie mit der Erkenntnis gesättigt werden. Wer kein festgefügtes Herz hat (keine unerschütterliche Überzeugung), hat keinen Maßstab zur Unterscheidung der Lehren. Es gibt aber vernünftige Gesetze, die in das Herz selbst eingeschrieben sind. Die Tafeln der Hartherzigkeit sind zerschlagen, damit die Glaubenssätze in die Herzen der Unmündigen eingeprägt werden. Das Licht soll im verborgenen Teil des Menschen in seinem Herzen aufleuchten, damit die Strahlen der Erkenntnis den innen verborgenen Menschen ans Licht bringen. Das Herz ist also metaphorisch der innere Mensch.
Ein Text aus dem Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus spricht von den Wänden des Herzens, auf die die Guten die Satzung des Herrn eingeschrieben haben, damit sie immerfort innen im Herzen Gottes Wort haben.
Prof. Dr. Wilhelm Geerlings
Katholisch-Theologische Fakultät
P.S.: Über das Herz als Organ und Metapher ist vor kurzem ein Buch erschienen, siehe
http://www.pm.rub.de/pm2005/msg00405.htm