Forschungungsprojekte

  "Neues Graduiertenkolleg zur Philosophie des Geistes und der Kognition"
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert ein neues Graduiertenkolleg zum Thema „Situierte Kognition“ an der Ruhr-Universität Bochum und der Universität Osnabrück mit etwa 3 Millionen Euro für 4,5 Jahre. Es beschäftigt sich mit der Frage, wie kognitive Prozesse mit externen Einflüssen zusammenspielen, um die geistigen Fähigkeiten des Menschen hervorzubringen. Das Graduiertenkolleg soll methodisch die Philosophie des Geistes und der Kognition mit der Psychologie und den Neurowissenschaften verknüpfen, wobei die philosophische Theoriebildung im Zentrum steht. Dabei möchte das Team die Synergien zwischen den beiden Standorten Osnabrück und Bochum nutzen. Die Leitung des Kollegs liegt bei einem Sprecher aus Bochum, Prof. Dr. Albert Newen (Institut für Philosophie II), und einem Ko-Sprecher aus Osnabrück, Prof. Dr. Achim Stephan (Institut für Kognitionswissenschaft). Äußere Einflüsse auf den Geist „Hauptziel des Kollegs ist es, die Defizite traditioneller Modelle des menschlichen Geistes herauszuarbeiten und zentrale empirische Erkenntnisse der Kognitionswissenschaft auf philosophisch-kritische Weise in einer Theorie der ‚Situierten Kognition‘ zusammenzuführen; bislang wurden diese nicht ausreichend berücksichtigt“, sagt der Osnabrücker Philosoph und Kognitionswissenschaftler Achim Stephan. „Eine Grundannahme unserer Arbeit ist, dass sich die geistigen Fähigkeiten des Menschen nicht allein als Hirnaktivitäten beschreiben lassen“, erklärt Albert Newen. Äußere Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle. Die Gesichtsmuskulatur bestimmt beispielsweise mit, wie ein Mensch sich fühlt – nicht nur umgekehrt. Auch das Erinnerungsvermögen ist vom Kontext abhängig. „Manchmal erinnere ich mich in einem Raum an bestimmte Dinge, die mir an anderer Stelle nicht einfallen, oder meine Erinnerung ist nur zusammen mit einem Kalender möglich“, veranschaulicht Newen. Unsere geistigen Leistungen werden durch das Gehirn ermöglicht, aber in vielen Fällen hängen sie auch wesentlich zusammen mit dem gesamten Körper sowie äußeren Gegenständen oder anderen Personen. Erst die Einbettung macht unsere intelligente Leistung möglich. Theorie der Kognition Das Kolleg ist interdisziplinär ausgerichtet, wobei philosophische Untersuchungen im Vordergrund stehen. Die Forschung soll systematisch in eine Theorie der Kognition münden, die neueste empirische Erkenntnisse zusammenführt. Das Gesamtprojekt soll von einem Kernteam aus insgesamt zwölf Doktorandinnen und Doktoranden und einer promovierten Nachwuchswissenschaftlerin sowie den Projektleitern umgesetzt werden. Die Antragsteller legen besonderen Wert auf den wissenschaftlichen Austausch innerhalb des Kollegs und im internationalen Rahmen, und sie wollen die Nachwuchsforscherinnen und -forscher früh an das wissenschaftliche Publizieren heranführen. Jeder Doktorand soll zwei Betreuer erhalten, einen an jedem Standort.

Webseite Situated Cognition:

  MERCUR Project: “Automaticity in Thought and Action and its Significance for our Self-Understanding”
Collaborative Research Project: Prof. Dr. Albert Newen (Bochum), Prof. Dr. Katja Crone (Dortmund) and Prof. Dr. Neil Roughley (Duisburg-Essen) Viele Vorgänge im Denken und Handeln laufen automatisch ab: Wir können sie oft nicht initiieren, sie stehen nicht im Fokus unserer Aufmerksamkeit, und wir können sie nicht oder nur schwer beeinflussen In diesem Projekt möchten wir die in der Philosophie immer noch unterschätzte Rolle von automatischen Prozessen des Denkens und Handelns für den Alltag herausarbeiten und klären, worin angesichts dessen adäquate Selbstverständnisse von Personen bestehen können. Methodisch ist das Projekt in der systematischen Philosophie verankert, greift aber wesentlich auf neuere Forschungsergebnisse in der Psychologie und in den Neurowissenschaften zurück.

  "Animal Cognition - Wie rational sind Tiere"
Die Auseinandersetzung der Philosophie mit nicht-menschlichen Tieren lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen. Neben der Tierethik ist die Untersuchung nicht-menschlicher Tiere vor allem für die philosophische Anthropologie sowie für die Philosophie des Geistes von Interesse. Während Anthropologen durch den Vergleich mit nicht-menschlichen Tieren etwas über die Natur des Menschen herausfinden möchten, untersucht die Philosophie des Geistes die Natur des Denkens und benutzt Tiere als Prüfstein, an dem unser mentales Vokabular sich bewähren muss. Ziel dieses von der Fritz Thyssen Stiftung finanzierten Projektes ist es, der Frage nach Tierrationalität aus den beiden letztgenannten Perspektiven nachzugehen. Dabei liegt es in der Natur der Frage, dass ihre Beantwortung eine interdisziplinäre Zugangsweise erfordert. Zum einen müssen die für diese Frage relevanten mentalen Begriffe geklärt werden: Wovon sprechen wir, wenn wir von Rationalität sprechen, bzw. was bedeutet es, rational zu sein? Dasselbe gilt für eine Reihe anderer mentaler Begriffe, die mit Rationalität assoziiert werden, wie zum Beispiel die Begriffe ÜBERZEUGUNG, INFERENZ, ENTSCHEIDUNG oder METAREPRÄSEN- TATION. Zweitens ist es nötig, Kriterien zu entwickeln, auf deren Grundlage man empirisch überprüfen kann, ob nicht-sprachliche Lebewesen über diese Fähigkeiten verfügen. Schließlich erfordert eine Antwort auf die Frage drittens eine Auseinandersetzung mit anderen empirischen Wissenschaften wie der Tierverhaltensforschung und der Tierpsychologie, um festzustellen, ob es Tiere gibt, die diese Kriterien erfüllen. Wenn wir die Relevanz empirischer Ergebnisse (hier vor allem: der Tierverhaltensforschung) für die Philosophie des Geistes – für die Frage nach der Natur des Denkens – ernstnehmen, können diese drei Schritte nicht einfach nacheinander abgearbeitet werden. Das Projekt soll daher zudem aufzeigen, wie empirische Erkenntnisse die traditionelle philosophische Begriffsbildung auf der Grundlage rein apriorischer Begriffsanalyse beeinflussen und philosophische Debatten bereichern können.

  "Soziale Informationsverarbeitung und Kultur"
Wie verstehen wir andere Personen? Welche Rolle spielen dabei kulturelle Unterschiede? Zu den komplexesten kognitiven Leistungen des Menschen gehört die Verarbeitung sozialer Information, die uns Menschen ein Leben in Gemeinschaften ermöglicht. Dies wird uns durch unsere Fähigkeit ermöglicht, uns in andere Personen „hineinzuversetzen“ und ihre innere Verfassung einzuschätzen und ihr Verhalten vorherzusagen. Eine zentrale Frage des Projekts lautet: Wie sieht eine adäquate Interpretation von Handlungen, Verständigungssignalen und sozialen Rollen in interaktiven Situationen aus, also dann, wenn wir tatsächlich und konkret mit anderen in Beziehung treten? Ein zweiter wichtiger Aspekt wird die kulturelle Dimension sein. Menschliche Kommunikation ist wesentlich in kulturelle Kontexte eingebettet und wird von ihnen geprägt; zugleich aber formt sie den kulturellen Hintergrund, dem die einzelnen Kommunikationspartner angehören. Ein Hauptziel dieses Forschungsverbundes ist es vor diesem Hintergrund, nicht nur die Rolle von kognitiven, sondern auch von kulturellen Faktoren für Selbstverstehen, Fremdverstehen und Kommunikation herauszuarbeiten. Weitere Informationen finden Sie hier.

  "Other Minds/Den Anderen verstehen"
Manchmal scheint es, als könnten wir Gedanken lesen: Wir wissen genau, was unser Gegenüber meint, sogar noch bevor er es geäußert hat. Wie funktioniert das? Müssen wir uns selbst verstehen, um Andere verstehen zu können? Kann man diese Prozesse an der Gehirnaktivität ablesen – und darf man das? Warum funktioniert das Verstehen Anderer bei manchen Krankheiten nicht? Das vom Bundesforschungsministerium (BMBF) mit rund einer Million Euro geförderte Verbundprojekt „Other Minds/Den Anderen verstehen: Neurophilosophie und Neuroethik der Intersubjektivität“ soll diese Fragen beantworten.

Webseiten des Projekts:

  "Selbstbewußtsein und Begriffsbildung"   Link zur Homepage des Projekts
The main question of the research project is: "What is human self-consciousness?"

Until now, the empirical sciences have made relatively little progress in explaining one major subject of human self-conception, which is consciousness in general and especially self-consciousness. Both phenomena continue to pose an unsolved riddle. Generally, self-consciousness is claimed to be a condition for responsible action: Only if a person has consciousness of both her/his own desires and beliefs on the one hand, and the so motivated actions on the other, will she/he be able to consciously influence her/his actions. Hence, self-consciousness is a necessary condition for responsible action. Self-consciousness — as the notion is used here — is to be sharply distinguished from the notion of self-esteem: It signifies consciousness of the subject's own desires and beliefs. The aim of the project is to develop a new theory of self-consciousness so understood. The philosophical theorizing will be developed in accordance with the latest research-results in infant development of self-consiousness as well as pathological cases of adult self-consciousness. The project will be conducted in collaboration of philosophers (Philosophisches Seminar, Universität Tübingen) and neuroscientists (Priv.-Doz. Dr. Kai Vogeley, Universitätsklinik Bonn). The philosophical theory will accordingly be built on empirical insights from psychiatric research. Cases of disorders of self-consciousness such as autism and schizophrenia are especially important here. A new philosophical theory of human self-consciousness will then on the other hand provide a framework for further systematic empirical research in autism and schizophrenia. In this sense, the general aim of the project is to provide new perspectives on the investigation of the human mind through a philosophical theory of human self-consciousness.

  "Wissen und Können"  Link zur Homepage des Projekts
Wissen und Können markieren nach herkömmlicher Auffassung streng getrennte Sphären kognitiver Leistungen des Menschen. Die philosophische Erkenntnistheorie hat ihre Aufmerksamkeit ganz überwiegend auf das Wissen, und dabei besonders auf die höchste Form menschlichen Wissens, das wissenschaftliche Wissen, gerichtet. Die vielfältigen Formen des Könnens wie Klavierspielen, Fahrradfahren oder sich zielgerichtet durch eine Fußgängerzone bewegen erscheinen in der Erkenntnistheorie dagegen nur als Randnotiz. Damit geht eine bestimmte fragwürdige Annahme über den Zusammenhang von Wissen und Können einher: Wissen besitzt die Struktur von Sätzen, es liegt unabhängig von jenen Fähigkeiten vor, in denen es sich aktualisiert, und wird im Fall des Ausübens von Fähigkeiten aktiviert.

Ziel des Projekts ist es demgegenüber daher, das Können als eigenständige Sphäre zur Geltung zu bringen. Eine neue philosophische Theoriebildung wird angestrebt, indem erstens sowohl begriffliche wie nicht-begriffliche Anteile an kognitiven Fähigkeiten auf der Basis einer strukturalen Theorie der Repräsentation analysiert werden. Zweitens soll auf der Basis dieser Bestandsaufnahme eine empirisch fundierte Begriffstheorie ausgearbeitet werden, die Begriffe als mentale Repräsentationen auffasst und es unabhängig von Sprachfähigkeiten ermöglicht, Grenzen zu ziehen, und zwar einerseits zwischen vorbegrifflichen und begriffsbasierten Fähigkeiten und andererseits zwischen diesen beiden Formen von Fähigkeiten und einem propositional strukturierten Wissen.

Die methodische Grundannahme ist, dass für den Unterschied zwischen Wissen und Können verschiedene Mechanismen der internen Repräsentation ausschlaggebend sind. Um diese Annahme als fruchtbar zu erweisen, sind zwei empirische Teilprojekte aus Psychologie und Hirnforschung eine wesentliche Ergänzung zu den drei philosophischen Teilprojekten. Ein zentraler Untersuchungsgegenstand ist das räumliche Orientierungsvermögen des Menschen, weil es in allen Ausprägungen vorliegt: 1. durch eine belebte Fussgängerzone gehen (die vorbegriffliche Fähigkeit des gezielten Ausweichverhaltens), 2. sich mit Hilfe von auffälligen Objekten orientieren (die begriffsbasierte Raumorientierung mittels Landmarken) und 3. sich mit Hilfe einer Landkarte orientieren (die wissensbasierte Raumorientierung).

Das Projekt zeichnet sich durch die fruchtbare, interdisziplinäre Zusammenarbeit von Philosophie, Psychologie und Hirnforschung aus:

Prof. Dr. Andreas Bartels, Philosophie, Universität Bonn
PD Dr. Mark May, Psychologie, Universität der Bundeswehr, Hamburg
Prof. Dr. Albert Newen, Philosophie, Ruhr-Universität Bochum
Prof. Dr. Rainer Stuhlmann-Laeisz, Philosophie, Universität Bonn
Prof. Dr. Dr. Kai Vogeley, Neurowissenschaften, Universität Köln