Georg Simmel

Klassiker der Kultur- und Bildungsphilosophie IV:
Georg Simmel

Die Großstadt Berlin vor Augen, später Professor in Straßburg, stand Georg Simmel (1858-1918) ebenso in einem teils soziologischen, teils spätidealistisch-lebensphilosophischen Argumentationshorizont, wie er über Abenteuer und Mode, das Gefühl der Scham und die Rolle des Geldes in oft lebensweltlicher Konkretion schrieb. Wenn etwa die christliche Mythologie nach dem Sündenfall die (zuvor paradiesisch unschuldige) Nacktheit als Problem bewusst werden lässt, demonstriert dies nicht nur die kulturelle Konstruktion unseres in der Scham verletzbaren Ichs, sondern symbolisiert eine Begründung der Kultur überhaupt.In ähnlicher Weise kulturell aufschlussreich ist das Geld. Sein Besitz bewirkt über die mit ihm verbundenen Möglichkeiten des Kaufens eine Art "Ausdehnung des Ich" und "Expansion" der eigenen Person - ähnlich, wie der Schmuck, den man für Geld kaufen kann, eine "Bestrahlung der Persönlichkeit" darstellt. Dabei bleibt der Kauf-Akt punktuell begrenzt. Soziale Beziehungen konkretisieren sich zum Tausch, unter Ausblendung der grundsätzlicheren Ansprüche anderer kultureller Mächte auf Recht, Liebe oder Wahrheit, von denen wir im allgemeinen erwarten, dass sie nicht käuflich sind. So funktionieren die Aushändigungs- und Bezahlakte gerade wegen der Überschaubarkeit ihrer Konsequenzen so flüssig und zügig wie kaum eine Art sozialer Beziehungen sonst - eine Eigenschaft, durch die das Geld kulturprägende Kraft gewinnt. Diese Kraft löst die Menschen mit der Moderne aus ihren traditionell stark prägenden sozialen Bindungen heraus und überführt sie in komplexe neue Relationen, deren Halte- wie Bindungskraft schwächer ist und damit vielfache Freiheitsoptionen ermöglicht, aber auch ihre Beziehungen versachlicht. -
Berühmt geworden ist Simmel schließlich mit der These einer "Tragödie der Kultur". Kultur, so sagt er, "entsteht - und das ist das schlechthin Wesentliche für ihr Verständnis -, indem zwei Elemente zusammenkommen, deren keines sie für sich enthält: die subjektive Seele und das objektive geistige Erzeugnis". Was einmal lebendige subjektive Intention war, verwandelt sich in "Kulturgut". Obwohl sie die Prägemale ihrer menschlichen Erschaffung sozusagen noch mit sich führt, kann diese objektive Kultur den Individuen wiederum prägend, ja zwingend gegenübertreten. Dieser Dualismus ist nichts, das sich umgehen ließe, sondern er etabliert eine Grundstruktur, die Kulturprozesse überhaupt erst ermöglicht. Die "Idee der Kultur" (Simmel) wurzelt in diesem zugleich problematischen Verhältnis:

"(D)er Mensch wird jetzt der bloße Träger des Zwanges, mit dem diese Logik die Entwicklungen beherrscht und sie wie in der Tangente der Bahn weiterführt, in der sie wieder in die Kulturentwicklung des lebendigen Menschen zurückkehren würden. Dies ist die eigentliche Tragödie der Kultur. Denn als ein tragisches Verhältnis - im Unterschied gegen ein trauriges oder von außen her zerstörendes - bezeichnen wir doch wohl dies: dass die gegen ein Wesen gerichteten vernichtenden Kräfte aus den tiefsten Schichten eben dieses Wesens selbst entspringen; dass sich mit seiner Zerstörung ein Schicksal vollzieht, das in ihm selbst angelegt und sozusagen die logische Entwicklung eben der Struktur ist, mit der das Wesen seine eigene Positivität aufgebaut hat. Es ist der Begriff aller Kultur, dass der Geist ein selbstständig Objektives schaffe, durch das hin die Entwicklung des Subjektes von sich selbst zu sich selbst ihren Weg nehme; aber eben damit ist jenes integrierende kulturbedingende Element zu einer Eigenentwicklung prädeterminiert, die noch immer Kräfte der Subjekte verbraucht, noch immer Subjekte in ihre Bahn reißt, ohne doch diese damit zu der Höhe ihrer selbst zu führen."

Auf diese Entzweiungs-These Simmels hat Ernst Cassirer reagiert. Was Simmel eine Tragödie der Kultur nennt, ist mit Cassirer ihr notwendigerweise kommunikativ-dialektisches und historisches Wesen. "Denn am Ende dieses Weges steht nicht das Werk, in dessen beharrender Existenz der schöpferische Prozess erstarrt, sondern das ´Du´, das andere Subjekt, das dieses Werk empfängt, um es in seine eigenes Leben einzubeziehen und es damit wieder in das Medium zurückzuverwandeln, dem es ursprünglich entstammt" (Zur Logik der Kulturwissenschaften. Fünfte Studie: Die "Tragödie der Kultur", Darmstadt 1961, 109 f.). An diese Feststellung lassen sich deshalb Theorien der Bildung und der Hermeneutik wiederum fruchtbar anschließen.

Georg Simmel, Zur Psychologie der Scham (1901). In: Schriften zur Soziologie, Frankfurt 2. Aufl. 1986, 140 ff.; Ders.: Philosophie des Geldes (1900), Frankfurt 1989 (die oben angesprochenen Referenzen auf den Seiten 439, 721); Ders.: Der Begriff und die Tragödie der Kultur. In: Philosophische Kultur, Berlin 1983, 183-207 (Zitat 203 f.)