Wilhelm von Humboldt

Klassiker der Kultur- und Bildungsphilosophie I:
Wilhelm von Humboldt

"Jedes Individuum ist eine in der Wirklichkeit dargestellte Idee" kann Wilhelm von Humboldt (1767-1835) in seinem kurzen Text "Theorie der Bildung des Menschen" sagen; er meint damit ein Ziel, das sich in den verschiedensten Lebens- und vor allem Bildungsprozessen verwirklicht: "Der wahre Zweck des Menschen ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen". Gesellschaftlich und kulturell, aber auch für jede(n) Einzelne(n) erscheint Bildung damit als eine ebenso aktuelle wie zutiefst traditionsreiche philosophische Empfehlung (bei Platon war es das "in barbarischem Schlamm vergrabene Auge der Seele" [en borbórô barbarikô tini to tês psychês ómma, Rep. 533 d] gewesen, das sozusagen zum Sehen gebracht wird). Eine solche Zielvorstellung humaner Existenz schließt heute als regulative Idee weder unsere alltäglichen Heterogenitätserfahrungen ("Wer bin ich - und wenn ja: wie viele?") aus, noch muss sie die vielfachen Einflüsse, Brüche und Konflikte leugnen, in die wir in den, wie man formuliert hat, "Wetterlagen" des Lebens geraten können. Sie gilt auch, wenn ihr Ausgang nicht gemäß einem metaphysischen Vernunftanspruch "vor" der kulturellen Arbeit bereits feststeht. Bildung erscheint demnach als eine im Konkreten statthabende, nichtteleologische, aber darum nicht "sinnlose" kulturelle Selbstgewinnung. Dabei verschafft sich zugleich Einsicht, wie wenig eine völlige Autonomie des Ich vorstellbar wäre, wie sehr wir im Austausch mit anderen vielmehr eine sozusagen "gegenseitige", "mutuelle Identität" erzeugen. Der diskutierte Formungsprozess ist demnach auch nicht lediglich intellektueller Natur, sondern richtet sich zugleich auf ein praktisches Sich-Bewähren, bedeutet auch eine soziale, emotionale und moralische Bildung. Dies gilt auch und gerade, wenn die manchmal als Einwände vorgebrachten Ergebnisse der modernen Bewusstseinsforschung wenig Zweifel daran lassen, dass wir unserer natürlichen Existenz nach (und anders, als Humboldt noch annahm) womöglich nichts weiter als in die Zeit gesetzte Materieeinheiten sind, höchst fragile, allenthalben abhängige und provozierend vergängliche Phänomene. Von diesem Bildungsbegriff her ergeben sich fast zwangsläufig Rückfragen an die Philosophie, zielt doch gerade sie auf eine Bewusstseinskultur, zu der wir als denkende Wesen unserer Anlage nach disponiert und zugleich als ein Ergebnis der Geistesgeschichte der Moderne auch aufgefordert sind.

Theorie der Bildung des Menschen (Ausschnitt)
Im Mittelpunkt aller besonderen Arten der Tätigkeit nämlich steht der Mensch, der ohne alle, auf irgend etwas Einzelnes gerichtete Absicht, nur die Kräfte seiner Natur stärken und erhöhen, seinem Wesen Wert und Dauer verschaffen will. Da jedoch die bloße Kraft einen Gegenstand braucht, an dem sie sich üben, und die bloße Form, der reine Gedanke, einen Stoff, in dem sie, sich darin ausprägend, fortdauern könne, so bedarf auch der Mensch einer Welt außer sich. Daher entspringt sein Streben, den Kreis seiner Erkenntnis und seiner Wirksamkeit zu erweitern, und ohne dass er sich selbst deutlich dessen bewusst ist, liegt es ihm nicht eigentlich an dem, was er von jener erwirbt, oder vermöge dieser außer sich hervorbringt, sondern nur an seiner inneren Verbesserung und Veredlung oder wenigstens an der Befriedigung der inneren Unruhe, die ihn verzehrt. Rein und in seiner Endabsicht betrachtet, ist sein Denken immer nur ein Versuch seines Geistes, vor sich selbst verständlich, sein Handeln ein Versuch seines Willens, in sich frei und unabhängig zu werden, seine ganze äußere Geschäftigkeit überhaupt aber nur ein Streben, nicht in sich müßig zu bleiben. Bloß weil beides, sein Denken und sein Handeln nicht anders, als nur vermöge eines Dritten, nur vermöge des Vorstellens und des Bearbeitens von etwas möglich ist, dessen eigentlich unterscheidendes Merkmal es ist, Nicht-Mensch, d. i. Welt zu sein, sucht er, soviel Welt, als möglich zu ergreifen, und so eng, als er nur kann, mit sich zu verbinden.
Die letzte Aufgabe unseres Daseins: dem Begriff der Menschheit in unserer Person, sowohl während der Zeit unseres Lebens, als auch noch über dasselbe hinaus, durch die Spuren des lebendigen Wirkens, die wir zurücklassen, einen so großen Inhalt, als möglich, zu verschaffen, diese Aufgabe löst sich allein durch die Verknüpfung unsres Ichs mit der Welt zu der allgemeinsten, regesten und freiesten Wechselwirkung.


Wilhelm von Humboldt, Theorie der Bildung des Menschen. In: Werke. Herausgegeben von A. Leitzmann, Bd. I, Berlin 1903, S. 282-287 (283)