Wilhelm Dilthey

Klassiker der Kultur- und Bildungsphilosophie III:
Wilhelm Dilthey

Wilhelm Dilthey (1833-1911), Historiker und Philosoph der Geisteswissenschaft, war zugleich einer der Hauptvertreter des "Historismus", d. h. er fasste die menschlich-geschichtliche Welt konsequent als historische auf. Die wohl prominenteste Textpassage, die diesen Dilthey zeigt, spielt in sehr prägnanter Form das kritische Potential von Pluralitätserfahrungen aus, ursprünglich bereits ein Argument der antiken Sophistik. Ein über den "synchronen" hinausgehender "diachroner", historischer Blick auf das "unermessliche() Trümmerfeld religiöser Traditionen, metaphysischer Behauptungen, demonstrierter Systeme" befördert die "Stimmung einer vergnüglichen Neubegier philosophischen Systemen gegenüber, welches Publikum es wohl um sich zu sammeln und wie lange es dasselbe wohl festzuhalten vermöge". Dies bringt den Einzelnen gegenüber den Weltanschauungen in eine starke Position; auf diese Weise wird, wie man heute sagen kann, "historistische Aufklärung" geleistet. Dilthey benennt damit eine Problemebene, die im 20. Jahrhundert als "Pluralisierung" die Diskussion in ganz verschiedenen Richtungen und Sparten der Philosophie wiederum bestimmt hat. Er ruft zwar auch den Vorwurf eines orientierungslosen und gefährlichen Relativismus hervor. Doch bereits Gothold Ephraim Lessing hat in der berühmten Ringparabel seines "Nathan" darauf hingewiesen, dass aus dieser Problemlage weit eher ein Aufruf zur Toleranz folgt: nach Kräften für einen offenen Dialog unter rationalen und historisch aufgeklärten Bedingungen zu sorgen und anzugehen gegen jeden Fanatismus, der das Denken verhetzt.

Leseprobe: Über den Widerstreit der Systeme
Unter den Gründen, welche dem Skeptizismus immer von neuem Nahrung geben, ist einer der wirksamsten die Anarchie der philosophischen Systeme. Zwischen dem geschichtlichen Bewusstsein von der grenzenlosen Mannigfaltigkeit derselben und dem Anspruch eines jeden von ihnen auf Allgemeingültigkeit besteht ein Widerspruch, welcher viel stärker als jede systematische Beweisführung den skeptischen Geist unterstützt. Grenzenlos, chaotisch liegt die Mannigfaltigkeit der philosophischen Systeme hinter uns und breitet sich um uns aus. In jeder Zeit, seitdem sie sind, haben sie einander ausgeschlossen und bekämpft. Und keine Hoffnung zeigt sich, dass eine Entscheidung unter ihnen herbeigeführt werden könnte. [...]
Wir blicken zurück auf ein unermessliches Trümmerfeld religiöser Traditionen, metaphysischer Behauptungen, demonstrierter Systeme: Möglichkeiten aller Art, den Zusammenhang der Dinge wissenschaftlich zu begründen, dichterisch darzustellen oder religiös zu verkünden, hat der Menschengeist durch viele Jahrhunderte versucht und durchgeprobt, und die methodische, kritische Geschichtsforschung erforscht jedes Bruchstück, jeden Rest dieser langen Arbeit unseres Geschlechts. Eins dieser Systeme schließt das andere aus, eins widerlegt das andere, keines vermag sich zu beweisen: Nichts von der friedlichen Unterhaltung auf Raffaels Schule von Athen, welche der Ausdruck der eklektischen Tendenz jener Tage war, finden wir in den Quellen der Geschichte. So ist der Widerspruch zwischen dem zunehmenden geschichtlichen Bewusstsein und dem Anspruch der Philosophien auf Allgemeingültigkeit immer härter geworden, immer allgemeiner die Stimmung einer vergnüglichen Neubegier philosophischen Systemen gegenüber, welches Publikum es wohl um sich zu sammeln und wie lange es dasselbe wohl festzuhalten vermöge. [...]
Viel tiefer aber als die skeptischen Schlüsse aus der Gegensätzlichkeit menschlicher Meinungen reichen die Zweifel, welche aus der fortschreitenden Ausbildung des geschichtlichen Bewusstseins erwachsen sind. [...]
Die Entwicklungslehre, die so entstand, ist notwendig verbunden mit der Erkenntnis von der Relativität jeder geschichtlichen Lebensform. Vor dem Blick, der die Erde und alle Vergangenheiten umspannt, schwindet die absolute Gültigkeit irgendeiner einzelnen Form von Leben, Verfassung, Religion oder Philosophie. -
So zerstört die Ausbildung des geschichtlichen Bewusstseins gründlicher noch als der Überblick über den Streit der Systeme den Glauben an die Allgemeingültigkeit irgendeiner der Philosophien, welche den Weltzusammenhang in zwingender Weise durch einen Zusammenhang von Begriffen auszusprechen unternommen haben. Die Philosophie muss nicht in der Welt, sondern in dem Menschen den inneren Zusammenhang ihrer Erkenntnisse suchen. Das von den Menschen gelebte System- das zu verstehen ist der Wille des heutigen Menschen. Die Mannigfaltigkeit der Systeme, welche den Weltzusammenhang zu erfassen strebten, steht nun mit dem Leben in offenbarem Zusammenhang; sie ist einer der wichtigsten und belehrendsten Schöpfungen desselben, und so wird dieselbe Ausbildung des geschichtlichen Bewusstseins, welche ein so zerstörendes Werk an den großen Systemen getan hat, uns hilfreich sein müssen, den harten Widerspruch zwischen dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit in jedem philosophischen System und der historischen Anarchie dieser Systeme aufzuheben.


Wilhelm Dilthey, Das geschichtliche Bewußtsein und die Weltanschauungslehre. In: Gesammelte Schriften, [ab Bd. XVIII hrsgg. von Karlfried Gründer und Frithjof Rodi], zunächst Leipzig, später Stuttgart und Göttingen 1914 ff., Bd. VIII, S. 75-78