Lungenstaubanalyse
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Asbest im Focus- 40 Jahre Lungenstaubanalyse

Wann ist ein Tumor asbestbedingt?

Diese Frage beschäftigt nach wie vor viele Unfallversicherungsträger bei der Entscheidung, krankhafte Lungenveränderungen als Berufskrankheit zu entschädigen. Während das Mesotheliom inzwischen als Signaltumor für eine erfolgte Asbestexposition gilt, gestaltet sich die Beantwortung der Frage nach der versicherungsrechtlich relevanten Ursache z.B. beim primären Lungenkarzinom immer noch als schwierig.

Gründung 1973

Nachdem es Prof. Otto gelungen war, im Lichtmikroskop eine zuverlässige Quantifizierung der Asbestbelastung in Lungenstaub zu etablieren, war es möglich geworden, einen ursächlichen Zusammenhang von Asbestexposition und Tumorbildung auch ohne klinische Ausprägung einer Asbestose wissenschaftlich zu belegen. Zur zentralen Erfassung asbestbedingter Tumorerkrankungen der Lunge gründete der Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften zusammen mit Prof. Otto am 15. März 1973 das Deutsche Mesotheliomregister in Dortmund. Angefangen hat das Register mit erwarteten 50 Lungenstaubanalysen pro Jahr und zwei technischen Mitarbeitern.
Die Hoffnung von Prof. Otto, dass seine Methode von vielen Pathologen übernommen werden würde, erwies sich allerdings als Irrtum. Die Pathologen zeigten nur wenig Interesse, sich mit dem versicherungsrechtlich notwendigen medizinischen Vollbeweis bei asbestbedingten Problemfällen auseinander zu setzen. Man schickte sein Material zu versicherungsmedizinischen Fragestellungen kurzerhand an das Mesotheliomregister. Die Lungenstaubanalyse dient dabei zusammen mit der fachpathologischen Diagnose der Sicherung von Brückenbefunden wie der Minimalasbestose, eine klinisch nicht fassbare Form der Asbestose. Knapp 15 Jahre später war die Zahl der Lungenstaubanalysen auf das 8-fache gewachsen. Im Jahr 1987 wurden bereits 911 Lungenstaubanalysen gezählt. Zwei Jahre später im Jahr 1989 waren es bereits stolze 2000 im Mesotheliomregister durchgeführte Lungenstaubanalysen.

Umzug Nach Bochum 1987

Im Jahr der Pensionierung von Prof. Otto wurde das Mesotheliomregister mit Unterstützung des Hauptverbandes von Prof. Müller in Bochum übernommen und fortgeführt. Dabei sind die Kriterien der Auswertung stets von gleicher Qualität, sehr zur Freude des Erfinders. So schreibt Prof. Otto in einem Resümee zum 10-jährigen Bestehen des Mesotheliomregisters in Bochum, „es war mir eine ganz besondere Genugtuung, dass diese Verfahrenstechnik auch von fremder Hand weitergeführt werden konnte“ [1]. Seit 1987 werden alle vom Mesotheliomregister in Bochum untersuchten oder dem Register zur Kenntnis gebrachten asbestassoziierten Lungenerkrankungen in einer Datenbank gesammelt und jährlich statistisch ausgewertet. Der Datenbestand des Mesotheliomregisters umfasst gut 2/3 aller in Deutschland entschädigten Mesotheliome nach BK 4105.

Elektronenmikroskopie

Im Jahr 1990 wurde der Forschungsbereich des deutschen Mesotheliomregisters um ein elektronenmikroskopisches Labor mit Rasterelektronenmikroskopie (REM) und energiedispersiver Röntgenmikroanalyse (EDX) erweitert. Seit dem ist es hier möglich auch qualitative Lungenstaubanalysen vor zu nehmen, also Elemente wie Silizium, Magnesium, Chrom, Aluminium, Nickel und weitere Hartmetalle sowie auch deren Verbindungen, wie die Mineralien Asbest, Quarz oder Talkum qualitativ und quantitativ zu erfassen. Daher ist die Elektronenmikroskopie gut geeignet, verschiedene Asbestfaserarten voneinander zu unterscheiden, oder in der Lunge gespeicherte Fremdsubstanzen z.B. im Vergleich zum beruflich verwendeten Gefahrgut zu charakterisieren.
Die Elektronenmikroskopie dient zudem als Ergänzung zur lichtmikroskopischen Analyse, wenn das Lungengewebe durch Entzündungsprozesse oder Autolyse z.B. nach Exhumierungen stark geschädigt ist und eine lichtmikroskopische Analyse nicht ausreicht.
Im Jahr 1998 belief sich die Zahl der Lungenstaubanalysen erstmals auf über 2500 Untersuchungen, Eine Spitze von über 2600 Analysen wurde 2003 erreicht. Danach nahm die Zahl der angeforderten Lungenstaubanalysen kurzfristig geringfügig ab. 2006 waren es immer noch knapp 1800 eingesandte Proben.

Mesotheliomregister am Institut für Pathologie in Bochum

Seit der Pensionierung von Prof. Müller im Jahre 2005 wird das deutsche Mesotheliomregister von Prof. Tannapfel in Bochum weitergeführt. Nach wie vor unterstützt der Hauptverband das Mesotheliomregister als wichtigen Ansprechpartner für alle Fragestellungen rund um berufsbedingte Erkrankungen der Lunge. Wie wichtig die Bedeutung des Mesotheliomregisters nach wie vor ist, zeigen die seit 2006 jährlich stetig wachsenden Zahlen an durchgeführten Lungenstaubanalysen. Trotz Bankenkrise wurden im Jahr 2009 schon wieder deutlich über 2000 Filter mit Lungenstäuben analysiert. Dieser Trend ist ungebrochen.

Im Januar 2013 bezog das Mesotheliomregister neue Räumlichkeiten direkt im Institut für Pathologie der Ruhr-Universität Bochum am Berufsgenossenschaftlichen Universitätsklinikum Bergmannsheil. Mit der Anschaffung eines hochmodernen Transmissionselektronenmikroskops (TEM) zur Analyse von Mineralien in Lungenstaub ist das Mesotheliomregister in Bochum unter der Leitung von Prof. Tannapfel auch für die Zukunft bestens gerüstet.

Service

Der Service des Deutschen Mesotheliomregisters zu allen versicherungsmedizinischen Fragestellungen wird bis heute – 40 Jahre später – hoch geschätzt. So werden viele Anforderungen schlicht formuliert „bitte berichten sie in bewährter Weise“.

Quellen:
[1] Kompaß 7-8/1997
[2] Kompaß 4 / 1991
[3] Datenbestand Deutsches Mesotheliomregister

Die Lungenstaubanalyse

Die Lungenstaubanalyse ist eine wichtige quantitative Analyse zur Ermittlung der tatsächlichen Lungenbelastung durch Asbeststaub und anderer Mineralien nach beruflicher Exposition. Sie dient zusammen mit der fachpathologischen Diagnose der Sicherung von Brückenbefunden wie der Minimalasbestose und ist damit eine wertvolle Hilfestellung bei versicherungsrechtlichen Entscheidungen.
Durch Kaltveraschung wird der Lungenstaub aus dem Lungenparenchym extrahiert und je nach Fragestellung unter dem Lichtmikroskop im Differential-Interferenz-Kontrastlicht oder im Elektronenmikroskop untersucht. Dabei können die gefundenen Asbestfasern zahlenmäßig erfasst und die Asbestbelastung somit in Kategorien eingeordnet werden. Ferner wird der Staub im Hinblick auf die Gesamt-Staubbelastung und andere variable Staubpartikel beschrieben.

Ist das Lungengewebe stark geschädigt, z.B. durch Entzündungen oder Autolyse bei Exhumierungen, so ist die lichtmikroskopische Analyse nicht ausreichend und kann je nach Anforderung durch die elektronenmikroskopische Analyse ergänzt werden.
Mit der energiedispersiven Röntgenmikroanalyse (EDX) können chemische Elemente wie z.B. Silizium, Magnesium, Chrom, Aluminium, Nickel und weitere Hartmetalle, sowie deren chemischen Verbindungen wie z.B. Asbest, Quarz und Talkum identifiziert und quantifiziert werden.
Im Rasterelektronenmikroskop in Verbindung mit der EDX ist es daher möglich, die Asbestfasern auch qualitativ zu charakterisieren, z.B. nach deren Herkunft (industriell verwendete Fasern versus natürliche Mineralienvorkommen).
Weitere Anwendungen der Elektronenmikroskopie sind die Diagnosesicherung auch anderer pulmonaler Erkrankungen (Pneumokoniosen) durch Staub-Schadstoffe wie z.B. die Berylliose versus Sarkoidose.
Zusammen mit der rasterelektronischen Analyse lässt sich in einigen Fällen die räumliche Verteilung der Elemente in Einklang bringen zu fibrosierenden Gewebeprozessen im histologischen Schnittpräparat.

Für die Lungenstaubanalyse wird gesundes tumorfreies Lungenparenchym als formalinfixiertes Feuchtmaterial oder alternativ als Paraffinblöckchen benötigt. Da die Verteilung der Asbestkörper in den verschiedenen Lungenarealen sehr unterschiedlich sein kann, werden im Idealfall vier Proben aus verschiedenen Lungensegmenten (S2, S10 rechts und links) pro Patient untersucht. Steht kein Operationsmaterial zur Verfügung, kann die Staubanalyse z.B. auch aus einer BAL (bronchoalveoläre Lavage) durchgeführt werden.


Einsendung von Proben

Hinweise zum Probenversand, sowie einen Probenbegleitschein für die Lungenstaubanalyse finden Sie unter den Formularen.


Asbestkörper im Lichtmikroskop


Asbestkörper im histologischen Präparat


Asbestkörper im histologischen Präparat


Lungenstaubanalysen 1973-2012


Transmissions-Elektronenmikroskop