Das Richard-Wilhelm-Übersetzungszentrum

Das der Sektion Sprache und Literatur Chinas angegliederte Richard-Wilhelm-Übersetzungszentrum wurde 1993 von dem inzwischen verstorbenen Professor Helmut Martin gegründet.

Hier werden keine Übersetzerinnen oder Übersetzer ausgebildet, sondern ergänzend zur sprach- und literaturwissenschaftlichen Ausbildung Lehrveranstaltungen, Seminare und Vorträge zur Übersetzungstheorie und -praxis angeboten mit dem Ziel, die linguistischen, historischen und soziologischen Aspekte der Übersetzung vom Chinesischen ins Deutsche genauer auszuleuchten und ins Blickfeld des Interesses zu rücken.

Bibliothek

Das Richard-Wilhelm-Übersetzungszentrum verfügt neben spezialisierten übersetzungstheoretischen Werken über eine bedeutende und in ihrer Art einmalige Sammlung deutschsprachiger Übersetzungen von Texten aus allen Perioden der chinesischen Literaturgeschichte, angefangen vom Buch der Lieder, welches bis ins 10. Jh. v.u.Z. zurückreicht, bis hin zum provokanten Großstadtroman des modernen China Shanghai Baby.

Die Bibliothek ist durch Bestellungen und fortlaufende Zeitschriften immer mit den neuesten zugänglichen Übersetzungen deutscher Sprache ausgestattet. Eine kombinierte PDF-Datei (4,73 MB, 904 S.) mit dem Altbestand von Titeln, die bis ca. 1998 erworben wurden, und einer Bibliographie von deutschsprachigen Übersetzungen aus dem Chinesischen können Sie hier herunterladen. Neuere Erwerbungen des Übersetzungszentrums können über den OPAC der Ruhr-Universität gefunden werden.

Öffnungszeiten
I.d.R. dienstags 9:30–12:30 Uhr; mittwochs 9:30–12:30 Uhr und 13:30–17:30 Uhr .

Ausleihe
Bis zu fünf Bücher für einen Monat, verlängerbar auf drei Monate. Einmalige Kaution von 50 EUR.

Kontakt
Postanschrift
Ruhr-Universität Bochum
Fakultät für Ostasienwissenschaften
Richard-Wilhelm-Übersetzungszentrum
Universitätsstraße 150
44780 Bochum
Besucheradresse
Ruhr-Universität Bochum
Fakultät für Ostasienwissenschaften
Raum 3.18
Universitätsstraße 134
44799 Bochum
Kontakt per Telefon, Fax oder E-Mail
Tel.: +49 (0)234 32-28253 bzw. -24699
Fax: +49 (0)234 32-14265
E-Mail: ruediger.breuer@rub.de
Geschäftsführung:
Rüdiger Breuer
Studentische Hilfskraft:
Yang Yang

Wer war Richard Wilhelm?

Der Namenspatron des Übersetzungszentrums, Richard Wilhelm (1873–1930), lebte zu einer Zeit, da die Anerkennung des Übersetzens als ernst zu nehmender wissenschaftlicher Disziplin noch hundert Jahre auf sich warten lassen sollte. Er studierte in Tübingen Theologie und ging 1899 im Dienst der Ostasienmission als Missionar in das damalige deutsche Pachtgebiet Qingdao. Obwohl er erst vor Ort Chinesisch lernte, sah er – anders als andere Europäer – in Einheimischen von Anfang an nicht nur Fremde und potenzielle Feinde. Als Pfarrer, Pädagoge und Missionar erwarb er sich große Verdienste um das Erziehungswesen und wurde dafür vom chinesischen Kaiserhof ausgezeichnet. Wilhelm gründete eine deutsch-chinesische Schule und kam im Verlauf dieser Arbeit in Kontakt mit chinesischen Gelehrten, woraufhin er das Studium der chinesischen Literatur aufnahm.

Im Jahr 1905 erschienen seine ersten Übersetzungen ins Deutsche, darunter Teile der "Analekten" (Lunyu) des Konfuzius. Längst war ihm die eurozentrische Arbeitsweise der Missionen in China fremd und er selbst zum "geistigen Mittler zwischen China und Europa" geworden: "Der Missionar in China kann nicht mehr von einem überlegenen Standpunkt aus als Angehöriger eines Kulturvolkes einer niedrigen Kulturstufe gegenübertreten, sondern er muss seinen Standpunkt als Mensch zum Menschen nehmen" (R. Wilhelm, Hg. Salome Wilhelm, Köln 1956, 138). Von 1922 bis 1924 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter der deutschen Gesandtschaft in Peking tätig und lehrte an der Universität. Im Jahr 1924 wurde er zurück nach Deutschland auf einen neu gegründeten Lehrstuhl in Frankfurt am Main berufen, wo man ihn 1927 zum ordentlichen Professor ernannte.

Nach Beendigung seiner Missionarstätigkeit in China widmete sich Richard Wilhelm ausschließlich der Sinologie. So entstand ein gewaltiges Lebenswerk, das die ersten deutschen Übersetzungen der chinesischen Klassiker, wie zum Beispiel des Yijing, des Daodejing, Zhuangzi, Mengzi und Lunyu sowie ein mehrbändiges Werk zur klassischen Philosophie umfasst. Bis heute beziehen sich Fachleute in ihren Kommentaren und Neuübersetzungen auf ihn, und zahllose interessierte Laien, denen neuere, umfangreich annotierte Fachübersetzungen zu schwer verdaulich sind, benutzen für ihr persönliches Orakel bis heute auf seine Übersetzung des Yijing (I Ging. Texte und Materialien, Jena 1924, Köln 1973–).

Ausführliche bio-bibliographische Informationen zu Richard Wilhelm finden sich u.a. auf den Internet-Seiten des Biographisch-Bibliographischen Kirchenlexikons.

Einige Überlegungen zur Übersetzertätigkeit

Der Autor schafft mit seiner Sprache nationale Literatur, die Weltliteratur wird von Übersetzern gemacht. — José Saramago

Ohne Übersetzerinnen und Übersetzer hätte es in den Jahren 2000 und 2012 keinen Literaturnobelpreis für Gao Xingjian und Mo Yan gegeben, ja ohne diesen Berufsstand gäbe es womöglich überhaupt keinen internationalen Literaturnobelpreis. Denn wie soll eine international zusammengesetzte Kommission Werke rund um den Globus lesen, wenn sie nicht zuvor übersetzt wurden?

Dennoch werden literarische Übersetzerinnen und Übersetzer gern übersehen. In Rezensionen zu deutschsprachigen Neuerscheinungen wird nur im Ausnahmefall der Tatsache Respekt gezollt, dass es sich um eine Übersetzung handelt. Übersetzen ist wie Putzen – es fällt nur auf, wenn es schlecht oder gar nicht gemacht wurde.

Das schlägt sich auch in der Bezahlung der meist freiberuflich tätigen Übersetzerinnen und Übersetzer nieder. "Übersetzer/in" ist keine geschützte Berufsbezeichnung. Die meisten in diesem Beruf Tätigen sind schlecht bezahlte Autodidakten, die entweder nebenher einem anderen Broterwerb nachgehen müssen, von einem erwerbstätigen Lebenspartner mitversorgt werden oder extrem sparsam leben, wenn nicht alles zusammen zutrifft.

Im akademischen Betrieb wurde das Übersetzen lange Zeit nicht ernst genommen, da ihm jede wissenschaftliche Relevanz abgesprochen wurde. Inzwischen wird es an Universitäten gelehrt und kann an einem guten Dutzend Hochschulen in Deutschland studiert werden.

Richard Wilhelm als Übersetzer

Wir freuen uns, an dieser Stelle eine Auswahl von Übersetzungen klassischer chinesischer Werke und sonstiger Publikationen von Richard Wilhelm in Form von photomechanischen Reproduktionen früher Ausgaben präsentieren zu können.

  • Chinesisch-deutsche Jahres- und Tageszeiten. Lieder und Gesänge [EA Jena 1922]
  • Chinesische Lebensweisheit [EA Darmstadt 1922]
  • Chinesische Volksmärchen [EA Jena 1917]
  • Daodejing 道德經 [Laotse. Tao Te King. Das Buch des Alten vom Sinn und Leben. EA Jena 1911]
  • Kongzi jiayu 孔子家语 [Kungfutse. Schulgespräche (Gia Yü). EA Düsseldorf 1961]
  • Liezi 列子 [Liä Dsï. Das wahre Buch vom quellenden Urgrund. Tschung Hü Dschen Ging. Die Lehren der Philosophen Liä Yü Kou und Yang Dschu. EA Jena 1921]
  • Liji 禮記 [Li Gi. Das Buch der Sitte des älteren und jüngeren Dai. EA Jena 1930]
    [Digitalisierte Textfassung in der Volltextdatenbank Zeno.org]
  • Lunyu 論語 [Kungfutse. Gespräche (Lunyü). EA Jena 1921]
  • Lüshi chunqiu 呂氏春秋 [Frühling und Herbst des Lü Bu We. EA Jena 1928]
  • Mengzi 孟子 [Mong Dsï (Mong Ko). Jena 1921 (EA 1916)]
  • Taiyi jinhua zongzhi 太乙金華宗旨 [Das Geheimnis der goldenen Blüte. Olten/Freiburg i. Br. 1971]
    [Digitalisierte Textfassung in der Volltextdatenbank Zeno.org]
  • Yijing 易經 (1) [I Ging. Das Buch der Wandlungen. Erstes und Zweites Buch. EA Düsseldorf 1924]
    [Digitalisierte Textfassung in der Volltextdatenbank Zeno.org]
  • Yijing 易經 (2) [I Ging. Das Buch der Wandlungen. Drittes Buch. EA Düsseldorf 1924]
  • Zhuangzi 莊子 [Das wahre Buch vom Südlichen Blütenland: Nan Hua Dschen Ging [南華真經]. EA Jena 1912]

Publikationen

Das Richard-Wilhelm-Übersetzungszentrum hat in den Jahren von 1994 bis 2000 an die zwanzig deutsche Übersetzungen chinesischer Literatur (arcus chinatexte) sowie mehrere Essays und Studien (arcus texte) mit dem Ziel veröffentlicht, Grundlagen der interkulturellen Verständigung zu schaffen und den komplexen Weg Chinas in die Moderne für den westlichen Leser transparent zu machen.

Aktivitäten

Seit seiner Gründung im Jahre 1993 hat das Übersetzungszentrum eine Reihe von Lehrveranstaltungen, Seminaren und Vorträgen zur Übersetzungstheorie und -praxis angeboten, die auf breite Resonanz stießen. Darüber hinaus wurden Kontakte zur Übersetzungswissenschaft an der eigenen und an anderen Universitäten, aber auch zu außeruniversitären, praxisorientierten Einrichtungen aufgenommen. Dazu gehört vor allem das Europäische Übersetzer-Kollegium Nordrhein-Westfalen in Straelen, eine für den Erfahrungsaustausch konzipierte Institution.