Materielle Kultur

Arbeitsgemeinschaft Materielle Kultur Chinas

Ausgangslage

Mit dem Begriff "materielle Kultur" beschreiben die Kulturwissenschaften die Gesamtheit der Dinge, die Menschen innerhalb einer Kultur oder Gesellschaft hergestellt, gebraucht oder gehandelt haben. Sie sind nicht nur Produkt, sondern auch Ausdruck und Beleg spezifischer gesellschaftlicher und kultureller Verfasstheit und damit Quelle für das Studium von Kulturen und Gesellschaften, die durch historisch und kulturell afferente Praktiken, Diskurse und Konzeptionen materielle Kultur verhandeln.

Im Unterschied zu untergegangenen, schriftlosen Kulturen der Vor- und Frühgeschichte können die chinawissenschaftlichen Fachdisziplinen in aller Regel, jedenfalls von einer bestimmten Epoche an, auf mehr oder weniger gute schriftliche Dokumentationen ihres jeweiligen Forschungsgegenstandes zurückgreifen. Seit den 1990er Jahren wird aber auch in der sinologischen Forschung vermehrtes Interesse an der materiellen Kultur und den Dingen Chinas erkennbar, welches v.a. in der anglophonen Welt durch eine Reihe von exzellenten Publikationen dokumentiert ist: So sind in diesem Zusammenhang u.a. die Arbeiten von Craig Clunas (Superfluous Things: Material Culture and Social Status in Early Modern China. Cambridge: Polity Press 1991; Empire of Great Brightness: Visual and Material Cultures of Ming China, 1368–1644. London: Reaktion Books 2007) und Timothy Brook (Confusions of Pleasure: Commerce and Culture in Ming China. Berkeley: University of California Press 1998) zu nennen, die zu verschiedenen Aspekten chinesischer materieller Kultur, zu Produktion, Transfer, Handel und Wert von Dingen arbeiten und damit den sogenannten material turn in die sinologische Welt eingeführt und für diese fruchtbar gemacht haben.

Eine solche Beschäftigung mit den materiellen Beweisen chinesischer Kulturproduktion rückt das Ding in den Mittelpunkt der Betrachtung und eröffnet dadurch neue Perspektiven auf sozio-kulturelle Prozesse, die in den schriftlichen Quellen häufig stark gefärbt, interpretiert, bewertet und dadurch häufig nur unbefriedigend nachgewiesen werden. Der material turn, der u.a. durch die Arbeiten von Daniel Miller (Material Cultures. Why some things matter. London: UCL Press 1998; Materiality. Durham: Duke University Press 2005), Arjun Appadurai (The Social Life of Things. Commodities in Cultural Perspective. Cambridge: Cambridge University Press 1986) und Igor Kopytoff ("The Cultural Biography of Things: Commoditization as Process". In: Appadurai 1986, S. 64–91) sowie Alfred Gell (Art and Agency: An Anthropological Theory. Oxford: Clarendon Press 1998) und Bruno Latour (We have never been modern. Cambridge: Harvard University Press 1993) und seine actor-network theory geprägt wurde, führt zu einer Theorie der Dinge (thing theory), welche die Trennung von Subjekt und Objekt aufhebt und den Dingen eine eigene Biographie (biography of things), gar eine eigene Handlungsmacht (agency) unterstellt und daraus die Frage entwickelt, wie Dinge soziale Welten formen, beeinflussen, prägen.

Von den oben genannten Autoren abgesehen, ist diese Fragestellung für die Chinawissenschaften insbesondere im deutschsprachigen Raum bislang nicht aufgegriffen, der material turn nicht in hinreichendem Maße zur Kenntnis genommen worden. Für China und seine (materielle) Kultur bietet die Untersuchung ihrer Dingrelationen und materiellen Seins- und Weltkonfigurationen ein weites und fruchtbares Feld, welches bislang von der (in Deutschland leider nur wenig beachteten) chinabezogenen Archäologie und ostasiatischen Kunstgeschichte abgesehen, kaum Aufmerksamkeit gefunden hat. Ziel der AG Materielle Kultur Chinas ist es daher, die materielle Kultur Chinas in interdisziplinärer Perspektive aus kunstgeschichtlicher, archäologischer, ethnologischer, soziologischer, historischer und kulturwissenschaftlicher Sicht zu untersuchen.

Ziele und Aufgaben

Die AG Materielle Kultur Chinas macht es sich zur Aufgabe, den o.g. Fragestellungen nachzugehen und in den Fachdiskurs der deutschsprachigen und internationalen Chinawissenschaften zu integrieren. Zu diesem Zweck finden in regelmäßigen Abständen Arbeitstreffen statt, deren Ergebnisse durch Veröffentlichungen in geeigneter Form dokumentiert werden. In einem offenen und informellen Rahmen dienen die Arbeitstreffen dem Austausch zwischen Fachkollegen. Darüber hinaus versteht sich die AG Materielle Kultur Chinas auch als Verstetigung und Weiterentwicklung der mit der XVII. Jahrestagung der DVCS zum Thema "Vom Wesen der Dinge — Realitäten und Konzeptionen des Materiellen in der chinesischen Kultur" angestoßenen interdisziplinären Beschäftigung mit den materiellen Beweisen chinesischer kultureller Produktion.

Arbeitstreffen und Adressatenkreis

Die Arbeitstreffen der AG Materielle Kultur Chinas finden in regelmäßigen Abständen zwei Mal jährlich und an wechselnden Veranstaltungsorten statt. Die AG richtet sich grundsätzlich an alle Mitglieder der DVCS, die ihre Arbeitsschwerpunkte in dem weiten Feld der materiellen Kultur Chinas verorten oder sich mit Teilaspekten dieses Feldes beschäftigen möchten. Es gibt keine Beschränkung der theoretisch-methodischen Zugriffe, der untersuchten Zeiträume oder der Objekte, an die Fragen gestellt werden können. Das große thematische Spektrum der mit der materiellen Kultur Chinas befassten Disziplinen der deutschsprachigen Chinaforschung spiegelt sich auch in der Mitgliederstruktur der AG Materielle Kultur Chinas wider.

Ansprechpartner

Als Ansprechpartner steht Phillip Grimberg, Goethe-Universität Frankfurt am Main, zur Verfügung ( oder ).