Dr. Gerd Waldhauser

Neurowissenschaft und Psychoanalyse

 

Datum Uhrzeit Dauer Teilnehmerzahl
16.06.2018
  1. 9:00 -13:00 Uhr
4 Stunden Max: 20
  1.  

    Neurowissenschaftliche und tiefenpsychologische Ansätze zur Erklärung psychischer Vorgänge fußen vordergründig auf grundlegend verschiedenen Sichtweisen und Methoden. Während die Neurowissenschaften ihre Erkenntnisse über klar definierte Begrifflichkeiten, standardisierte Testverfahren und experimentelle Untersuchungen generiert, sucht die Psychoanalyse nach Bedeutung und Sinnzusammenhängen im Verstehen des Einzelnen. Dennoch gab es schon seit den Anfangstagen moderner Psychotherapie immer wieder Versuche, beide Ansätze miteinander zu verbinden (Freud, 1895). Um die Jahrtausendwende erregten mehrere Veröffentlichungen Aufsehen innerhalb der psychoanalytischen und neurowissenschaftlichen Wissenschaftsgemeinschaften (z. B. Kandel, 1999; Kaplan-Solms & Solms, 2000; Solms und Turnbull, 2002). Es wurde in Aussicht gestellt, die psychoanalytische Metapsychologie schrittweise durch neurowissenschaftliche Erkenntnisse ersetzen zu können.

    Der Workshop beginnt mit einem historischen Abriss der Querverbindungen zwischen Neurowissenschaften, experimenteller Psychologie und Psychoanalyse.  Dies soll helfen, das Projekt „Neuropsychoanalyse“ wissenschaftsgeschichtlich einzuordnen. Aufbauend darauf soll der momentane Stand der Forschung in diesem Bereich beleuchtet werden. Aktuelle Arbeiten beschäftigen sich mit den neuronalen Grundlagen von psychodynamischen Konzepten wie Trieb, intrapsychischem Konflikt, Abwehrmechanismen und Übertragung (Axmacher, Kessler, & Waldhauser, 2014; Fotopoulou, 2012). Des Weiteren versuchen mehr und mehr Studien die Wirksamkeit psychodynamischer Therapien mit Hilfe bildgebender Verfahren zu belegen. Abschließend soll anhand von ausgewählten Fallstudien (z.B. Kaplan-Solms & Solms, 2003) diskutiert werden, inwiefern eine neuropsychoanalytische Denkweise zum Verständnis und zur Therapie psychischer und neurologischer Störungsbilder beitragen kann.

    Der Workshop ist in erster Linie theoretisch ausgerichtet. Gerade der praktische Teil am Ende des Seminars profitiert aber von einer aktiven Einbringung therapeutischer Erfahrungen der Teilnehmer.

     

    Literatur:
    Axmacher, N., Kessler, H., Waldhauser, G. T. (2014). Editorial on ‘Psychoanalytical neuroscience: Exploring psychoanalytic concepts with neuroscientific methods’. Frontiers in Human Neuroscience, 8, 674.
    Fotopoulou, A., Conway, M. & Pfaff D. (2012) From the Couch to the Lab: Trends in Psychodynamic Neuroscience. Oxford: Oxford University Press.
    Freud, S. (1895). Entwurf einer Psychologie. GW Nachtragsband, 373-486.
    Kandel, E. (1998).  Biology and the Future of Psychoanalysis: A New Intellectual Framework for Psychiatry Revisited. American Journal of Psychiatry, 156, 505-524.
    Kaplan-Solms, K. & Solms, M. (2003).  Neuro-Psychoanalyse: Eine Einführung mit Fallstudien. Stuttgart: Klett-Cotta.
    Solms, M., & Turnbull, O. (2002). The brain and the inner world: an introduction to the neuroscience of subjective experience. New York: Other Press.