Forschung

Konzeption des Faches

Im Mittelpunkt von Lehre und Forschung stehen die deutsche und europäische Kultur-, Sozial und Wissensgeschichte vom Anfang des 16. bis Ende des 18. Jahrhunderts. Dabei wird ein dezidiert geschlechtergeschichtlicher Ansatz verfolgt. Das Augenmerk richtet sich insbesondere auf die Geschichte der Normierung von "Männlichkeit" und "Weiblichkeit", Medizin- und Körpergeschichte, Mentalitäts- und Alltagsgeschichte, historische Kriminalitätsforschung, Geschichte des Krieges und der Gewalt, sowie auf die Erforschung der Genese und Mechanismen von Wissen und Wissensstransfer.


Forschungsprojekte

Von Frau Prof. Dr. Maren Lorenz

  • Protoeugenisches Denken in Westeuropa und den USA (1750-1870) - Zum Zusammenhang von Wissenstransfer und Staatsutopie
    Untersucht werden transnationale Prozesse der Genese und Verbreitung proto-eugenischer Konzepte seit der Spätaufklärung. Vor dem Hintergrund unterschiedlich verlaufender Entwicklungen in Frankreich und deutschem Reich (1750 - 1830) sowie den USA (1820 - 1870), werden die für die Verbreitung solchen Denkens maßgeblichen akademischen und populärwissenschaftlichen Diskurse untersucht. Diese werden primär anhand medizinischer, ökonomischer und literarischer Journale sowie Handbücher verschiedener Disziplinen und Genres analysiert und verglichen. Im Fokus stehen konkrete detaillierte medizinisch-physiologische Konzepte zur Optimierung der Bevölkerung („Menschenzucht“). Gezeigt werden soll einerseits auf Deutschland und Frankreich bezogen, inwiefern diese utilitaristischen Konzepte weit über Frankreich hinaus die Staatsvorstellungen im Vorfeld und Verlauf der französischen Revolution durch den Entwurf eines neuen Bürgerkörpers prägten, andererseits Jahrzehnte später in den USA über den Umweg von Physiognomik und Phrenologie und vor dem Hintergrund der immer drängenderen ‚Rassen’- und der ‚Frauenfrage’, eine extrem protestantisch-normativ geprägte  Immigrations- und Familienpolitik beeinflussten.

  • Geschichte und das WWW. Zum Verhältnis von Struktur und Wirkungsmacht eines neuen Leitmediums

 

Von Frau Dr. Muriel González

  • Geographien Europas am Ende der Frühen Neuzeit (Arbeitstitel)
    In der aktuellen Debatte um Europa, u.a. ausgelöst durch die wirtschaftliche und politische Krise, wird die Europäische Union als Wertegemeinschaft und einheitlicher Rechts- und Wirtschaftsraum bezeichnet oder zumindest postuliert. Dem zugrunde liegt eine als räumliche Einheit begriffene Geographie des „Kontinents Europas“, die selten hinterfragt wird. Dieser geographischen Einheit bzw. deren kartographischer Herstellung gilt das Interesse. Die Erkenntnisinteressen zielen zum einen auf die Analyse der Politiken und Techniken der Herstellung von Europa als räumlicher Einheit ab, zum anderen nehmen sie die Karte als das Produkt alltäglicher Interaktion und Verflechtung in Augenschein. These der Arbeit ist, dass sich in Westeuropa zwischen 1700 und 1860 eine spezifisch geographisch begründete Verräumlichung des Denk- und Wahrnehmungshorizontes durchsetzte und diese in der Herstellung und Deutung der Kartenwerke ihren Ausdruck fand - und dass diese neuartigen graphischen Erzeugnisse oder Medien wirkmächtig in die Rezeption eurozentristischer Raumvorstellungen eingriffen bzw. diese erst produzierten. Das Quellenkorpus (Kartensammlungen der Staatsbibliotheken München und Berlin, der Forschungsbibliotheken Gotha/Erfurt, Paris und Wien) ist so gewählt, dass sowohl über die Analyse der Karten und Atlanten selbst die Materialität von Räumlichkeit erfasst wird, als auch über die Kommentare und Briefe des Editionsprozesses zwischen Kartographen und Verlag die vorherrschenden Bilder über Europa, im Sinne des Erfahrungsraumes berücksichtigt werden. Diese Materialität wurde in der historischen Geographie Europas teilweise bereits untersucht, ohne dabei jedoch die Wandelbarkeit von Raumvorstellungen zu thematisieren. So kann der Zusammenhang zwischen Karten, Wissen und Macht untersucht und historisiert werden. Es geht um die Beantwortung der Fragen nach Herstellung und Etablierung Europas als Weltregion, seine hegemoniale Positionierung in einer globalen Raumordnung von „Zentrum“ und „Peripherie“ und seine Verflechtungsgeschichte in Bezug auf Raumvorstellungen.

 

Studentische Projekte

  • Studentisches Initiativprojekt: Rivalität, Ritual, Rassismus – Expeditionen als Methode des Erkenntnisgewinns in Natur- und Kulturwissenschaften (SoSe2016)

    Mit dem Ziel, Studierende bei der Ausbildung eines individuellen Studienprofils zu unterstützen, umfasste das inSTUDIES geförderte Initiativprojekt in der ersten Projektphase die Entwicklung und Durchführung einer eigenständigen, in den Optionalbereich eingebetteten Seminareinheit im Sommersemester 2016 sowie die Konzeption eines eigenständigen Workshops für Schüler_innen der Mittel- und Oberstufe als Ergebnis gruppenorientierter Lernprozesse.

    Im Vordergrund standen ausgewählte Forschungs- und Entdeckungsreisen, anhand welcher das Thema Expedition aus einer interdisziplinären Perspektive beleuchtet sowie Charakteristika und Problemfelder verschiedener Methoden des Erkenntnisgewinns im Hinblick auf ihren kultur- und wissenschaftsgeschichtlichen Hintergrund untersucht wurden: Wie wird das Fremde repräsentiert? Was verraten Reiseberichte über zeitgenössisches Denken in der Heimat? Welche Effekte hatten die Reisen auf die Vorstellung der Welt und die Entwicklung der Wissenschaften?

    In Kooperation mit dem Alfried Krupp-Schülerlabor entwickelten die Seminarteilnehmenden unter dem Titel „Die Kunst des Reisens. Die Reise als kulturelles Massenphänomen“ ) schließlich ein eigenständiges und nachhaltig verankertes Projektangebot, das nunmehr seit Juli 2016 von Schulen gebucht werden kann. Auf diese Weise wurden kritischen Fragestellungen aus dem Seminarkontext zudem in die schulische Lehre übertragen und für eine breitere Zielgruppe aufbereitet, während die Teilnehmenden des Seminars als Multiplikator_innen der behandelten Inhalte von dem reflexiven und praxisorientierten Austausch über das eben erst selbst Gelernten profitieren konnten.

  • Situiertes Wissen und forschende Praxis: Die Reise als Feld wissenschaftskritischer Überlegungen (WiSe 2016/2017 & SoSe 2017)

    Die zweite Förderphase richtet sich in ergänzender Weise an Studierende mit bereits fortgeschrittenem Studienverlauf und umfasst ein zweisemestriges Forschungsmodul im Wintersemester 2016/17 und dem darauffolgenden Sommersemester. In diesem Umfang sollen auch fortgeschrittene Studierende in der Master-Phase die Möglichkeit erhalten, eigene Forschungsprojekte zum Themenfeld Wissenschaft und Reisen zu erarbeiten.

    Konzipiert als zweisemestriges Forschungsmodul, dient das Wintersemester einer gemeinsamen Einführung in die theoretischen und methodischen Zugänge zum Oberthema „Reisen und Wissenschaftskritik“. Der inhaltliche Fokus liegt in dieser Projektphase verstärkt auf den Verschränkungen von forschender Praxis, wissenschaftlicher Situiertheit und sozialen Differenzkategorien wie Race, Class und Gender sowie auf der vertiefenden Diskussion (queer-)feministischer und postkolonialer Ansätze unter Rückbezug auf die kulturelle Praktik des Reisens anhand von ausgewählten Quellen.

    Im zweiten Semester entwickeln die Studierenden in Kleingruppen eigene Forschungsprojekte gemäß ihrer disziplinären Hintergründe und Interessenlagen. Dabei können die Teilnehmenden sich in transdisziplinären Forschungsteams fächerübergreifend dem Oberthema annähern und gleichzeitig ihre spezifischen methodischen wie theoretischen Vorkenntnisse einfließen lassen und vertiefen.

    Den Abschluss bildet ein öffentliches Symposium, auf dem die einzelnen Projektarbeiten der Studierenden präsentiert werden (Ort und Zeit werden noch bekannt gegeben).

    Kontakt:
    Maurice Spengler (Maurice.Spengler [at] rub.de)
    Yvonne Engel (Yvonne.Engel [at] rub.de)