Erfahrungsbericht

Frau G

Natürlich kann ich Gesichter erkennen. Ich erkenne meine Familie, Freunde und Arbeitskollegen. Und auch Schauspieler, die regelmäßig in Serien und Filmen spielen, die ich schaue. Ich dachte, gut, ich brauche länger als andere, um Menschen wieder zu erkennen, aber dass ich sogar deutlich gesichtsblind bin, hätte ich nicht erwartet.
Durch die Tests ist mir aufgefallen, dass ich mir einzelne Merkmale von Gesichtern einpräge. Im Alltag bedeutet das, ich erkenne es sofort, wenn jemand eine neue Frisur, eine andere Haarfarbe oder eine neue Brille hat. Ich weiß nicht immer sofort, was es ist, da ich die Merkmale nicht bewusst speichere, aber eine Abweichung merke ich sofort.
Wenn ich selber eine neue Frisur habe oder eine neue Brille auf der Nase, brauche ich Wochen, bis ich mich an mein neues Spiegelbild gewöhnt habe. Erst dann kann ich entscheiden, ob mir das steht oder nicht.
Ich bin immer wieder überrascht, wie Leute aussehen, wenn ich sie lange nicht gesehen habe. Das ist aber im täglichen Leben kein Problem, weil ich ja üblicherweise vorher weiß, wen ich treffen werde.
Im Internet wird Gesichtsblindheit oft mit Fotos beschrieben, auf denen Gesichter unscharf abgebildet werden. Damit kann ich mich nicht identifizieren. Ich sehe Gesichter genauso scharf wie alles andere. Ich kann die Emotionen von Menschen sehr gut wahrnehmen, auch von Menschen die ich nicht kenne. Ich brauche lediglich länger, bis ich jemanden wiedererkennen kann.

 

Ich war auf einem Vortrag mit Diskussion. Es waren rund ein Dutzend Leute anwesend, einen Teil kannte ich aus dem Verein. Im Verein duzt man sich. Von den Leuten, die ich nicht kannte, waren ein paar Vereinsmitglieder und ein paar Kollegen des Vortragenden, der diese gesiezt hat. Wir saßen um einen Tisch, am Anfang stellten sich alle vor und erzählten auch, ob sie Mitglied im Verein waren. Nach dem Vortrag und einer lebhaften Diskussion standen wir noch zusammen. Mich sprach eine Frau auf etwas an, das ich gesagt hatte. Mein erster Gedanke war „muss ich die jetzt siezen?“ Ich konnte mich nicht erinnern, wo sie gesessen hatte. Hätte ich das gewusst, hätte ich mich auch erinnern können, wie sie sich vorgestellt hatte. Ich konnte mich dadurch nicht richtig auf das Gespräch konzentrieren, weil ich die ganze Zeit überlegen musste, wen ich da vor mir hatte.

 

Ich kann Leute, die ich noch nicht kenne, in der Regel nicht sicher wiedererkennen, wenn ich sie das nächste mal treffe. Ich sage oft, ich muss dreimal länger mit jemandem reden, bis ich ihn sicher wiedererkennen kann.

 

Manchmal, wenn ich einen Film sehe, erkenne ich einen Schauspieler zuerst an seiner Stimme. Dann schaue ich nach, wer die Figur spielt und was der noch so gespielt hat. Dann sehe ich mir sein Gesicht so lange an, bis ich ihn zuordnen kann. Meistens finde ich Merkmale, an die ich mich erinnern kann, z.B eine spitze Nase. Wenn ein Schauspieler, der normalerweise die Rolle eines Draufgängers spielt, plötzlich einen schüchternen Mann mit Bart darstellt, dann erkenne ich ihn meistens nicht mehr. Und wenn ich Filme sehe, bei denen ich die Schauspieler alle nicht kenne, kann ich manchmal der Handlung nicht folgen, weil ich Figuren miteinander verwechsle.

Center for Mind, Brain and Cognitive Evolution

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