Der Bereichsleiter
RUB »  Musisches Zentrum »  MZ-Musik » Team

Nikolaus Müller

Nikolaus Müller (geb. 1976 in Leipzig) leitet ab dem Wintersemester 2016/2017 den Bereich Musik. Er studierte in Leipzig und arbeitete u.a. mit den Wiener Sängerknaben, als Chordirektor an den Theatern Altenburg-Gera und Chemnitz und als Künstlerischer Leiter der Robert-Franz Singakademie Halle und des Thüringischen Landesjugendchors.


Ernste Musik ist oft sehr komplex und sperrig. Wieso sollte man sich dennoch mit den ganzen Heroen vom B-Team – Bach, Brahms, Beethoven – beschäftigen?

Genau aus dem selben Grund, aus dem man sich mit Einstein, Laplace oder Leibnitz beschäftigt – oder Luther und den Gebrüdern Grimm, meinetwegen auch Shakespeare oder Ian Fleming (das ließe sich jetzt beliebig fortsetzen): Weil sie etwas in einer Weise zur Vollendung gebracht bzw. eine Sphäre nutzbar gemacht haben, wie es sonst keinem auf diese Art gelungen ist – und das geht uns heute noch an. Neben den Heroen gibt es allerdings ziemlich viel "Fußvolk" – aus dem, wenn man die Perspektive nur ein klein wenig verschiebt, sich wiederum kleine Heroen erheben – die sollte man keinesfalls vernachlässigen.

Komplex und sperrig ist für mich kein Argument – oder gibt es einen wirklichen Grund, außer Faulheit und Unpässlichkeit, sich nicht mit komplexen Persönlichkeiten auseinanderzusetzen. Unterhaltung ist nur eine Facette von Musik, schon das musikalische Divertissement ist wesentlich komplexer. Was würde man sich alles beschneiden, wenn man dieses Argument zulassen würde.

 

Sie gingen in die Leipziger Thomasschule und waren Mitglied bei den Thomanern, einem der renommiertesten Knabenchöre. Aber nach dem Abitur haben Sie nicht Musik, sondern erst einmal Physik studiert. Wieso?

Nun, wenn – in der Zeit, in der ich mein Abitur gemacht habe – ein Fünftel der Thomanerabsolventen anschließend ein Musikstudium begannen, dann war das sehr viel. Mitglied in einem Knabenchor zu sein, ist nicht zwangsläufig die beste Voraussetzung, Musik zu studieren. Natürlich, man hat in jungen Jahren schon unglaublich viel Musik kennengelernt, hat Einblicke in das Business bekommen und einiges an Konzerterfahrung. Aber zum Beispiel die instrumentalen Fähigkeiten sind im Vergleich zu denen von Altersgenossen oftmals eher mager, da dafür die Zeit einfach fehlt. Selbst eine Karriere als Sänger ist nicht unbedingt geebnet, da das jahrelange Singen im Chor nicht zwangsläufig für solistische Sternstunden prädestiniert. Nach dem Abitur bedeutet es für die meisten, die tatsächlich aus der Musik ihren Beruf machen wollen, zuallererst harte Arbeit. Außerdem ist es ja so, dass, obwohl man den halben Tag mit Musik beschäftigt war, einem nicht sämtliche anderen Interessen abgingen.

Ich für meinen Teil bin erst sehr spät überhaupt auf den Gedanken gekommen, Musik machen zu wollen – weil ich eine berufliche Tätigkeit als Sänger nicht anstrebte, und ich bei meinen instrumentalen Fähigkeiten mächtige Lücken sah. Die Physik war etwas, das mich immer schon sehr faszinierte und das mir zudem in der Schule ziemlich leicht von der Hand ging. Es kam aber noch ein persönlicher, wie mir im Nachhinein bewusst wurde, viel wichtigerer Grund dazu: Ich hatte meinen Vater leider nicht lang erleben können. Dass er Physiker war, spielte in der späteren Zeit in unserer Familie natürlich keine besondere Rolle. Irgendwie hatte ich aber das Gefühl, mit der Aufnahme eines Physikstudiums meinen Vater von einer mir bislang wenig bekannten Seite besser kennenlernen zu können.

 

Was brachte Sie dann dazu aus der Musik einen Beruf zu machen?

Den Gedanken, Musik zu meinem Beruf zu machen, habe ich tatsächlich erst in den letzten beiden Jahren, kurz vor dem Abitur gehabt – also für die Verhältnisse recht spät. Ich durfte in dieser Zeit als Praefect, also als musikalischer Assistent, im Thomanerchor tätig sein. Das hat mich sehr geprägt und mich letztlich so infiziert, dass ich nicht mehr so recht davon los kam. Trotzdem habe ich erst einmal, wie ich es geplant hatte, ein Physikstudium begonnen. 

Allerdings war mein Interesse, das eher in Richtung Theoretische Physik ging, wesentlich größer als die von mir mitgebrachten dafür benötigten Fähigkeiten. Außerdem hatte ich parallel neben dem Studium etliche Unterrichte genommen, um in der Musik am Ball zu bleiben. Schließlich bekam ich auch einen Studienplatz an der Leipziger Musikhochschule. Damit hatte ich nicht wirklich gerechnet, aber diese Chance musste ich unbedingt nutzen. Mein Physikprofessor – ein übrigens durchaus passabler Organist – schien erleichtert, als ich ihm nach meiner, zwar nicht grandiosen aber doch bestandenen Vordiplomsprüfung von dem Wechselvorhaben erzählte. Er dachte wohl: "lieber ein größenwahnsinniger Musiker als ein größenwahnsinniger Physiker".

 

Welche Vorbilder haben Sie?

Immer wieder andere – ein wenig ist das wie mit den Heroen.

 

Was macht Spaß an der Arbeit mit Laien?

Es ist eine gewisse Unberechenbarkeit in der Arbeit, das ist inspirierend – kann einen andererseits aber auch wahnsinnig machen. Aber ernsthaft – vieles entsteht, gerade mit den an einer Universität ständig wechselnden Besetzungen, immer wieder neu und anders, da so viele Menschen mit den verschiedensten beruflichen und neigungsspezifischen Hintergründen sich beim Musizieren begegnen. Das macht die Arbeit ungemein anregend.

 

Sie haben bereits im Sommer das Semesterkonzert geleitet. Wie war Ihre Pulsfrequenz kurz vor dem Auftritt? Wie fühlten Sie sich nach dem Konzert?

Die war das ganze Semester über stetig ansteigend, da ich – bedingt durch die vielen Unbekannten, die sich in dem Semester ergaben – mir zwischendurch nicht wirklich so sicher war, ob die Rechnung aufgehen und es ein gutes Konzertergebnis geben würde. Offen gesagt war ich erst mit der Generalprobe wirklich davon überzeugt, dass es funktionieren würde. Dann blieb nur noch eine positiv erwartungsvolle Anspannung. Nach dem Konzert ist es immer ein etwas unwirklicher Moment, so war es auch diesmal. Ich war aber auf alle Fälle glücklich über das gelungene Konzert.

 

Was sind Ihre Pläne für das kommende Semester?

Mit Chor und Orchester haben wir ein paar wirkliche Hits im Programm: Gioachino Rossini war ja seinerzeit eine Pop-Größe, und seine Petite Messe solennelle gehört für mich zu den leichtfüßigsten und mitreißendsten Umsetzungen des liturgischen Textes. Mit George Gershwins Klavierkonzert bekommen wir eine wirklich groovige Jazzatmosphäre ins Audimax – und mit Gustav Holsts The Planets sollten nicht nur diejenigen, die John Williams Musik zu den Star Wars-Epen mögen, auf ihre Kosten kommen. Rasend neugierig bin ich, was Alexander Grünsel mit dem Bereich Fotografie an Bildern zu den Klängen auf die große Audimax-Leinwand zaubern wird!

Es gibt noch viele andere Dinge, die es lohnen würde, an dieser Stelle zu erwähnen. Empfehlen würde ich in jedem Fall, sich einmal am Mittag zu Wochenbeginn in eines der LunchtimeConcerts ins Audimax zu setzen. Es gibt kaum etwas Ent­spannenderes, als sich in dem Moment, in dem der Wahnsinn der Woche wieder angefangen hat, noch einmal für 30 Minuten herauszunehmen und die Musik zu genießen. Jedesmal, wenn ich im vergangenen Semester die Gelegenheit dazu hatte, ist mir bewusst geworden, was für ein Geschenk das sein kann.

 

Das Interview führte Anette Pankratz