|
 
Leitung: Heinrich H. Koch
|
Sich selbst studieren,
sich selbst vergessen,
in tausend Dingen aufgehen
Das Atelier: Seine Geschichte, seine Arbeit, sein
Alltag
Joseph Beuys hätte seine Freude: Umgeben von
Forschung und Lehre rumort es an exponierter Stelle der Ruhr-Universität
Bochum in ganz anderer Richtung. Kunst ist angesagt - widerständig,
kontinuierlich und manchmal auch exotisch. Visionen und Sehnsüchte
stehen im Rampenlicht, ganz und gar praktisch, jenseits theoretischer
Kunstrezepte. Dennoch von einer ausgewiesenen Akademie in
Konkurrenz zu Düsseldorf oder Münster spricht hier niemand,
dafür aber umso vehementer von der Idee praktizierter Kreativität
mitten im wissenschaftlichen Hochschulbetrieb.
Um Kunst zum Anfassen dreht sich das deutschlandweit
einmalige Projekt, kurz und knapp MZ genannt, was soviel bedeutet
wie Musisches Zentrum. Über 2000 qm groß
ersammelt das Forum insgesamt vier Künste unter einem Dach:
von der Fotografie über die Musik und Studiobühne bis
hin zur Bildenden Kunst. Eröffnet wurde an einem Mittwoch im
Mai des Jahres 1984. Bis dahin hatte der etwas andere Musentempel
immerhin knapp 16 Jahre bis zur Realisierung gebraucht, auf dem
Papier war die Kunst-Oase schon 1968 fertiggestellt ein funkelndes
Kleinod im Unibetrieb.
Die hier studieren wissen ihr Juwel zu schätzen, sind engagiert,
mutig und handfest: Scheu vor farbbeklecksten Fingern, Blasen an
den Händen oder tonbeschmierter Kleidung kennt niemand. Gemeinschaftsorientiert
gestaltet jeder für sich im Fachbereich Bildende Kunst, nur
die Suche nach dem Stoff aus dem Träume sind ist allen ein
Maßstab.
Buchstäblich bunt geht es zu im kantigen Haus an der Unibrücke,
wo Studenten, Universitätsmitglieder und angehörige,
gleich welchem Fach- oder Organisationsbereichs, welcher Gruppe
oder welchen Alters in die Rolle von Musikern, Sängern, Schauspielern,
Fotografen, Malern, Grafikern und Bildhauern schlüpfen
gefördert in der arrivierfähigen Leistung des geschulten
Laien, wie es in einem aller ersten Artikel zum MZ zu lesen
stand.
|
|
(1) Bis heute lautet die Devise: selbst ist
der Mann, selbst ist die Frau, wenn auch unter
professioneller Anleitung, aber ohne reglementierenden Fahrplan.
Können genauso wie Kennen ist gefragt
zur Pflege künstlerischer Praxis, egal ob mit Pinsel, Beitel
oder Radiernadel. Bestens ausgestattete Arbeitsräume, gar eine
Radierwerkstatt mit Tiefdruckpressen und Ätzraum stehen bereit.
Nur die Muße zur Muse alias Hingabe, Geduld und Begeisterung
muss ein jeder selbst mitbringen.
Einen Katzensprung nur ist das MZ vom Campus entfernt, auf einem
Brückenkopf zwischen Bochumer Uni-Center und akademischen Hörsälen
gelegen, an einer Stelle, von der mancher munkelt, dass es hier
eindeutig die Musen sind, die der Wissenschaft voranstehen.
(2) Und als wollten die Atelierstudenten dies noch unterstreichen
prangt direkt am Eingang ihrer Enklave: Hiermit erklären wir
das MZ-Atelier zur Dependance der Documenta. Ein leises Glucksen,
ein flüchtiges Grinsen schwingt mit, so, als hätten Fachbereichschef
Heinrich Koch und Grafikleiterin Barbara Grosse schmunzelnd ihre
Finger mit im Spiel. Die Bochumer Dependance eine Kasseler Zweigstelle?
Warum nicht? Schließlich steht das MZ für viele Bilder
der Kunst und sieht so manche Documenta-Installation auch nicht
viel anders aus als das Atelier im Bochumer MZ.
Pinsel und Bürsten, Staffelei und Palette, daneben Materialien
diversesten Ursprungs haben sich hier einträchtig versammelt.
Dazwischen stehen fertige und unfertige Werke auf dem Boden oder
lehnen abwartend an der Wand. Manches auch schwebt frei im Raum.
Stein, Ton und Holz, Ölfarbenduft und Acrylaroma überall,
genauso wie Tuschespritzer und Aquarellflecken neben Stäuben
und Werkzeugen der unterschiedlichsten Herkunft - eine wundersame
Hexenküche, in der Kunst gebraut und Phantasie gestaltet wird,
ganz ohne Leistungsnachweis, Schein oder Prüfung. Ein Zertifikat
bzw. einen akademischen Abschluss gibt es nicht. Was zählt
ist die eigene Erfahrung gewürzt mit einem Quäntchen Ahnung,
was innere Freiheit heißt.
Nur das schaurig-schöne Skelett in der Ecke des hellen Oberlichtsaales
oder der kahle Picasso- Kuhschädel auf dem Sideboard
oder die ätzend-alte Kupfertiefdruckpresse im Graphikraum,
die fehlen auf der Documenta. Nicht zu vergessen auch die an einen
Kounellis erinnernde Formation disziplinierter Kittel unmittelbar
hinterm Eingang: Rock für Rock geschichtsträchtig an ordnender
Garderobe aufgehängt könnten die farbbeklecksten Überzieher
besser kein Environment im Arte-povera-Stil zeichnen.
Die Wildnis freimachen hat das (Auf)Räumen Martin
Heidegger einmal genannt.
|
|
|

|
(3) Für den 1947 in
Mönchengladbach geborenen Heinrich Koch waren Wildnis und Ordnung
jene Koordinaten, die er für seine 1989 begonnene Leitung des
Fachbereichs Bildende Kunst am MZ installierte. Zauberei ja,
Chaos nein heißt seine Devise bis heute, die dem passionierten
Sammler, Bildhauer, Graphiker, Maler und Zeichner vieler Künstlerbücher
ein existentielles Motto zwischen dionysischen und apollinischen Horizonten
ist. Dazwischen zu vermitteln ist kein leichtes Brot, gilt es doch
die Freiheiten der Kunst zur Freiheit der Kunst zu nutzen.
Von Zauberlehrlingen spricht der in traditionellen Techniken
vielbewanderte Fachbereichsleiter denn auch und legt seinen Studenten
ans Herz, was ihn Joseph Beuys lehrte: Wovon man [...] ausgehen
kann, ist die Idee, dass Kunst und aus Kunst gewonnene Erkenntnisse
ein rückfliessendes Element ins Leben bilden können.
(4)
Wer folgte dem nicht lieber, als Menschen, die freiwillig Freizeit
opfern, um neben Studium oder Beruf zu lernen, was es an keiner anderen
deutschen Universität zu lernen gibt?: Wie man auf individuellen
Wegen wandernd mit Farben umgeht, wie man eigenen Ideen in unterschiedlichsten
Werkstoffen Form und Ausdruck verleiht, eine Vision aus dem Stein
befreit, eine Figur aus Ton aufbaut oder auch einen Laib Brot aus
Yton schnitzt, während nebenan unter Leitung der
Bochumer Grafikerin Barbara Grosse an einer Aquatinta-Radierung geätzt
oder eine Kaltnadelplatte für den Druck fitgemacht wird.
Anderes ist beim Zeichnen auf leerem Grund zu erproben, für das
regelmäßig auch Aktmodelle stehen. Ganz unverblümt
gilt es da auf deren Pelle zu starren auch das
will gelernt sein. Zumal die Musen hier jeden Einzelnen nur vorm Publikum
der Atelier-Gemeinschaft küssen. Nicht umsonst hieß es
zur Gründerzeit der Ruhr-Uni ziemlich nüchtern, dass das
MZ auch als eine Integrations- und Sozialisationsinstanz
gedacht sei. |
(5) Inzwischen ist aus grauer Theorie spannende Praxis
geworden: Um Gott und die Welt dreht sich die Kunst bei einer Tasse
Tee am langen Tisch. Kommunikationseck nennt Heinrich
Koch jene Ateliernische, wo auch mal über die hehren Musen geflaxt
werden darf. Und natürlich geschimpft, - oder gelobt, je nach
Lust und Laune. Überflüssig, lange darüber zu sinnieren,
was der dort an anarchischer Pinwand spiekende Zeitungsartikel frötzelt:
Was soll uns diese Kunst? Zu intensiv erlebt ein jeder sie vor Ort.
Hitzige Auseinandersetzungen und feinnervige Diskussion inclusive.
Positive Streitkultur zählt für alle Beteiligten ohne Wenn
und Aber dazu, und herrlich lässt sich streiten über Kunst
im Allgemeinen, ihre Abstraktion oder Gegenständlichkeit im Besonderen,
ihr geistiges Potential oder ihre innere Religiosität. Klar,
dass das bisweilen auch an der eigenen Substanz zehrt, schließlich
hat das Kunstschaffen viel mit Wahrhaftigkeit, Gefühlen und Instinkten
zu tun, mal ganz abgesehen von Traditionen und Zwängen zwischen
modernem Globalisierungsdruck und aktuellem High-Tech-Drang.
Überraschendes kann so zu Tage treten, höchst persönlich
und doch aufgehoben in der Ateliergemeinschaft, wo plötzlich
Ziele, Träume und Wünsche klarer als je zuvor durch den
Raum fliegen. Nicht ausgeschlossen, dass sich dabei ein Lebensweg
abzeichnet: Vom MZler zum Profikünstler diese Möglichkeit
steht hier jedem offen, und eine MZMappe unterm Arm hat noch keinem
bei einer Akademiebewerbung geschadet.
Die meisten aber studieren Kunst am MZ, um als Laien bildnerisches
Schaffen voranzutreiben. Zwischen Entspannung vom Alltag und Herausforderung
zur Kreativität sucht man individuelle Erlebnisse, auch Ruhe
und Glück, ganz im Sinne des vielzitierten Beuys-Spruchs ich
bin dafür, dass sich das Denken in den Arm, in die Physis, verlängert
(6), was zur Wärmepumpe besonderer Art geraten kann,
noch dazu, weil auch sonst die Atmosphäre im Atelier stimmt und
man sich auf kleinen und großen Expeditionen mal in den
Schwarzwald, mal in die Eifel, aber auch in die Museen der Region
stets ein bisschen näher kommt bzw. die künstlerische
Arbeit sich noch intensiver gestaltet.
|
 |
 |
Das alles hat Geschichte. Denn auch zu
Zeiten Hans Jürgen Schliekers, der 1968 als erster Fachbereichsleiter
für Bildende Kunst überhaupt eine Ausstellung studentischer
Arbeiten organisiert hatte damals noch gänzlich ohne ein
dafür passendes Haus und parallel zum Aufbau des Fachbereichs
Bildender Kunst, samt und sonders aller Eventualitäten bis hin
zum damals erst noch zu fokussierenden Kursangebots, herrschte ein
besonderer genius loci am MZ: freiheitlich war und ist er bis heute
orientiert, willensstark und neugierig bis in alle Fasern wird er
gepflegt und vorangetrieben. Eine im Beuyschen Sinne rundum kulturpolitische
Aufgabe, die man in den frühen Jahren der Ruhr-Universität
keinesfalls den widrigen Umständen mangelnder Gelder oder nicht
vorhandener Räumlichkeiten opfern wollte. Mit dem Resultat, dass
der prickelnden Idee von der Kunst-Oase mitten im Wissenschaftsbetrieb
zu Liebe improvisiert wurde so weit und so gut es nur eben ging.
Einen ersten Schritt in diese Richtung unternahm Hans Jürgen
Schlieker mit der Öffnung seines Privatateliers für die
in provisorischen Arbeitsräumen unter seinen Fittichen entstandene,
studentische Kunst. Die Aktion wurde ein Riesenerfolg, später
fortgesetzt in der Universitätsbibliothek, wo man seit 1979 das
Treppenhaus für die Kunst nutzte. Auch Exkursionen fehlten nicht
in der Zeit vor dem heutigen MZ, um fremde Eindrücke wirken zu
lassen. |
|
Damals wie heute wurde dabei das facettenreiche Programm
bildender Kunst zwischen Kontinuität und Abwechslung auf Anfänger
wie Fortgeschrittene gleichermaßen zugeschnitten: Ganz aktuell
etwa ist derzeit unter der Woche die Technik des gegenständlichen/abstrakten
Zeichnens oder Malens mit Bleistift, Kohle, Kreide, Tusche, Öl
oder Acryl angesagt genauso wie das Modellieren in Ton oder die
Handhabung spezieller Werkzeuge in der Holz- und Steinbildhauerei.
Der Samstag allerdings steht ganz im Zeichen der Druckgrafik. Vier
Stunden am Morgen widmet sich der Unterricht den diversesten Techniken
von der Aquatinta- über die Kaltnadelradierung bis hin zum
Druck der fertigen Platten. Mancher ist dabei auf den Geschmack
gekommen: Plötzlich steht der Traum von Ausstellung und Öffentlichkeit
selbstbewusst im Raum ganz im Sinne des MZ.
Alljährlich gehören Überblick-Ausstellungen
zum festen Programm und provozieren Schmetterlinge im Bauch
aller Beteiligten. Nervös und stolz ist jeder, der im Foyer
sein Herzblut präsentiert. Dagegen ist die ganze Rahmerei
zuvor, der Anstrich und die Stellwand-Architektur ein Kinderspiel.
Aber wie steht es so schön am langen Tisch auf weißer
Wand hinterm Chef-Stuhl geschrieben?: Sich selbst studieren, sich
selbst vergessen, in tausend Dingen aufgehen. Den Bochumer MZ-Studenten
ist das Bibel genug für Ausstellung, Kunst und Leben.
Seit 2003 wird die Druckgrafik geleitet von der
Bochumer Malerin, Grafikerin und Bildhauerin Ortrud Kabus.
|

|
|
1 Heinz Becker: Musae ad portas das Musische Zentrum der
Ruhr-Universität. In: Jahrbuch (1969). Seite 88.
2 Vgl.: Heinz Becker: Musae ad portas das Musische Zentrum
der Ruhr-Universität. In: Jahrbuch (1969). Seite 81-88.
3 Martin Heidegger: Die Kunst und der Raum (1969), Erker-Verlag
St. Gallen 1983 (2). Seite 8.
4 Joseph Beuys, zit. Nach: Georg Jappe über Joseph Beuys. In:
Künstler Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst, Ausgabe
4, München 1988. Seite 3.
5 In: Editorial. In: RUB ARS, Rubens-Beilage. Oktober 2000.
6 Joseph Beuys, zit. Nach: Georg Jappe über Joseph Beuys, in:
Künstler Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst, Ausgabe
4, München 1988. Seite 6.
Text: Claudia Posca (Bochum im August 2002)
Fotos 1, 2, 3 und 6: Patrizia Tomza
Fotos 4 und 5: Nadine Heckner
Foto 7: Elmar Träbert
Für eine größere Ansicht einfach auf das jeweilige
Bild klicken!
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
Für eine größere Ansicht einfach auf das jeweilige
Bild klicken! |
|
|