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v.Humboldt - Stiftung

Forschungsprojekt Prof. Dr. Edward Mark Ruff:
Deutsche Katholiken, Kirchenkritiker und der Umgang mit der NS-Vergangenheit 1945-1972

Mehr als sechzig Jahren nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches ist es immer noch zu konstatieren, dass die Debatte um das Thema, "Katholische Kirche und Nationalsozialismus" trotz aller wissenschaftlichen Tätigkeiten und neuer Erkenntnisse nicht zu Ruhe gekommen ist. Seit Jahrzehnten setzten sich Historiker, Journalisten, Dramatiker, Politiker, Theologen und nicht zuletzt Kirchenleiter mit diesem Thema auseinander und stossen nach wie vor auf breites Interesse im Publikum. Das rege Interesse an der Rolle der katholischen Kirche im Dritten Reich ist umso auffallender angesichts der Tatsache, dass die Anknüpfungspunkte zwischen der Mehrzahl der deutschen Protestanten und der NS-Bewegung im allgemeinen zahlreicher und umfangreicher waren als diejenige zwischen der katholischen Minderheit und dem Nationalsozialismus.

Vor diesem Hintergrund ergibt sich die Frage, die unter den Historikern bis vor kurzem kaum thematisiert ist. Warum wurde ausgerechnet die katholische Vergangenheit auf den Prüfstein gestellt und im Allgemeinen einer rigoroseren Kritik unterzogen als die protestantische Vergangenheit? Warum hat die sogenannte Aufarbeitung der katholischen Vergangenheit so eine heftige Anzahl an Kritik, Verteidung und Apologetik sowohl von innen als auch von ausserhalb der katholischen Reihen heraufbeschworen? Was stand, so lässt sich noch pauschaler fragen, auf dem Spiel für die Teilnehmer in diesen Kontroversen?

Dieses Projekt wendet sich dementsprechend der Historisierung dieser Debatten zur so genannten katholischen Vergangenheitsbewältigung zu. Es geht von der Annahme aus, dass in diesen Kontroversen sich der allgemeine Wandel der Einstellungen zur Demokratie und Autorität in der Bundesrepublik von den unmittelbaren Nachkriegsjahren bis in die 1980er Jahre hinein widerspiegelt. So hätten zum Beispiel katholische Kirchenkritiker im Sog des Zweiten Vatikanischen Konzils der deutschen Bischöfe einen fehlenden Widerstand im Dritten Reich unterstellt, um eine Demokratisierung der Kirche anzustreben.

Außerdem greift dieses Projekt ein damit zusammenhaengendes Thema auf, mit dem sich vor allem in letzter Zeit jüngere Historiker befasst haben, und zwar das gegenseitig sich ergänzende Verhältnis zwischen Gedächtnis, dem Aufbau von einzelnen Errinerungskulturen und der Konstruktion der Vergangenheit. Zentral ist die Frage nach den Zusammenhängen zwischen der Geschichtskonstruktion und den Versuchen, neue Identitäten aufzubauen oder herkömmliche Identitätsmuster aufrechtzuerhalten. So gelang es beispielsweise in der Nachkriegsära vielen deutschen Katholken, sich nicht mehr durch eine soziale und kulturelle Abschottung gegen eine hegemoniale Mehrheitskultur zu definieren, so wie es im Deutschen Kaiserreich der Fall war, sondern durch eine Hervorhebung der katholischen Beiträge zur Gründung der Bundesrepublik Deutschland und zum Widerstand im Dritten Reich. Aus ihrer Sicht hatten die ideologischen Abwehraktionen gegen die NS-Rassenideologie der Bundesrepublik ein moralisches Fundament verschafft. Anderen Kirchenkritikern ging es darum, genau diesen moralischen Ansprüchen entgegenzutreten, indem sie die Kirche eines fehlenden Widerstandes bezichtigten. Einigen Kirchenkritikern sowie dem Schriftsteller Rolf Huchhut waren moralische Überlegungen wichtiger als eine Darstellung der historischen Wahrheit im Rankeschen Sinne, so dass sogar ganz fiktive Elemente in ihre Werke eintreten konnten, ohne das moralische Überlegenheitsgefühl des Schriftstellers zu beeinträchtigen oder abzuschwächen. Ein solcher Umgamg mit der Vergangenheit sollte der Konstruktion einer alternativen Nationalidentität dienen. Es handelte sich dabei um den Aufbau einer Zivilreligion, wobei die mangelnde Opposition im Dritten Reich und die Pflicht, dafür zu sühnen, im Vordergrund standen.

Viele der katholischen Teilnehmer an diesen Debatten waren Historiker, die in ihren Werken eine durchaus wissenschaftliche, ja fast sogar positivistische Aufarbeitung der katholischen Vergangenheit anstrebten. Zugleich aber bemühten sie sich um die Verteidigung der Werte und des Images der Kirche und versuchten demzufolge, den Argumenten der Kirchenkritiker eine wissenschaftliche Richtigstellung entgegenzusetzen. Doch waren es letzen Endes weniger die historischen Methoden als die Fragestellung selbst, die von den vergangenheitspolitischen Themen und den Erinnerungskulturen geprägt waren, weil die Vorwürfe der Kirchenkritiker sich in der Themenauswahl oft unmittelbar niederschlugen.

Dieses Projekt beabsichtigt, die Veränderungen in den katholischen und den nichtkatholischen Identitäten nachzuzeichnen und dadurch einen Beitrag zum oft dialektisch funktionierenden Identitätsbildungsprozess in der Bundesrepublik Deutschland nach dem Holocaust und dem Dritten Reich zu leisten. Die einzelnen Kapitel werden sich mit bestimmten Kontroversen zur katholischen Vergangenheit beschäftigen. Das erste befasst sich mit den Auseinandersetzungen zwischen den allierten Besatzungsmächten und den katholischen Kirchenbehörden, das zweite mit den Vorwürfen der Frankfurter Hefte, das dritte mit den Kontroversen um die Aufsätze von Ernst-Wolfgang Böckenförde und das vierte mit dem "Drama" zum "Stellvertreter" von Rolf Hochhuth. Ein weiteres Kapitel wird die Vermittlung und Verbreitung dieser Debatten durch die Ausweitung der Massenmedien von den 1960er Jahren bis in die 1980er Jahre hinein behandeln.