Schwerpunkte

Aufklärung und Einwilligung (Informed Consent)

Einen Forschungsschwerpunkt des neuen Bereiches Medizinische Ethik stellen ethische Fragen bei der Selbstbestimmung des Patienten dar. Im Jahr 2001 konnte das an der Freien Universität Berlin durchgeführte DFG-geförderte Forschungsprojekt "Empirische Untersuchungen zur Einwilligungsfähigkeit und zum Prozess des Informed Consent bei psychisch Kranken" abgeschlossen werden. Die hohen Anteile von einwilligungsunfähigen Patienten mit den Diagnosen Demenz, Depression und Schizophrenie und die hohe interindividuelle Varianz innerhalbeiner Diagnosegruppe werfen medizinethische Fragen der Anwendbarkeit theoretischer Konzepte von Patientenselbstbestimmung in der klinischen Praxis auf.

Die Vermittlung von theoretischen und praktischen Perspektiven steht im Mittelpunkt des interdisziplinären europäischen Forschungsprojektes "Ethicists and Practitioners in Collaboration on Capacity (EPICC)", das 2002/2003 von der Europäischen Kommission gefördert wurde. Es wird untersucht, ob und wie Ansätze aus der hermeneutischen, narrativen und feministischen Ethik bei der praktischen Feststellung der Einwilligungsfähigkeit von Patienten in der Erwachsenen-, Geronto-, sowie Kinder- und Jugendpsychiatrie fruchtbar sind.

Der Forschungsschwerpunkt Patientenselbstbestimmung wurde 2002 - 2005 in einem DFG-Forschungsprojekt über Patientenverfügungen in verschiedenen Fachgebieten der Medizin aus der Perspektive von Patienten, Angehörigen, Ärzten und Pflegepersonal fortgesetzt.

In einem durch ELAN-Fonds geförderten Forschungsprojekt wurde mithilfe einer empirisch-qualitativen Methodik die Präferenzen von Patienten mit einer schweren Erkrankung aus dem rheumatischen Formenkreis bei einer Aufklärung und Partizipation an der Entscheidungsfindung untersucht. Der Forschungsschwerpunkt wird seit 2006 im Rahmen eines durch die FoRUM-Forschungsförderung finanzierten Forschungsprojekts in der klinischen Onkologie weitergeführt.

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Medizinethische Probleme am Lebensende

In der klinischen Praxis gehören ethische Fragen am Ende menschlichen Lebens zu den am häufigsten diskutierten medizinethischen Problembereichen. Innerhalb dieses weiten Themenfeldes wurden Forschungsergebnisse zur ethischen Problematik des Hirntodkriteriums in der Transplantationsmedizin vorgelegt. In Kooperation mit der Deutschen Stiftung Organtransplantation wurde im Auftrag des Bundesministeriums der Gesundheit der Expertenbericht "Organtransplantation und Organspende" für die Gesundheitsberichterstattung des Bundes erarbeitet.

Mit Unterstützung der Volkswagenstiftung wurden ethische Probleme bei der ärztlichen Beihilfe zum Suizid ("physician assisted suicide") am Beispiel von schwulen Patienten mit AIDS in den USA empirisch beforscht und die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf die Situation in Deutschland untersucht.

Aktuell stehen Forschungsprojekte zu ethischen und empirischen Aspekten der ärztlichen Sterbebegleitung im Zentrum des Forschungsinteresses. Im Rahmen einer 2006 durchgeführten BMBF-Tagung für NachwuchswissenschaftlernInnen "Entscheidung am Lebensende in der modernen Medizin - Ethik, Recht, Ökonomie und Klinik" wurde das Problemfeld interdisziplinär aus der Perspektive von Vertretern der Philosophie, Theologie, Jura, Sozialwissenschaften und der Medizin untersucht. Seit dem 1.1.2010 bearbeiten die Mitarbeiter/innen der NRW-Nachwuchsforschergruppe - Medizinethik am Lebensende: Norm und Empirie die ärztliche Handlungspraxis am Lebensende. Neben der Durchführung sozialempirischer Untersuchungen bildet die Analyse der Wechselbeziehungen von ethischen und empirischen Aspekten im Kontext medizinethischer Fragestellungen am Lebensende einen Arbeitsschwerpunkt. Eine Übersicht über den Themenschwerpunkt medizinische Probleme am Lebensende bietet der von Prof. Vollmann erstellte Bericht "Sterbebegleitung" für die Gesundheitsberichterstattung des Bundes (2. Auflage).

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Medizinische Allokationsethik

Unter den Rahmenbedingungen steigender Ausgaben und zunehmender Budgetierungen gewinnen Allokationsentscheidungen in der Medizin eine immer größere Bedeutung. Die Mittelverwendungen stehen einerseits unter der Anforderung, wirtschaftlichen Kriterien zu genügen, andererseits sollen sie auch ethisch fundiert sein. Das Gesundheitswesen soll "effizient" und "gerecht" sein.

Im Rahmen des BMBF-Projektes "Effizienz und Gerechtigkeit im System der Rehabilitation" wurde von 2002-2004 in Kooperation mit der Universität Duisburg-Essen (Prof. Wasem, Gesundheitsökonomie) und der Charité Berlin (Prof. Müller-Fahrnow, Versorgungssystemforschung und Qualitätssicherung in der Rehabilitation) das Verhältnis von ökonomischer Evaluation, ethischen Prinzipien der Verteilungsgerechtigkeit und Ressourcenallokation im Bereich der Rehabilitation untersucht. Neben konzeptionellen Arbeiten wurden halbstandardisierte und standardisierte Befragungen von Entscheidungsträgern, Leistungserbringern und Betroffenen der Rehabilitation sowie zwei interdisziplinäre Workshops durchgeführt.

Eine 2004-2005 im BMBF-Programm "Ethische, rechtliche und soziale Aspekte der modernen Medizin und Biotechnologie (ELSA)" geförderte Klausurwoche "Gleichheit und Gerechtigkeit in der modernen Medizin - Interdisziplinäre Perspektiven" wurde unter Beteiligung internationaler Wissenschaftler (u.a. Dan Brock, Harvard; Daniel Wikler, Harvard; Michael Otsuka, London) sehr erfolgreich abgeschlossen. Der Tagungsband "Gleichheit und Gerechtigkeit in der modernen Medizin" erschien 2005 (Download als pdf).

Im April 2006 wurde die auf 8 Jahre angelegte BMBF-Nachwuchsgruppe "Gerechtigkeit in der modernen Medizin" am Institut etabliert (Projektleitung: Prof. Dr. Dr. Vollmann, Leiter der Nachwuchsgruppe: Dr. Rauprich). Sie führt Projekte zu Leistungsansprüchen in der Reproduktionsmedizin und Kostenerwägungen bei der Anwendung innovativer Diagnostika und Therapeutika durch. Mit der Nachwuchsforschergruppe wird der Schwerpunkt medizinische Allokationsethik in Forschung und Lehre an der Ruhr-Universität nachhaltig verstetigt.

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Theoretische und methodische Grundlagen der Bio- und Medizinethik

Welche Ethik eignet sich als biomedizinische Ethik? Ein philosophisch-theoretischer Schwerpunkt am Institut untersucht methodische Grundlagen der Behandlung ethischer Probleme in der Biomedizin. Auf einer von der Staedtler Stiftung in Nürnberg und der Stadtsparkasse Erlangen 2003 geförderten Tagung "Ethik nach Prinzip? Prinzipienorientierte Ansätze in der biomedizinischen Ethik" wurde die international einflussreiche "Prinzipienethik" der amerikanischen Bioethiker Tom L. Beauchamp und James F. Childress diskutiert. Im Anschluss an die Tagung erschien 2005 der Sammelband "Prinzipienethik in der Biomedizin. Moralphilosophie und medizinische Praxis". (Download als pdf) Der Band versammelt erstmals Texte deutscher Wissenschaftler verschiedener Disziplinen sowie Übersetzungen wichtiger Schriften aus dem englischsprachigen Raum zum Thema.

Die Erforschung von Tragweite und Grenzen des prinzipienethischen Ansatzes wird in einem 2005-2008 laufendem DFG-Projekt "Prinzipienorientierte Ansätze in der biomedizinischen Ethik" in Kooperation mit Prof. Beauchamp (Georgetown University, Washington D.C.) weiter vertieft. (Projektbeschreibung als pdf)

In der medizinethischen Forschung werden sowohl philosophisch-ethische als auch empirische Methoden angewendet. Die Reflexion des Wechselverhältnisses von Ethik und Empirie in der Medizinethik und Untersuchungen zu Konzepten und Methoden "Empirischer Medizinethik" sind Schwerpunkte der NRW-Nachwuchsforschergruppe - Medizinethik am Lebensende: Norm und Empirie . In Ergänzung zu den theoretischen Untersuchungen werden in zahlreichen Forschungsprojekten am Institut für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin medizinethische Fragestellungen von Vertretern normativer und empirischer Disziplinen gemeinsam bearbeitet.

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Klinische Medizinethik

Ethische Probleme gewinnen nicht nur in Theorie und Forschung, sondern auch in der alltäglichen klinischen Medizin, z.B. bei medizinethischen Fragen am Lebensende, eine wachsende Bedeutung. Im englischsprachigen Ausland entwickelte sich die Klinische Ethik ("clinical ethics") als neuer Forschungsbereich innerhalb der Medizinethik. Nach dem Aufbau eines Klinischen Ethikkomitees am Erlanger Universitätsklinikum bietet das Institut in Kooperation mit dem Klinikum der Ruhr-Universität Bochum eine mobile klinische Ethikberatung und Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen für Klinische Ethikkomitees an.

Diese in Deutschland neuen Entwicklungen werden begleitend beforscht. Im Rahmen der Konzeption und Durchführung einer interdisziplinären BMBF-Tagung für Nachwuchswissenschaftler "Ethische Beratung in der modernen Medizin" (2007-2008) stehen theoretische und methodische Grundlagen sowie die Evaluation klinischer Ethikberatung im Mittelpunkt der Forschungsarbeiten. Die geplanten Untersuchungen bauen auf den theoretischen Forschungsarbeiten der Arbeitsgruppe zur Konzeptionalisierung von klinischer Ethik im Krankenhaus und zur Identität und Professionalität des klinischen Ethikers auf. Hierbei spielen das sich wandelnde professionelle Ethos des Arztes und neue Entwicklungen in der professionellen Ethik der Pflegeberufe eine zentrale Rolle.

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Ethik und Kommunikation in der Medizin

Die Aufklärung von Patienten (informed consent) und das Überbringen schlechter Nachrichten (breaking bad news) stellen große Anforderungen an die kommunikativen Kompetenzen von Ärztinnen und Ärzten. Diese werden innerhalb der medizinischen Ausbildung kaum gelehrt. Das Institut für Medizinische Ethik und Geschichte in der Medizin bietet unterstützt durch finanzielle Mittel des "lehrreich" Wettbewerbs und in Kooperation mit klinischen Abteilungen und dem Modellstudiengang der Ruhr-Universität Bochum ein interdisziplinäres Lehrangebot zur Aus- und Weiterbildung kommunikativer Fertigkeiten an. Im Mittelpunkt der Ausbildung stehen praktische Übungen zur Gesprächsführung mit Simulationspatienten. Weiterhin werden Hilfestellungen zur Strukturierung des Aufklärungsgesprächs (z.B. SPIKES-Protocol nach Baile et al. 2000) und Informationen zu ethischen und rechtlichen Aspekten der Aufklärung vermittelt. Die Lehrveranstaltungen werden begleitet von einer detaillierten Evaluation. Die Ergebnisse der Begleitforschung wurden in mehreren wissenschaftlichen Beiträgen veröffentlicht.

In Ergänzung zur Konzeption und Durchführung von Lehrveranstaltungen für Medizinstudierende werden in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft KIM-Kommunikation und Interaktion in der Medizin, Berlin Fortbildung für Ärzte sowie Mitarbeiter der Krankenpflege zu verschiedenen Themen der Ethik und Kommunikation (Schlechte Nachrichten überbringen, Aufklärung und Einwilligung, Patientenverfügung, Risikokommunikation) durchgeführt. Sämtliche Fortbildungsveranstaltungen werden evaluiert. Die Überprüfung der Effektivität der Fortbildungsveranstaltungen ist Gegenstand aktueller Forschungsprojekte.

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Der Körper des Bergmanns in der Industrialisierung: Biopolitik im Ruhrkohlenbergbau 1890-1980

DFG-Forschungsprojekt, 01.01.2010 - 31.12.2011

Das geplante Forschungsprojekt wird sich mittels eines körperzentrierten methodischen Ansatzes mit der Biopolitik des Ruhrbergbaus von 1890 bis 1980 beschäftigen. Das Projekt fragt sowohl nach dem Wandel von Objektivierungs- und Subjektivierungsprozessen, soweit diese bezogen sind auf den Körper des Bergmanns, als auch nach der Formierung biopolitischer Dispositive, die sich in spezifischen Verknüpfungen von Körperkonzepten, Institutionen, Infrastrukturen sowie sozialen, medizinischen und ökonomischen Praktiken im Ruhrkohlenbergbau manifestierten. Der Körper des Bergmanns wird als eine Schnittstelle ökonomischer, politischer und medizinischer Interventionen und Zuschreibungen interpretiert, die ein biopolitisches Beziehungsgeflecht zwischen Machtprozessen, Wissenspraktiken und Subjektivierungsformen sichtbar macht.

Der Dynamik innerhalb des Körperdispositivs im Ruhrbergbau ist dabei insbesondere in drei Hinsichten Rechnung zu tragen:

  1. im Hinblick auf die Praktiken der Regulierung des bergmännischen Körpers durch Arbeitsplatzgestaltung, hygienische Vorschriften, medizinische Infrastrukturen usw., die direkt im Bergbaubetrieb ihre Wirkung entfalteten und anderseits auch im Hinblick auf diejenigen biopolitischen Praktiken, die jenseits der Zechentore für die Bergleute bedeutsam waren (z.B. Arbeitersport, Wohnverhältnisse und allgemeine hygienische und medizinische Infrastrukturen im Ruhrgebiet).
  2. im Hinblick auf die Netzwerkstruktur der Akteure: Hier ist nach den Durchsetzungsmöglichkeiten der Interessen der jeweiligen Akteure zu fragen und die innerorganisatorische Beziehungsstruktur zu analysieren. Insbesondere interessieren die Mentalitäten der Akteure (Unternehmer, Mediziner, staatliche Akteure, Bergmänner usw.) insofern sie sich auf die Biopolitik im Bergbau beziehen, wobei ein Hauptaugenmerk auf die Bergleute als Akteure gerichtet wird.
  3. im Hinblick auf die Entstehung eine Wissens über den bergmännischen Körper und dessen Interaktion mit seiner Umwelt: Die medizinischen Experten objektivierten seit dem Kaiserreich im verstärkten Maße den bergmännischen Körper, oder zugespitzter ausgedrückt: es setzte ein tiefgreifender Prozess der Medikalisierung und Pathologisierung des bergmännischen Körpers ein, der diesen als einen gefährdeten und gefährlichen konstruierte. Gleichzeitig wurde das produzierte Wissen von anwendungsorientierten Disziplinen, z.B. Hygiene und Arbeitsmedizin, für Interventionen am bergmännischen Körper genutzt. Darüber hinaus wirkten die Interventionen der wissenschaftlichen Experten bis hinein in die bergmännische Arbeitspraxis und alltägliche Lebensumwelt.

Ausgehend von den oben formulierten Fragestellungen, die den Schwerpunkt auf das Verhältnis von Diskurs, Politik und Wissen setzen, wird ein methodischer Zugriff gewählt, der sich eng an synthetisch operierende Diskurs- und Gouvernementalitätsstudien (Michel Foucault) anlehnt.

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