Der
Mensch als Industriepalast
Die Fabrik arbeitet auf vollen
Touren. Es ist nicht leicht, die vielfältig
verknüpften Produktions- und Steuerprozesse
sofort zu durchschauen. Stimmengewirr erfüllt
die oberen Etagen, ein Mahlwerk zermalmt knirschend
große Stücke der Ausgangsmaterialien,
gurgelnd und zischend laufen chemische Reaktionen
ab, knisternd rasen elektrische Signale durch
ein weitgespanntes Leitungsnetz, während
gewaltige Motoren die Fabrik selbst mit ohrenbetäubendem
Lärm durch den Raum bewegen. Dieses phantastische
Szenario beschreibt nur einige wenige Details,
die der faszinierende Fabrik-Organismus der Wandtafel
"Der Mensch als Industriepalast" offenbart.
Die Franckh'sche Verlagsbuchhandlung in Stuttgart
knüpfte mit diesem Meisterwerk aus den späten
20er Jahren an den Erfolg des reichbebilderten
fünfbändigen Werkes "Das Leben
des Menschen" an. Diese "volkstümliche
Anatomie, Biologie, Physiologie und Entwicklungsgeschichte
des Menschen", verfaßt von dem jüdischen
Frauenarzt und Schriftsteller Fritz Kahn (1888-1968),
sollte auf dem neuesten Stand der Wissenschaft
das gesamte bekannte Wissen vom "Menschenleib
und Menschenleben" allgemeinverständlich
vermitteln. Der erste Band der ersten Auflage
erscerscerschien 1922. Für die Wandtafel
warb der Verlag durch eine Beilage zum vierten
Band. Seit kurzem ist die Wandtafel Leitmotiv
der Medizinhistorischen Sammlung seit 1990, wieder
im Handel erhältlich. Sie wird als Poster
vom Klartext-Verlag in Essen vertrieben. Programm
der Franckh'schen Verlagsbuchhandlung war es in
den 20er Jahren, mit der neuen Tafel ein Defizit
der bisher üblichen anatomischen Darstellungen
auszugleichen und die nicht direkt beobachtbaren
Lebensvorgänge durch Analogien mit bekannten
technischen Prozessen ins Bild zu setzen.
Das Ziel wurde zweifelsohne erreicht, doch die
reduktionistische Strategie eröffnet lediglich
einen eindimensionalen Blick auf den Menschen.
Die begrenzten Möglichkeiten des Modells
zeigten sich beispielsweise in der Darstellung
der "höchsten Geistestätigkeiten":
Wille, Vernunft und Verstand sind lediglich als
steuernde und beratende Menschen visualisiert.
Die Chance, diese Menschen dem Grundkonzept entsprechend
selbst als Industriepaläste zu zeichnen und
damit die gegebenen Grenzen als regressus ad infinitum
selbst zu thematisieren, wurde nicht ergriffen.
Zudem wird das Modell auch technisch den Gegebenheiten
des Körpers im Detail nicht immer gerecht.
Die Wandtafel "Der Mensch als Industriepalast"
symbolisiert aber - unbeschadet der Kritik - auf
unübertroffen sinnfällige Art und Weise
eine Seite der modernen Medizin, die sich seit
dem 19. Jahrhundert vermehrt an technischen Modellen
orientiert, in denen Störungen als Defekte
einzelner Funktionsglieder aufgefaßt werden,
die sich reparieren, austauschen oder auch ersetzen
lassen. Gerade wegen dieser Sichtweise wählte
die Medizinhistorische Sammlung der RUB die Tafel
als Leitmotiv für ihre Dauerausstellung "Der
Abstieg ins Verborgene - die Eroberung des menschlichen
Körpers durch die medizinische Technik"
- ein historischer Prozeß, der mit seinen
Licht- und Schattenseiten rekonstruiert werden
soll. Das Logo der Sammlung, der schematisierte
Malakowturm Julius-Philipp mit der Silhouette
des "Menschen als Industriepalast",
vereint die beiden Aspekte, auf denen das Konzept
der Dauerausstellung aufbaut: dem Einzug der Sammlung
im Jahre 1990 in das Industriedenkmal ersten Ranges,
den alten Förderturm, und dem technischen
Charakter der meisten Sammlungsobjekte, die hauptsächlich
aus dem späten 19. und dem 20. Jahrhundert
stammen. Ein Original der Wandtafel "Der
Mensch als Industriepalast" befindet sich
heute im Besitz des Westfälischen Schulmuseums
in Dortmund.
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