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RUBENS » Übersicht RUBENS » Ethik und Geschichte der Medizin
pix pix RUBENS Nr. 16, Seite 4 (Mai 1996)
Der Mensch als Industriepalast

Die Fabrik arbeitet auf vollen Touren. Es ist nicht leicht, die vielfältig verknüpften Produktions- und Steuerprozesse sofort zu durchschauen. Stimmengewirr erfüllt die oberen Etagen, ein Mahlwerk zermalmt knirschend große Stücke der Ausgangsmaterialien, gurgelnd und zischend laufen chemische Reaktionen ab, knisternd rasen elektrische Signale durch ein weitgespanntes Leitungsnetz, während gewaltige Motoren die Fabrik selbst mit ohrenbetäubendem Lärm durch den Raum bewegen. Dieses phantastische Szenario beschreibt nur einige wenige Details, die der faszinierende Fabrik-Organismus der Wandtafel "Der Mensch als Industriepalast" offenbart. Die Franckh'sche Verlagsbuchhandlung in Stuttgart knüpfte mit diesem Meisterwerk aus den späten 20er Jahren an den Erfolg des reichbebilderten fünfbändigen Werkes "Das Leben des Menschen" an. Diese "volkstümliche Anatomie, Biologie, Physiologie und Entwicklungsgeschichte des Menschen", verfaßt von dem jüdischen Frauenarzt und Schriftsteller Fritz Kahn (1888-1968), sollte auf dem neuesten Stand der Wissenschaft das gesamte bekannte Wissen vom "Menschenleib und Menschenleben" allgemeinverständlich vermitteln. Der erste Band der ersten Auflage erscerscerschien 1922. Für die Wandtafel warb der Verlag durch eine Beilage zum vierten Band. Seit kurzem ist die Wandtafel Leitmotiv der Medizinhistorischen Sammlung seit 1990, wieder im Handel erhältlich. Sie wird als Poster vom Klartext-Verlag in Essen vertrieben. Programm der Franckh'schen Verlagsbuchhandlung war es in den 20er Jahren, mit der neuen Tafel ein Defizit der bisher üblichen anatomischen Darstellungen auszugleichen und die nicht direkt beobachtbaren Lebensvorgänge durch Analogien mit bekannten technischen Prozessen ins Bild zu setzen.
Das Ziel wurde zweifelsohne erreicht, doch die reduktionistische Strategie eröffnet lediglich einen eindimensionalen Blick auf den Menschen. Die begrenzten Möglichkeiten des Modells zeigten sich beispielsweise in der Darstellung der "höchsten Geistestätigkeiten": Wille, Vernunft und Verstand sind lediglich als steuernde und beratende Menschen visualisiert. Die Chance, diese Menschen dem Grundkonzept entsprechend selbst als Industriepaläste zu zeichnen und damit die gegebenen Grenzen als regressus ad infinitum selbst zu thematisieren, wurde nicht ergriffen. Zudem wird das Modell auch technisch den Gegebenheiten des Körpers im Detail nicht immer gerecht. Die Wandtafel "Der Mensch als Industriepalast" symbolisiert aber - unbeschadet der Kritik - auf unübertroffen sinnfällige Art und Weise eine Seite der modernen Medizin, die sich seit dem 19. Jahrhundert vermehrt an technischen Modellen orientiert, in denen Störungen als Defekte einzelner Funktionsglieder aufgefaßt werden, die sich reparieren, austauschen oder auch ersetzen lassen. Gerade wegen dieser Sichtweise wählte die Medizinhistorische Sammlung der RUB die Tafel als Leitmotiv für ihre Dauerausstellung "Der Abstieg ins Verborgene - die Eroberung des menschlichen Körpers durch die medizinische Technik" - ein historischer Prozeß, der mit seinen Licht- und Schattenseiten rekonstruiert werden soll. Das Logo der Sammlung, der schematisierte Malakowturm Julius-Philipp mit der Silhouette des "Menschen als Industriepalast", vereint die beiden Aspekte, auf denen das Konzept der Dauerausstellung aufbaut: dem Einzug der Sammlung im Jahre 1990 in das Industriedenkmal ersten Ranges, den alten Förderturm, und dem technischen Charakter der meisten Sammlungsobjekte, die hauptsächlich aus dem späten 19. und dem 20. Jahrhundert stammen. Ein Original der Wandtafel "Der Mensch als Industriepalast" befindet sich heute im Besitz des Westfälischen Schulmuseums in Dortmund.





 

 
 
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Letzte Änderung: 04.11.2005 | Ansprechpartner/in: Technik