Laufende Forschungsschwerpunkte am Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft an der RUB
1. Editionsprojekt „Eucharistietexte“
Unter den Titeln „Prex Eucharistica“, „Coena Domini I“ und „Coena Domini II“ ist die bereits als Standardwerk anerkannte Edition liturgischer Texte zur Eucharistiefeier von den Anfängen bis ins frühe 20. Jahrhundert veröffentlicht worden. Ein letzter Band steht noch aus, der unter dem Titel „Sacrum Convivium“ angekündigt ist. Er soll das Projekt bis in die Gegenwart fortführen und zum Abschluss bringen.
Wie die voraufgegangenen Bände so wird auch „Sacrum Convivium“ durchgehend ökumenisch orientiert sein. Wieder sind daher Fachleute aus den verschiedensten Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften an dem Werk beteiligt.
Herausgegeben durch Irmgard Pahl, wird es in der Reihe „Spicilegium Friburgense“ im Paulusverlag Freiburg/Schweiz erscheinen.
Projektleiterin: Prof. em. Dr. Irmgard Pahl,
E-Mail: irmgard.pahl (at) ruhr-uni-bochum.de
Studentische Hilfskraft: Heiko Kausch,
E-Mail: heiko.kausch (at) @ruhr-uni-bochum.de
2. Transformation von religiöser Symbolik und Liturgie im 19. Jahrhundert
Als ein öffentliches Geschehen steht ein Gottesdienst immer in Verbindung mit seiner Kultur und Zeit. Gelebter und gefeierter Glaube hat mit Gegebenem, mit Erfahrung und Rezeption zu tun. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert haben religiöse Symbole und Liturgie umfassende Transformationen durchlaufen. Die Fachdebatten führen kein einheitliches Bild einer sich organisch entwickelnden Geschichte vor Augen, sondern zeigen vielschichtige Prozesse. Die Kirchen bemühten sich in dieser Epoche um Antworten auf die Veränderungen. Reformen, aber auch eine intensive Auseinandersetzung mit Tradition und Theologie beherrschten das Bild. Die Anstrengungen vereint, dass sie auf die Herausforderungen für den Glaubens und die Kirche Antworten zu geben versuchten. Sie bezeugen die Alltagsrelevanz religiösen Denkens, wie es situativ umgesetzt wurde und die Lebenswirklichkeit prägte. Besonders aufschlussreich sind das späte Kaiserreich und der erste Weltkrieg. Welche Rolle spielten Liturgie und Volksfrömmigkeit in den Auseinandersetzungen mit der zeitgenössischen Kultur? Welche Funktion fiel ihnen in den Prozessen der Neuorientierung zu? Wie wirkten soziokulturelle Entwicklungen auf Deutung und Gestalt des Gottesdienstes zurück?
• Veröffentlichungen in Auswahl:
- Friedlicher Kreuzzug und fromme Pilger. Liturgiehistorische Studien zur Heilig-Land-Wallfahrt aus dem deutschen Sprachgebiet zwischen Mitte des 19. Jahrhunderts und 1914 im Spiegel von Pilgerberichten [erscheint in Kürze in der Reihe ‚Liturgia Condenda', Leuven]
• Laufendes Dissertationsprojekt:
- Gebetbücher im 19. Jahrhundert (Jutta Gisevius)
3. Interferenzen und Konzepte an der Schnittstelle von Liturgie und Spiritualität
Liturgie und Spiritualität greifen tief ineinander. Die Weisen, wie Menschen ihrer Beziehung zu Gott Ausdruck verleihen, können sehr unterschiedlich sein und sich in einer Vielzahl von Ritualen und Zeichen widerspiegeln. Mit der Pluralisierung der Lebens- und Glaubenskonzepte ist in jüngerer Zeit das Spektrum weiter gewachsen. Die Liturgiewissenschaft steht vor der Aufgabe, die verschiedenen Spiritualitäten zu reflektieren, sie auf ihr Potential zu beleuchten und sie, ausgehend von der theologischen Substanz der Liturgie, kritisch zu befragen. Zu bedenken bleibt, dass Spiritualität nicht in der Liturgie aufgeht, sondern sich, wenn sie glaubwürdig sein will, auf alle Lebensbereiche beziehen muss. Mit H. B. Meyer können Spiritualität und Liturgie als "koextensiv" bezeichnet werden: Die Forschungsarbeit widmet sich der Frage nach den Wechselwirkungen von Spiritualitätskonzepten und liturgischen Vollzügen. Eine besondere Berücksichtigung findet neben den theologischen Gesichtspunkten die Vernetzung mit gesellschaftlichen und kulturellen Prozessen.
• Veröffentlichungen in Auswahl:
- Stefan Böntert (Hg.): Objektive Feier und subjektiver Glaube? Beiträge zum Verhältnis von Liturgie und Spiritualität (Studien zur Pastoralliturgie 32), Regensburg 2011
Darin: Stefan Böntert: Ein fruchtbares Spannungsverhältnis. Anstöße aus der Geschichte für das Verhältnis von Liturgie und Spiritualität in der Gegenwart, in: Objektive Feier und subjektiver Glaube? Beiträge zum Verhältnis von Liturgie und Spiritualität, 117-146 - Stefan Böntert: Ein Ausdruck des Staunens – Ein Ausdruck des Menschseins. Anbetung als Grundhaltung im Glauben. Poczucie zachwytu – miarą poczucia bycia człowiekiem. Adoracja jako zasadnicza postawa w wierze, in: Studia Pastoralne 6 (2010), 203-216
- Stefan Böntert: "Stelle dein Leben unter das Geheimnis des Kreuzes". Katholische Ordination zwischen Amtstheologie und Liturgiereform, in: Irene Mildenberger (Hg.), Ordinationsverständnis und Ordinationsliturgien. Ökumenische Einblicke (Beiträge zu Liturgie und Spiritualität 18), Leipzig 2007, 151-178
- Stefan Böntert: Rom – Wo der Himmel der Erde so nahe ist. Ein geistlicher Pilgerbegleiter, Stuttgart 2006
4. Gottesdienst und kirchlicher Strukturwandel der Gegenwart
Die gesellschaftliche Differenzierung führt dazu, dass Bräuche und Strukturen kirchlichen Lebens ihr Monopol als übergreifender Sinnhorizont verloren haben. Heute bilden sie einen Teilbereich, der neben anderen existiert. Dieser Wandel verlangt nach Neuorientierung, was nicht zuletzt auch die gottesdienstliche Praxis betrifft. Die Kirche steht vor der Aufgabe, sich mit ihrer gewachsenen Liturgie, aber auch mit neuen Zeichen und Ritualen als vitaler Akteur und Gesprächspartner in die pluralistische Gesellschaft einbringen. Dass es dabei um mehr als um die Verlebendigung der Kernformen geht, stellt die zentrale Herausforderung dar. Die Liturgiewissenschaft reflektiert den Stellenwert gottesdienstlichen Handelns im pluralistischen Kontext. Die Anfragen der zeitgenössischen Kultur müssen so aufgegriffen werden, dass sich aus dem Evangelium Möglichkeiten der Lebensdeutung und –gestaltung eröffnen. Hauptaufgabe wird es sein, erfahrbare, identitätsstiftende und glaubensstärkende Feierformen zu schaffen, die an der Schwelle von Tradition und Zeitgenossenschaft die Botschaft des Glaubens ins Spiel bringen.
• Veröffentlichungen in Auswahl:
- Stefan Böntert: Identität wahren und Vielfalt wagen. Zu den Aufgaben und Zielen liturgiewissenschaftlicher Aus- und Fortbildung im Umfeld des weltanschaulichen Pluralismus, in: Theologie der Gegenwart 52 (2009), 267-278
- Stefan Böntert: Liturgie in sich verändernden Seelsorgestrukturen. Kontinuität im Wandel oder völliges Umdenken?, in: Bibel und Liturgie 80 (2007), 142-151
- Stefan Böntert/Franz-Peter Tebartz-van Elst: Gemeinden geistlich gründen. Anregungen für Liturgie und Pastoral, Münster 2007
- Stefan Böntert: Gottesdienste angesichts zusammengelegter Gemeinden und überzähliger Kirchengebäude. Liturgie auf der Suche nach Identität und Profil in neuen Strukturen, in: Liturgisches Jahrbuch 56 (2006), 3-27
Laufendes Dissertationsprojekt:
- Der Beitrag der Liturgie in neuen Seelsorgestrukturen (Heiko Kausch)
5. Gottesdienst zwischen Norm und Rezeption
Bisher hat sich die Liturgiewissenschaft kaum mit der Frage befasst, wie liturgisches Handeln rezipiert wird. Dass zwischen Norm und Rezeption ein Unterschied besteht, ist hermeneutisch geklärt, im Einzelnen aber noch wenig konkretisiert. Für die Erforschung rücken bisher kaum berücksichtigte Quellengattungen in den Blick: Romane, Tagebücher, Biografien oder andere beschreibende und reflektierende Texte. Der besondere Wert solcher Schriften liegt darin, dass sie Perspektiven eröffnen, die in keinem liturgischen Normbuch vorgegeben werden können. Sie zeigen, dass ein liturgisches Geschehen nicht einfach von Normen bestimmt ist, sondern sich je neu realisiert und den von Kultur und Frömmigkeit geprägten Bedingungen einer bestimmten Zeit unterworfen ist. Eine Forschung, die von der Rezeption ausgeht, legt kulturelle Leitmotive, subjektive Motivationen und Spiritualitäten sowie spezifische theologische und rituelle Akzentsetzungen offen. Sie kann fragen: In welchen Aneignungsprozessen steht das gottesdienstliche Handeln? Welche theologischen/geistlichen Schwerpunkte scheinen auf? Welchen Einzelbausteinen wird Aufmerksamkeit geschenkt, welche theologischen Konzepte sind leitend, welche Rolle spielt etwa der Gottesdienstraum? Diese Fragerichtung kann einen wichtigen Beitrag für die theologische Hermeneutik der Liturgie leisten.
• Laufendes Dissertationsprojekt:
- Die Rezeption der Liturgiereform nach dem II. Vatikanum in Nigeria (Uchenna Ambrose Aba)
6. Wallfahrten und Pilgerreisen als liturgisches Geschehen
Das Wallfahrtswesen gehört zu den einflussreichsten Zweigen christlicher Spiritualität. Jüngst hat die Forschung viel Licht in Geschichte und Wirklichkeit dieses Feldes gebracht. Inspirierend wirkte sich die Abkehr von der lange vorherrschenden Gegenüberstellung von ‚Volksfrömmigkeit' und ‚Elitenfrömmigkeit' aus, was die Tür zu einer umfassenden Sicht auf die Vernetzungen öffnete, in denen das Phänomen sein Gepräge entwickelt. Pilgerschaften bestehen aus religiös-kulturellem Gedächtnis und Tradition, aus überkommenen Zeugnissen und der Einfügung von Überlieferungen in neue, zeitgenössische Bezugsrahmen. Sie lassen sich als ein komplexes frömmigkeitsgeschichtliches, theologisches und rituell-liturgisches Interaktionsgeschehen begreifen. Sie stellen einen Prozess dar, in dem gottesdienstliches Handeln, Theologie und Kultur ineinander greifen. Liturgiewissenschaftliche Wallfahrtsforschung darf sich nicht auf die Untersuchung einzelner Gottesdienste beschränken, sondern muss umfassend reflektieren: Welche theologischen und kulturellen Identifikationsmuster geben den Pilgerreisen das kennzeichnende Erscheinungsbild? Wo und wie überlagern sich Elemente aus der Tradition mit den Elementen aus der zeitgenössischen Liturgiepraxis? In welchem Verhältnis stehen die kirchlich geordnete Liturgie und das dem Bereich der Volksfrömmigkeit zugehörige Brauchtum? Welchen Stellenwert und welche Funktion besitzen die liturgischen Realitäten innerhalb des Gesamtgeschehens? Welche Konsequenzen sind für die Praxis zu ziehen?
• Veröffentlichungen in Auswahl:
- Stefan Böntert: Friedlicher Kreuzzug und fromme Pilger. Liturgiehistorische Studien zur Heilig-Land-Wallfahrt aus dem deutschen Sprachgebiet zwischen Mitte des 19. Jahrhunderts und 1914 im Spiegel von Pilgerberichten [erscheint in Kürze in der Reihe ‚Liturgia Condenda', Leuven]
- Stefan Böntert: Alte Wege – Neue Ansätze!? Aufgaben für Liturgie und Frömmigkeit der Wallfahrt in der Gegenwart, in: Liturgisches Jahrbuch 61 (2011), 84-105
- Stefan Böntert: Im Spannungsfeld von Wallfahrt und Kulturbegegnung. Gottesdienst und Brauchtum christlicher Pilger im Nahen Osten, in: Claudia Kraft/Eberhard Tiefensee (Hg.), Religion und Migration. Frömmigkeitsformen und kulturelle Deutungssysteme auf Wanderschaft (VIFR 7), Münster 2011, 105-124


