Kompetenzorientiert Prüfen – Die Fähigkeiten der Studierenden in den Blick nehmen
Ein zentraler Aspekt der Bolognareform ist die Kompetenzorientierung der neuen Studiengänge. Dahinter steht die Zielsetzung, die Berufs- bzw. Beschäftigungsfähigkeit der Studierenden zu erhöhen. Welche Kompetenzen brauchen sie in ihren zukünftigen Arbeitsfeldern und wie kann die Universität sicherstellen, dass diese im Laufe des Studiums erworben werden? Dies ist eine entscheidende Frage, mit der sich Lehrende zunehmend beschäftigen müssen.
Shift from teaching to learning
Vor diesem Hintergrund zeichnet sich in der Bildungsdiskussion seit einigen Jahren ein Perspektivwechsel ab. Unter der Überschrift „The shift from teaching to learning“ wird erörtert, was eine der zentralen Aufgaben für die Universitäten und Lehrenden ist: die Lehre so auszurichten, dass das studentische Lernen, also der Erwerb von Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten in den Mittelpunkt rückt.
Kompetenzorientierung – was bedeutet das?
Kompetenzorientierung bedeutet demnach, Lehr- und Lernprozesse so zu gestalten, dass Studierende im Verlauf ihres Studiums spezifische Fähigkeiten erwerben, die sie für ihr späteres berufliches und soziales Handeln benötigen. Konkret geht es also vor allem darum, mit erworbenem Wissen umzugehen bzw. theoretische Konzepte anzuwenden und somit problembezogen, verantwortungsvoll und pragmatisch zu handeln. Das bedeutet beispielsweise für das Fach Medizin, dass Studierende über die Aneignung von Wissen hinaus auch vor die Aufgabe gestellt werden, konkrete Fallbeispiele zu bearbeiten und Ansätze für die Diagnostik und Therapie eines (fiktiven) Patienten aus ihrem Fachwissen abzuleiten. Diese Handlungs- und Problemlösefähigkeit steht im Mittelpunkt des kompetenzorientierten Prüfens.
Neben den Fachkompetenzen spielen auch überfachliche Kompetenzen wie z.B. Flexibilität, die Fähigkeit und Bereitschaft zur Selbstorganisation und zum lebenslangen Lernen eine wichtige Rolle für den späteren beruflichen Erfolg von Studierenden und sollten in Lehre und Prüfungen ebenfalls berücksichtigt werden.
Kompetenzorientiert Lehren und Prüfen
Lehren, Lernen und Prüfen sind keine voneinander unabhängigen Prozesse, sondern miteinander verwoben: Prüfungen sollen zeigen, was Studierende gelernt haben und ob die Lehrziele erreicht wurden. Die Lehrenden sollten die Prüfungen demnach eng an den Lehr-/Lernprozessen ausrichten und bereits bei der Veranstaltungsplanung bedenken, welche Kompetenzen die Studierenden im Laufe des Semesters erwerben und wie eben diese Kompetenzen geprüft werden sollen. So ist es beispielsweise sinnvoll, eine handlungsorientierte Veranstaltung, in dem Studierende ihr Wissen auf Fragestellungen aus der Praxis anwenden, durch eine Prüfung abzuschließen, die nicht nur aus einer Wissensabfrage besteht, sondern auch die Lösung eines praktischen Problems beinhaltet.
Kompetenzorientiertes Prüfen gelingt also am besten, wenn Curricula, Lehrformate und Prüfungen von Anfang an aufeinander abgestimmt sind.
Auswahl passgenauer Prüfungsformen
Die Prüfungsformen sollten je nach den Kompetenzen, die bei der Prüfung im Mittelpunkt stehen, unterschiedlich gewählt werden. Die Fähigkeit, eigenständig kleinere Forschungsprojekte durchzuführen, kann in Form eines Projektberichts oder einer Posterpräsentation geprüft werden. Anhand einer Podiumsdiskussion kann hingegen der flexible Umgang mit Konzepten und Theorien sowie die Diskurskompetenz von Studierenden bewertet werden. In angewandten Fächern eignen sich auch Simulationen von berufsnahen Situationen, in denen Prüflinge ihre Handlungskompetenz unter Beweis stellen können. In jedem Fall ist es sinnvoll, die Prüfungsaufgabe so zu wählen, dass Studierende ihre spezifischen Fähigkeiten und Fertigkeiten optimal anwenden können.
Neue Prüfungsformate – neue Herausforderungen
Innovative Prüfungsformen stellen allerdings auch neue Herausforderungen an Lehrende. Sie müssen sich nicht nur mit ihnen vertraut machen, es bedarf auch eines Umdenkens bezüglich der eigenen Rolle und Funktion als Prüfer/in. Im Vordergrund steht nicht mehr ausschließlich, aus der Perspektive des Experten die studentische Leistung zu beurteilen, sondern Räume zu schaffen, in denen sich Prüflinge und Lehrende auf Augenhöhe begegnen können. Gelingt es Lehrenden, ihre Rolle neu zu definieren, und meistern die Prüflinge, das Prüfungsgeschehen aktiv mitzugestalten, so können Studierenden nicht nur ihre erworbenen Kompetenzen demonstrieren, sondern auch mit den Prüfer/innen in einen echten Austausch kommen – wenngleich auch kompetenzorientierte Prüfungen die Hierarchien innerhalb einer Prüfung naturgemäß nicht aufheben können.


