Funktion und Wirkungsweise von Lehr- und Lernzielen
Wieso ist es überhaupt notwendig, sich die Ziele klar vor Augen zu führen?
Anfänglich wirkt eine solche Forderung wie reine Schikane – wozu soll man ausformulieren, was sowieso klar ist: die Studierenden sollen eben lernen, was in der Vorlesung oder im Seminar dran ist.
Aber so einfach ist es nicht:
Erstens gibt es in der heutigen Zeit nur wenig Wissen, dessen Erwerb reiner Selbstzweck ist. Da viele Fakten des modernen Lebens ständig aktualisiert werden müssen, ist es unerlässlich, sich auch und gerade als Lehrende/r zu fragen, wozu dieses Wissen, diese Fertigkeiten oder Fähigkeiten dienen sollen, und dies im Blick zu haben.
Zweitens ermöglicht nur eine genaue Formulierung der Ziele auch eine exakte Analyse der Lernvoraussetzungen. Da Dozent/inn/en naturgegeben Fachleute in ihren Bereichen sind, vergessen sie allzu oft, dass ihre Studierenden es (noch) nicht sind. Dinge, die für Lehrende an der Hochschule selbstverständlich sind, können für Studierende, insbesondere in den ersten Semestern, kompliziert sein.
Wie detailliert macht das Ausformulieren von Zielen Sinn?
Versetzen wir uns probeweise an die Stelle eines durchschnittlichen (nicht eines brillanten!) Studierenden. Wenn die geplante Lehrveranstaltung besucht oder die gegebene Aufgabe angegangen wird, wie geht es ihm/ihr dabei?
Welche fachlichen Schwierigkeiten können auftreten? Welches Vorwissen muss aktiviert werden und ist dies aus der Lehrveranstaltung abzuleiten oder müssen andere Quellen herangezogen werden? Welche psychologischen Hindernisse sind eventuell zu überwinden? Wie wirken die Räumlichkeiten, die Gruppengröße, die Sitzordnung, das Verhalten der anderen Studierenden oder des Dozenten, die Präsentationsform während der Sitzung und die Ankündigungen im Blackboard? All diese Aspekte beeinflussen das Lernen und müssen vom Lehrenden zumindest einkalkuliert, besser noch in seinem Sinne beeinflusst werden. Also macht es auch Sinn, sich über all diese Details Gedanken zu machen. Und nur wenn die Lernvoraussetzungen geklärt sind, können die Ziele formuliert und in den Lernprozess eingeordnet werden. Dies sollte dann genauso detailliert geschehen.
Genügt es, allen Beteiligten die Ziele für jede einzelne Sitzung bewusst zu machen?
Es ist sehr verlockend, mit dem Thema einer Einzelsitzung (das man gerade als Experte/Expertin faszinierend findet) das Ziel der gesamten Veranstaltung aus den Augen zu verlieren. Will man z.B. den Studierenden eigentlich ein Grundverständnis mathematischer Beweistechniken nahebringen, so kann es passieren, dass man eine bestimmte Beweisidee wie die vollständige Induktion sehr technisch kommuniziert. Damit hätte man das eigentliche Lernziel zugunsten eines untergeordneten Aspektes vernachlässigt und gleichzeitig bei den Studierenden den Eindruck erweckt, mathematische Beweise seien eine ideenlose technische Bastelei. Es macht also Sinn, die eigenen Planungen mit etwas Distanz zu betrachten und sich kritisch zu fragen, ob die Akzentuierung an den (Grob-)Zielen ausgerichtet wurde.
Außerdem kann eine Lehrveranstaltung neben den geplanten Zielen eine Summe von weiteren Aspekten unbewusst transportieren. Stets werden Grundauffassungen vom Lernen und vom Leisten, Meinungen über den eigenen und andere Fachbereich/e sowie das Selbstbild des Lehrenden dargestellt. Das hat alles seine Berechtigung, sollte jedoch an den eigentlichen Zielen gemessen werden.
Was verändert sich, wenn man sich dezidierte Gedanken über die Lehr- und Lernziele macht?
Gut geplante Lehrveranstaltungen machen alle Beteiligten zufriedener! Wer zu Beginn des Semesters oder einer Einzelsitzung für sich und andere deutlich macht, was am Ende herauskommen soll, wirkt verlässlich, strukturiert und transparent und begegnet den Studierenden auf Augenhöhe.
Werden die Ziele für die Studierenden offengelegt, so können sie sich zudem selbst an ihnen messen. Sie können sich ihre Lernfortschritte bewusstmachen und diese reflektieren. Damit gewinnen sie im Idealfall die Voraussetzungen, ihr eigenes Lernen in Zukunft selbst zu steuern. Werden die Ziele dann noch erreicht, ermöglicht dies den Studierenden nicht nur einen angemessenen Lernfortschritt, sondern vermittelt ihnen auch das Gefühl, dass ihr (erfolgreicher) Lernprozess im Mittelpunkt steht. Das fördert eine positive Lernatmosphäre.
Autorin
Birgit Griese,
Fakultät für Mathematik


