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Satellitenbild des Mittelmeers

Profil von Forschung und Lehre

Der Mittelmeerraum stand zwischen dem späten 18. Jahrhundert und der Mitte des 20. Jahrhunderts im Zeichen des europäischen Imperialismus und Kolonialismus. Nach Napoleons Ägypten-Expedition (1798-1801) wurde das Osmanische Reich aus der südlichen Mittelmeerhälfte zurückgedrängt. Während die Briten die Kontrolle über strategisch wichtige Meerengen, Kanäle und Inseln übernahmen, errichteten die Franzosen im Maghreb ein mediterranes Empire. Vor dem Ersten Weltkrieg kamen mit Italien in Libyen und Spanien in Nordmarokko weitere europäische Kolonialmächte hinzu. Mit der Gründung der britischen und französischen Mandatsgebiete im Nahen Osten wurde das Mittelmeer in der Zwischenkriegszeit ein europäischer See. Bis zur Suezkrise 1956 blieb es relativ fest in europäischer Hand. Seit der Dekolonisation haben sich die Ungleichgewichte zwischen den nördlichen und den südlichen Ländern des Mittelmeeres zwar verändert. Dennoch ist das Verhältnis asymmetrisch geblieben. Da die europäische Expansion in der Erinnerung Nordafrikas und Vorderasiens noch immer präsent ist, erscheint es gerechtfertigt, sie ins Zentrum einer modernen Geschichte des Mittelmeerraums zu rücken. Dabei stellt sich auch die Frage, wie die europäische Kolonisierung des Maghreb und des Nahen Ostens mit der gleichzeitigen Marginalisierung Südeuropas zusammenhing, das ebenfalls in Abhängigkeit vom Norden geriet.

Der von Jun.-Prof. Dr. Manuel Borutta geleitete Bereich „Kulturgeschichte des Mittelmeerraums“ widmet sich den verschiedenen Aspekten dieser europäisch-mediterranen Beziehungsgeschichte. Zum einen wird die Repräsentationsgeschichte des europäischen Südens, des Orients und des Mittelmeerraums in Wissenschaft und Politik, Kunst und Medien untersucht. Zum anderen geht es um unterschiedliche Formen mediterraner Mobilität wie das Reisen und die Migration. Schließlich werden politische, ökonomische, demographische und kulturelle Interaktionen und Verflechtungen der Region beleuchtet. Im Wechsel vergleichender und beziehungsgeschichtlicher Perspektiven werden subnationale, nationale und transnationale Untersuchungsebenen in den Blick genommen. Der zeitliche Fokus reicht vom späten 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Inhaltlich geht es um Verbindungen von Macht und Wissen, Kultur und Religion, Wirtschaft und Gesellschaft, Migration und Erinnerung. Theoretisch liefern die postkoloniale Theorie, der Spatial Turn und die Sea History wichtige Anknüpfungspunkte.