Forschung

A) Verbundprojekte

DFG-Netzwerk "Modernes Mittelmeer: Dynamiken einer Weltregion 1800-2000" (2018-2021)

Konflikte, Kriege und Krisen haben den Mittelmeerraum ins Zentrum der Aufmerksamkeit von Politik und Wissenschaft, Kunst und Medien gerückt. Obwohl viele dieser aktuellen Probleme im 19. und 20. Jahrhundert wurzeln, spielt das Mittelmeerparadigma in der Neuesten Geschichte nahezu keine Rolle. Die neuhistorische Mittelmeerforschung ist vielmehr in lokale, nationale und regionale Studien fragmentiert, die nur Teile der Region abdecken und sich wenig austauschen. Das Netzwerk verknüpft diese Forschungszweige , um eine integrierte Sichtweise auf den modernen Mittelmeerraum zu gewinnen. Im Fokus stehen die Dynamiken und Transformationen der Region zwischen 1800 und 2000. Anstatt den Mittelmeerraum als naturgegeben vorauszusetzen, wird untersucht, wie sich die Region in der Moderne neu konstituierte. Wider mediterranistische Mythen mediterraner Einheit, Kontinuität und Einzigartigkeit wird der Mittelmeerraum als eine Kontaktzone Afrikas, Asiens und Europas gefasst, die mit anderen Weltregionen verflochten war und mit diesen vergleichbar ist. Um die zentralen Aspekte der mediterranen Geschichte der Späten Neuzeit zu diskutieren, werden sich die Mitglieder und Gäste des Netzwerks an maßgeblichen Einrichtungen der deutschen Mittelmeerforschung (Deutsches Historisches Institut Rom, Deutsch-Italienisches Studienzentrum Venedig, Orient Institut Beirut, Orient Institut Istanbul, Zentrum für Mittelmeerstudien Bochum, Zentrum Moderner Orient Berlin) treffen. Die Ergebnisse der Diskussionen sollen in eine Reihe von Panels und Publikationen münden, um Mediterrane Geschichte so nicht nur als ein innovatives Forschungsfeld der Neuesten Geschichte zu erweisen, sondern auch als einen eigenständigen Ansatz zu profilieren, der europäische und nichteuropäische Perspektiven auf fruchtbare Weise verbindet und dadurch zu einem vertieften Verständnis der gegenwärtigen Probleme der Region beitragen kann.

Mitglieder

Dr. Patrick Bernard, University of Oslo
Jun.-Prof. Dr. Manuel Borutta, Ruhr-Universität Bochum
Jasmin Daam, Universität Kassel
Dr. Fernando Esposito, Eberhard Karls Universität, Tübingen
Dr. Malte Fuhrmann, Istanbul Bilgi University, Berlin
Andreas Guidi, Humboldt-Universität, Berlin und EHESS, Paris
Jun.-Prof. Dr. Julia Hauser, Universität Kassel
PD Dr. Nora Lafi, Zentrum Moderner Orient, Berlin
Jun.-Prof. Dr. Fabian Lemmes, Ruhr-Universität Bochum
Dr. Esther Möller, Leibniz-Institut für Europäische Geschichte (IEG), Mainz
Christian Saßmannshausen, Freie Universität Berlin
Daniel Tödt, Humboldt Universität zu Berlin



Zentrum für Mittelmeerstudien

Das Zentrum für Mittelmeerstudien (ZMS) bündelt die Fächer und Epochen übergreifende Mittelmeerforschung im deutschsprachigen Raum. Im Kontrast zu den „Mediterranismen“ des Kolonialismus und der Zeit des Kalten Krieges postuliert es keine Einheit, Kontinuität, Spezifik oder Singularität der Region. Vielmehr fasst es den Mittelmeerraum im Sinne der Cross Area Studies als eine Kontaktzone Afrikas, Asiens und Europas, die mit anderen fluvialen, maritimen und terrestrischen Interaktionsräumen vergleichbar ist und verflochten war.

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Kompetenzfeld Metropolenforschung

Ziel des Kompetenzfeldes Metropolenforschung in der Universitätsallianz Ruhr (kurz KoMet) ist die Etablierung eines international sichtbaren Zentrums für inter- und transdisziplinäre Metropolenforschung, das die komplementären Kompetenzen der drei Partneruniversitäten über Fächerkulturen hinweg bündelt und über die Vernetzung mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Praxispartner/innen die Stärken der Region nutzt.

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B) Einzelprojekte

Mediterrane Verflechtungen:
Frankreich und Algerien zwischen Kolonisierung und Dekolonisierung

Die monographische Studie untersucht mediterrane Verflechtungen Frankreichs zwischen der Kolonisierung und Dekolonisierung Algeriens. Im Zentrum steht der französische Süden, der Midi, der im 19. Jahrhundert als statisch galt, obwohl er die Kolonisierung Algeriens maßgeblich vorantrieb und durch diesen Vorgang selbst grundlegend verändert wurde. Infolge kolonialer Interaktionen mit Algerien wurden Frankreichs mediterrane Hafenstädte, Regionen und Inseln zu dynamischen Schnittstellen des Kolonialreichs. Sie rückten vom Rand der Nation ins Zentrum des Imperiums, um nach der Dekolonisation erneut marginalisiert zu werden. Am Beispiel der Hafenstadt Marseille, des ländlichen Languedoc und der Insel Korsika zeigt die Arbeit so, dass die modernen Prozesse der Nations-, Regions- und Imperiumsbildung in Südeuropa und Nordafrika derart eng miteinander zusammenhingen, dass sie nicht getrennt voneinander betrachtet werden können.

Bearbeiter: Manuel Borutta


Kolonialismus, katholische Mission und laïcité:
Die Pères Blancs in der Kabylei 1868-1919 (Dissertationsprojekt)

Das Dissertationsprojekt untersucht die Ordensmission der „Weißen Väter", in der Kabylei vom Zweiten Kaiserreich bis zur Zwischenkriegszeit. Erforscht werden erstens die Motive des Ordensgründers Charles Kardinal Lavigerie, zweitens die Konflikte zwischen den Missionaren und den Vertretern des französischen Staates, drittens die missionarische Praxis vor Ort. Die Arbeit erhellt so zum einen den imperialen Austausch zwischen der französischen Metropole und ihrer wichtigsten Siedlungskolonie Algerien. Sie beleuchtet zum anderen transnationale Transfers des Katholizismus zwischen Frankreich, Rom und Algerien, die Europa und Afrika im 19. und 20. Jahrhundert auf neue Weise miteinander verbanden. Schließlich analysiert die Studie koloniale Begegnungen und Interaktionen von katholischen Geistlichen und Muslimen in Nordafrika. Sie ist damit zwischen den Forschungsfeldern der Kolonial-, der Politik- und der Religionsgeschichte angesiedelt. Zugleich soll sie zu einem vertieften Verständnis der republikanischen Religionspolitik und des Konzepts der laïcité beitragen, das sich auf katholische und muslimische Religionsgemeinschaften in Metropole und Kolonie unterschiedlich auswirkte.

Bearbeiter: Stefan Preiß
Gerfördert durch ein Promotionsstipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes.


Sehnsuchtsraum Deutschland: Erwartungen und Erfahrungen algerischer Migranten von der Arabischen Revolution bis zur Kölner Silvesternacht (Dissertationsprojekt)

Seit dem frühen 20. Jahrhundert gibt es eine massenhafte Auswanderung aus Algerien nach Frankreich. Zuletzt ist indes auch Deutschland ein bevorzugtes Ziel junger algerischer Männer geworden. Ist dies nur ein kurzfristiger Reflex auf die temporäre Beschwörung einer deutschen Willkommenskultur, oder vollzieht sich hier ein langfristiger Paradigmenwechsel in der algerischen Emigration, der mit einer Abwertung Frankreichs, einer europäischen Orientierung der Migranten und ihrer Emanzipation von (post)kolonialen Denkmustern zusammenhängt? Ausgehend von zwei Fallstudien zu Annaba und Düsseldorf untersucht das im Schnittfeld von historischer Migrationsforschung, Mediengeschichte und digital humanities angesiedelte Promotionsprojekt zum einen die Ursachen, Formen und Rahmenbedingungen der Migration. Zum anderen werden die medialen Repräsentationen sowie die individuellen Erwartungen und Erfahrungen der Migranten erforscht. Ziel ist eine möglichst umfassende Rekonstruktion der Akteursperspektive.

Bearbeiterin: Sina Khatal
Cotutelle-Promotion mit der Université François Rabelais de Tours (Prof. Dr. Christine de Gemeaux)
Gefördert durch ein Startup-Stipendium des Zentrum für Mittelmeerstudien