Profil von Forschung und Lehre
Der Mittelmeerraum stand in der Moderne lange im Zeichen des europäischen Kolonialismus. Nach Napoleons Ägypten-Expedition wurde das Osmanische Reich schrittweise aus der südlichen Mittelmeerhälfte zurückgedrängt. Während die Briten die Kontrolle über strategisch wichtige Meerengen, Kanäle und Inseln übernahmen, errichteten die Franzosen im Maghreb ein mediterranes Empire. Vor dem Ersten Weltkrieg kamen mit Italien in Libyen und Spanien in Nordmarokko weitere europäische Kolonialmächte hinzu. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts war das Mittelmeer somit relativ fest in europäischer Hand. Seit der Dekolonisation haben sich die Ungleichgewichte zwischen den nördlichen und den südlichen Mittelmeerländern zwar verändert. Dennoch ist ihr Verhältnis asymmetrisch geblieben. Da der europäische Kolonialismus in der Erinnerung Nordafrikas und des Nahen Ostens noch immer sehr präsent ist, erscheint es gerechtfertigt, ihn ins Zentrum einer modernen Geschichte des Mittelmeerraums zu rücken. Dabei stellt sich auch die Frage, wie die europäische Kolonisierung Nordafrikas und des Nahen Ostens mit der gleichzeitigen Marginalisierung Südeuropas zusammenhing, das ebenfalls in Abhängigkeit vom Norden geriet.
Der von Jun.-Prof. Dr. Manuel Borutta geleitete Bereich „Kulturgeschichte des Mittelmeerraums“ widmet sich den verschiedenen Aspekten dieser mediterranen Beziehungsgeschichte. Dabei wird zum einen die Repräsentation des Mittelmeerraums in Wissenschaft und Politik, Kunst und Medien analysiert. Zum anderen werden mediterrane Migrationsströme von Südeuropa nach Nordafrika sowie in umgekehrter Richtung beleuchtet. Drittens geht es um Verflechtungen und Wechselwirkungen beider Räume zwischen der Kolonisierung und der Dekolonisierung Nordafrikas. Geographisch steht der westliche Mittelmeerraum im Zentrum. Im Wechsel vergleichender und beziehungsgeschichtlicher Perspektiven werden lokale und regionale, nationale und transnationale Untersuchungsebenen in den Blick genommen. Der zeitliche Fokus reicht vom späten 18. Jahrhundert bis ins frühe 21. Jahrhundert. Inhaltlich geht es um die Verbindungen von Macht und Wissen, Kultur und Religion, Wirtschaft und Gesellschaft. Theoretisch liefern die postkoloniale Theorie, der Spatial Turn und die Sea History vielfältige Anknüpfungspunkte.

