KUNST AM BAU in der Geschichte

Die Geschichte der Kunst am Bau-Projekte ist nicht nur mit der Entstehungsgeschichte der RUB zu verbinden, sondern auch mit der wechselhaften Entwicklung der 'Kunst am Bau-Politik', wie sie sich im Laufe der letzten Jahrzehnte in ganz Deutschland vollzog. Als solche hatte sie sich seit den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts entwickelt und wurde - im Zuge von Städtebau-Diskussionen - einer spannungsreichen, kritischen Befragung unterzogen. Dabei mußten stets die Auftraggebung, die kulturpolitische Intention und die künstlerische Freiheit berücksichtigt werden.

Lässt sich die Geschichte der 'Kunst am Bau' auch bis in die Antike zurückverfolgen, wenn sich die Architektur und (Wand-)Malerei zu einem homogenen Ganzen vereinigen, und kann der Gedanke eines 'Gesamtkunstwerkes' auch als eine Leitkategorie der Kunstgeschichte etwa im Kirchen- oder Schloßbau benannt werden, so ist die Konzeption der 'Kunst am Bau' in einer modernen demokratischen Gesellschaftsordnung von einer anderen Motivation getragen: Die Berufsverbände der bildenen Kunst forderten bereits in den 20er Jahren eine staatlich garantierte Beteiligung von Künstlern bei der Planung und Realisierung von öffentlichen Gebäuden. Man wollte dadurch der herrschenden Armut der Künstlerschaft begegnen und den 'Hungerkünstlern' ein Auskommen durch die öffentliche Hand sichern.

Nach 1945 - und damit nach der ideologischen Instrumentalisierung der Künste im Nationalsozialismus - war die 'Kunst am Bau' von dem Bemühen getragen, die Unabhängigkeit der Künste zu garantieren. Zugleich wurde diese architekturorientierte Kunst von den damaligen Städtebau-Diskussionen bestimmt. So wurde in den 50er Jahren - in Zeiten des Wiederaufbaues der Städte - die Forderung nach Förderung der bildenden Künste laut. Man wollte ein Prozent der Bausumme für die Kunst bereitstellen. Die Ausgangspunkte dieses Gedankens war die Entlastung der öffentlichen Haushalte, wie sie sich durch die arbeitslosen Künstlerschaft bemerkbar machte, der Mangel an Mäzenen und die Erziehungsfunktion der bildenden Kunst. Besonders der letzte Punkt erschien bei 'Kunst am Bau'-Projekten sinnvoll, waren doch die öffentlichen Plätze ein Versammlungsort der Jugend. Diese sollte durch die dort platzierte Kunst eine Wert- und Lebensorientierung erhalten - so die damaligen Vertreter dieser Forderung. Im ganzen hatte die 'Kunst am Bau' als "soziale Entlastung" (Arnold Gehlen) vom Sozialdruck im Alltag zu dienen. Dadurch wurde eine Verständlichkeit in der Formensprache und eine Deutlichkeit in der Aussage notwendig. Die meisten 'Kunst am Bau'-Projekte der 50er Jahre glichen daher eher dekorativen Wandmalereien mit Mosaikkunst, die sowohl in der figurativen Formensprache als auch in ihren moralisierenden bis idealisierenden Aussagen von einem eher konservativen Geist getragen wurden.

In den 60er Jahren - als sich das sogenannte 'Moderne Bauen' an Bedeutung gewann - wandelten sich die Vorstellungen,. Die funktionale, moderne Formensprache der Architektur, wie sie auch die RUB prägt, ließ ein disparates Verhältnis zwischen Architektur und bildender Kunst entstehen: Die Architektur gehorchte nunmehr vornehmlich den Vorgaben der Rationalität und Funktionalität, während die 'Kunst am Bau' der Zweckbindung zuwiderlief und stattdessen der 'Individualität' als Maxime folgte. Es entstand eine Wechselspannung zwischen dem Pragmatismus der modernen Architektur und der Poesie der 'Kunst am Bau', die zur damaligen Zeit allerdings als eine fruchtbare Kontroverse verstanden wurde. Grundlegend war dabei ein Verständnis, das beide Bereiche ihre jeweilige Wirkung und Funktion zubilligte.

Einen neuen geschichtlichen Höhepunkt erfuhr die 'Kunst am Bau' zu Beginn der 70er Jahre, als die Bausünden der Städeplanung offenkundig wurden. Die verkehrsgerechte Stadt (Hannover), die reine Funktionalität der modernen Stadt konnten nicht mehr die allein seeligmachenden Prinzipien der Stadtplanung darstellen, hatte sie doch letztlich zu einer Unwirtlichkeit (Alexander Mitscherlich) des urbanen Lebensraumes geführt. Unter dem Stichwort der 'Umweltgestaltung' wollte man die Sozialverträglichkeit von Plätzen, Siedlungen und öffentlichen Bauten dadurch garantieren, dass man den öffentlichen Raum als "Kommunikationsterrain und Bereich sozialer Nutzung" (Elisabeth Dühr) wiederentdeckte und in diesem Zuge die von den Bauprojekten betroffenen Bürger in die Planungen miteinbezog. Man wollte sich von einem Konzept, das der Künstler Jochen Gerz als eine "Möblierung der Städte" bezeichnet, verabschieden. Stattdessen rief man dazu auf, den öffentlichen Raum nicht nur Verweilqualitäten angedeihen, sondern zugleich den Bürger an der Gestaltung des öffentlichen Lebens mitwirken lassen. Dieses Ansinnen war von dem Postulat einer kritischen Reflexion über gesellschaftliche, gesamtkulturelle Prozesse getragen. Als Vorbilder galten damals das Straßenkunstprogramm der Stadt Hannover und verschiedene Projekte der Hansestadt Bremen.

Die Ruhr-Universität Bochum liegt - gemessen an den historischen Fixpunkten der 'Kunst am Bau'-Debatten und an der langen Bauzeit der RUB (1962-1985) - am Scheidepunkt zweier Phasen. Die Konzeption der Universität und ihrer 'Kunst am Bau'-Projekte ist in den 60er Jahren zu verzeitlichen, während die Ausführung der meisten und wichtigsten Projekte in die 70er Jahre fällt. Zwar gibt es keine direkten Bezugnahmen der damaligen Universitätsplanung auf die Städtebau-Diskussionen, in deren Zusammenhang die Kunst am Bau bewertet wurde, jedoch ist - formal und konzeptionell gesehen - das Ausmaß und die Konzeption der Ruhr-Universität Bochum zu beachten: Die damaligen RUB-Planungen zeigen, das von Beginn an Kriterien galten, die eigentlich für den Städtebau basal sind: Verkehrsführung, allgemeine Infrastruktur und Versorgung, Funktionsteilung der verschiedenen Areale.

 


 

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Otto Herbert Hajek, Räumliches Relief aus Beton, Hörsaalgebäude der Universität Freiburg i. Br. s/w Abb.


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Henry Moore, Mauerwerk mit Relief, Bouwcentrum, Rotterdam s/w Abb.


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Vaquero Turcios,
Wandmalerei, Kraftwerk Grandas de Salime, Asturien s/w Abb.


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Gerg Blasius, Reliefwand aus Beton, Kriegergedächtniskapelle St. Josef, Memmingen s/w Abb.


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Ödön Koch, Wandrelief aus Beton, Hygienisches Institut der Universität Zürich s/w Abb.


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Constantino Nivola, Reliefwand aus Beton, Mutual Insurance Company, Hartford, Conn. (USA) s/w Abb.


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Robert Cronbach, Fassadenspiel aus Bronze, Bürohaus Dorr-Oliver, Stamford, Conn. (USA) s/w Abb.