GUERNICA

Von der Zerstörung und Wiedererstehung eines Bildes an der Ruhr-Uni Bochum.
Ein Beitrag für den WDR von Tillman Bendikowski, gesendet am 26.4.2002 in der WDR 3 Sendung "Resonanzen":

Wir danken den Autoren und dem WDR für die freundliche Genehmigung zur digitalen Veröffentlichung.

Heute vor 65 Jahren zerstörten deutsche Bomber den spanischen Ort Guernica in der Nähe von Bilbao. Die "heilige Stadt" der Basken und mit ihr rund 2.000 Einwohner wurden am 26. April 1937 Opfer der "Legion Condor", die an der Seite des Faschistenführers Franco in den Spanischen Bürgerkrieg eingriff. Noch im selben Jahr schuf Pablo Picasso sein Wandbild "Guernica", bis heute eine ausdrucksstarke Anklage gegen die Unmenschlichkeit des Krieges. Abbildungen des Gemäldes finden sich seither in Bildbänden und Kunstpostkarten - und lange auch mitten auf dem Campus der Ruhr-Universität Bochum. Dort erfuhr "Guernica" allerdings ein eigentümliches Schicksal. Tillmann Bendikowski über die Geschichte von der Zerstörung und Wiederentstehung eines Gemäldes: Ein Interview mit Gudrun Sommer und Kai-Uwe Hemken.

 

 

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Reproduktion von Picassos 'Guernica',
installiert am Bibliotheksgebäude der RUB



zu den acht Zuständen von Picassos 'Guernica'

 

Tillmann Bendikowski: Gut zwei Jahrzehnte ist es nun her, dass die Friedensbewegung in der Bundesrepublik ihren Höhepunkt erlebte: Hundertausende gingen gegen Nachrüstung und NATO-Doppelbeschluss auf die Straße und träumten von Frieden und Abrüstung. Gudrun Sommer erinnert sich an die Stimmung jener Zeit, die sie als Medizinstudentin an der Bochumer Ruhr-Universität erlebte:

Gudrun Sommer: "Wir hatten Angst. Also ganz reale Angst vor einem Atomkrieg und wollten irgendwas unternehmen, was jetzt so über diese Demonstrationen hinausging, wollten ein Zeichen setzen, was uns auch ein bisschen von unserer Ohnmacht, die wir damals fühlten, erlösen sollte. Und da fiel uns die Guernica ein von Picasso."

Tillmann Bendikowski: "Guernica" war zu diesem Zeitpunkt längst ein Symbol für den Schrecken eines Luftkrieges geworden. Deshalb wollte die Friedensgruppe der medizinischen Fakultät das Gemälde 1984 als aktuelle Mahnung reproduzieren und ins öffentliche Blickfeld rücken - und zwar mitten auf dem Bochumer Campus. Gesagt, getan:

Gudrun Sommer: "Wir haben dann damals 'ne Kunstpostkarte [...] gekauft, die mit einem Diafilm abfotografiert und dieses Dia an die Wand geworfen und nachgezeichnet. Und uns dann zwei Eimer Farbe gekauft, einmal weiße Farbe, einmal schwarze Farbe und die Farben selbst gemischt. Also insgesamt 25 Grautöne gemischt und dann wie ein Bild "Malen nach Zahlen" dieses Bild nachgemalt."

Tillmann Bendikowski: Das Ergebnis - etwa vier mal acht Meter groß - wurde bald zu einem selbstverständlichen Bestandteil der Bochumer Uni. So gingen die Jahre ins Land, und die Verhältnisse änderten sich - im Großen wie im Kleinen: Der atomare Rüstungswettlauf wurde gestoppt, der Wegfall des Ost-West-Konflikts weckte Hoffnungen auf eine friedlichere Welt und die Friedensaktivisten der Medizinischen Fakultät traten in ihr Berufsleben ein. Ihr Gemälde prägte weiterhin den Campus, glaubte jedenfalls Gudrun Sommer.

Gudrun Sommer: "Dann bin ich nach Jahren mit meinen Kindern 'mal durch die Universität gegangen und wollte denen dieses Bild zeigen - und darauf hinweisen, was die Mutter alles so gemacht hat. Und da war eine riesen Ladenzeile vor diesem Bild und ich war ganz enttäuscht und entsetzt und bin da reingegangen und hab' dann gefragt, warum die das denn davorgebaut haben und keiner wusste irgendwas von der Guernica."

Tillmann Bendikowski: Das Bild war verschwunden hinter einer Einkaufszeile mit Bankfiliale und Buchgeschäft. Der damalige Leiter der unieigenen Hausverwaltung hatte das Bild schlicht als "nicht erhaltenswert" eingestuft. Das war 1998. Mit Verspätung setzte der studentische Protest gegen die "Kunstvernichtung" ein, die Univerwaltung geriet unter Beschuss und tatsächlich entschied der Senat nach drei Jahren, das Bild wiederherzustellen. Eine neue Mauer sollte her, und schon hatte sich ein Künstler aus dem Hause bereit erklärt, höchstselbst die Reproduktion von "Guernica" vorzunehmen. Da war es gut, noch rasch an das Urheberrecht zu denken. Denn Picassos Erben, so erfuhr der Kunsthistoriker Kai-Uwe Hemken bei seiner Recherche, wollten keine nachgemalten "Guernicas":

Kai-Uwe Hemken: "Wir können's nicht nachmalen, weil eben sich sozusagen die Erbengemeinschaft eingeschaltet hat, beziehungsweise eben gesagt hat: Wenn wir das genehmigen, dann nur in Form einer fotografisch fixierten Reproduktion, also der Ausgangspunkt ist eine Fotografie, und das ist auch dann am Ende kenntlich."

Tillmann Bendikowski: Die Friedensaktivisten von 1984 hatten sich um das Copyright nicht geschert, und eigentlich hätten sie ihr Wandbild gar nicht malen dürfen - aber damals zählte halt die politische Botschaft. Doch jetzt war die "Guernica"-Reproduktion zu einer offiziellen Angelegenheit der Universität geworden. Kai-Uwe Hemken, der alle beteiligten Gruppen bei diesem Unternehmen berät, prüfte die technischen und künstlerischen Möglichkeiten, das Bild nachdrucken zu lassen - dieser Möglichkeit hatten die Picasso-Erben ja zugestimmt. So musste ein Material gefunden werden, das den Erfordernissen eines so großen Bildes entspricht.

Kai-Uwe Hemken: "Von daher haben wir uns jetzt entschieden für eine aufgespannte Plane - wenn man so will -, das ist eine [...] Spezialplane, die sehr elastisch ist, aber aufgespannt wird, so dass sie auch dann den besonderen, zum Beispiel Windverhältnissen, an dieser Universität gerecht wird."

Tillmann Bendikowski: Damit wurde ein Verfahren gewählt, dass wegen der Größe der Darstellung vor allem in der Werbung eingesetzt wird. Die Realisierung soll spätestens bis zum Sommer gelingen. Der Ort ist bereits festgelegt: Das Bild wird an einer Außenwandwand der Uni-Bibliothek zu sehen sein, also wieder an einem zentralen Ort und damit unweit jener Stelle, wo einst die Mediziner ihr Friedenssymbol platzierten. Beide Versionen - das damalige Wandgemälde wie die bedruckte Folie - werden sich deutlich voneinander unterscheiden, für den Kunsthistoriker Hemken mit gutem Grund:

Kai-Uwe Hemken: "Man wollte sozusagen diese Zerstörung, die ja stattgefunden hat, eben der gemalten Replik aus dem Anfang der achtziger Jahre, diese Zerstörung wollte man nun nicht wieder rückgängig machen, das wär' auch nicht der richtige Weg, sondern eben dieses noch 'mal aufscheinen lassen."

Tillmann Bendikowski: Für die zweite Fassung des Bochumer "Guernica"-Exemplars wird die Ruhr-Universität insgesamt wohl rund 40.000 Euro ausgeben müssen. Das Vorgängermodell war da erheblich günstiger: Gudrun Sommer und ihre Kommilitonen hatten vor rund 20 Jahren für schwarze und weiße Farbe umgerechnet höchstens 250 Euro bezahlt.

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Informationstafel

 

 

 

 

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Dokumentation der Aufstellungsarbeiten

 

 

 

 

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Dokumentation der Aufstellungsarbeiten

 

 

 

 

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Dokumentation der Aufstellungsarbeiten

 

 

 

 

 

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Dokumentation der Aufstellungsarbeiten