Tillmann Bendikowski: Gut zwei Jahrzehnte ist es nun her, dass
die Friedensbewegung in der Bundesrepublik ihren Höhepunkt erlebte:
Hundertausende gingen gegen Nachrüstung und NATO-Doppelbeschluss
auf die Straße und träumten von Frieden und Abrüstung.
Gudrun Sommer erinnert sich an die Stimmung jener Zeit, die sie als
Medizinstudentin an der Bochumer Ruhr-Universität erlebte:
Gudrun Sommer: "Wir hatten Angst. Also ganz reale Angst
vor einem Atomkrieg und wollten irgendwas unternehmen, was jetzt so
über diese Demonstrationen hinausging, wollten ein Zeichen setzen,
was uns auch ein bisschen von unserer Ohnmacht, die wir damals fühlten,
erlösen sollte. Und da fiel uns die Guernica ein von Picasso."
Tillmann Bendikowski: "Guernica" war zu diesem Zeitpunkt
längst ein Symbol für den Schrecken eines Luftkrieges geworden.
Deshalb wollte die Friedensgruppe der medizinischen Fakultät das
Gemälde 1984 als aktuelle Mahnung reproduzieren und ins öffentliche
Blickfeld rücken - und zwar mitten auf dem Bochumer Campus. Gesagt,
getan:
Gudrun Sommer: "Wir haben dann damals 'ne Kunstpostkarte
[...] gekauft, die mit einem Diafilm abfotografiert und dieses Dia an
die Wand geworfen und nachgezeichnet. Und uns dann zwei Eimer Farbe
gekauft, einmal weiße Farbe, einmal schwarze Farbe und die Farben
selbst gemischt. Also insgesamt 25 Grautöne gemischt und dann wie
ein Bild "Malen nach Zahlen" dieses Bild nachgemalt."
Tillmann Bendikowski: Das Ergebnis - etwa vier mal acht Meter
groß - wurde bald zu einem selbstverständlichen Bestandteil
der Bochumer Uni. So gingen die Jahre ins Land, und die Verhältnisse
änderten sich - im Großen wie im Kleinen: Der atomare Rüstungswettlauf
wurde gestoppt, der Wegfall des Ost-West-Konflikts weckte Hoffnungen
auf eine friedlichere Welt und die Friedensaktivisten der Medizinischen
Fakultät traten in ihr Berufsleben ein. Ihr Gemälde prägte
weiterhin den Campus, glaubte jedenfalls Gudrun Sommer.
Gudrun Sommer: "Dann bin ich nach Jahren mit meinen Kindern
'mal durch die Universität gegangen und wollte denen dieses Bild
zeigen - und darauf hinweisen, was die Mutter alles so gemacht hat.
Und da war eine riesen Ladenzeile vor diesem Bild und ich war ganz enttäuscht
und entsetzt und bin da reingegangen und hab' dann gefragt, warum die
das denn davorgebaut haben und keiner wusste irgendwas von der Guernica."
Tillmann Bendikowski: Das Bild war verschwunden hinter einer
Einkaufszeile mit Bankfiliale und Buchgeschäft. Der damalige Leiter
der unieigenen Hausverwaltung hatte das Bild schlicht als "nicht
erhaltenswert" eingestuft. Das war 1998. Mit Verspätung setzte
der studentische Protest gegen die "Kunstvernichtung" ein,
die Univerwaltung geriet unter Beschuss und tatsächlich entschied
der Senat nach drei Jahren, das Bild wiederherzustellen. Eine neue Mauer
sollte her, und schon hatte sich ein Künstler aus dem Hause bereit
erklärt, höchstselbst die Reproduktion von "Guernica"
vorzunehmen. Da war es gut, noch rasch an das Urheberrecht zu denken.
Denn Picassos Erben, so erfuhr der Kunsthistoriker Kai-Uwe Hemken bei
seiner Recherche, wollten keine nachgemalten "Guernicas":
Kai-Uwe Hemken: "Wir können's nicht nachmalen, weil
eben sich sozusagen die Erbengemeinschaft eingeschaltet hat, beziehungsweise
eben gesagt hat: Wenn wir das genehmigen, dann nur in Form einer fotografisch
fixierten Reproduktion, also der Ausgangspunkt ist eine Fotografie,
und das ist auch dann am Ende kenntlich."
Tillmann Bendikowski: Die Friedensaktivisten von 1984 hatten
sich um das Copyright nicht geschert, und eigentlich hätten sie
ihr Wandbild gar nicht malen dürfen - aber damals zählte halt
die politische Botschaft. Doch jetzt war die "Guernica"-Reproduktion
zu einer offiziellen Angelegenheit der Universität geworden. Kai-Uwe
Hemken, der alle beteiligten Gruppen bei diesem Unternehmen berät,
prüfte die technischen und künstlerischen Möglichkeiten,
das Bild nachdrucken zu lassen - dieser Möglichkeit hatten die
Picasso-Erben ja zugestimmt. So musste ein Material gefunden werden,
das den Erfordernissen eines so großen Bildes entspricht.
Kai-Uwe Hemken: "Von daher haben wir uns jetzt entschieden
für eine aufgespannte Plane - wenn man so will -, das ist eine
[...] Spezialplane, die sehr elastisch ist, aber aufgespannt wird, so
dass sie auch dann den besonderen, zum Beispiel Windverhältnissen,
an dieser Universität gerecht wird."
Tillmann Bendikowski: Damit wurde ein Verfahren gewählt,
dass wegen der Größe der Darstellung vor allem in der Werbung
eingesetzt wird. Die Realisierung soll spätestens bis zum Sommer
gelingen. Der Ort ist bereits festgelegt: Das Bild wird an einer Außenwandwand
der Uni-Bibliothek zu sehen sein, also wieder an einem zentralen Ort
und damit unweit jener Stelle, wo einst die Mediziner ihr Friedenssymbol
platzierten. Beide Versionen - das damalige Wandgemälde wie die
bedruckte Folie - werden sich deutlich voneinander unterscheiden, für
den Kunsthistoriker Hemken mit gutem Grund:
Kai-Uwe Hemken: "Man wollte sozusagen diese Zerstörung,
die ja stattgefunden hat, eben der gemalten Replik aus dem Anfang der
achtziger Jahre, diese Zerstörung wollte man nun nicht wieder rückgängig
machen, das wär' auch nicht der richtige Weg, sondern eben dieses
noch 'mal aufscheinen lassen."
Tillmann Bendikowski: Für die zweite Fassung des Bochumer
"Guernica"-Exemplars wird die Ruhr-Universität insgesamt
wohl rund 40.000 Euro ausgeben müssen. Das Vorgängermodell
war da erheblich günstiger: Gudrun Sommer und ihre Kommilitonen
hatten vor rund 20 Jahren für schwarze und weiße Farbe umgerechnet
höchstens 250 Euro bezahlt.