Oliver Ziegenhardt (Cottbus)
Metamorphosen gebauter Langeweile
Zur Inszenierung von Monotonie in der Architektur von Diener & Diener

Im cfp „Paradoxien der Langeweile“ wird auf einen Wandel in den Geistes- und Medienwissenschaften hinsichtlich der Bedeutung von Langeweile als produktivem, gar gesuchtem, mithin „ausbaufähigem“ Zustand hingewiesen. Dieser Konversion von Gemeinplätzen folgend, will vorliegender Beitrag untersuchen, welcher Metamorphose sich die gebaute Langeweile, also die Architektur monotoner Bauten, unterzogen hat.

Als Sinnbild gebauter Langeweile und „Unwirtlichkeit“ per se gelten stets die Plattenbauten. So illustrierte die Süddeutsche Zeitung noch kürzlich einen Artikel zum Armutsreport mit einem stereotyp tristen 70er-Jahre-Block, um tendenziös architektonische Monotonie mit Armut und Kriminalität zu assoziieren. Seit Mitte der 90er Jahre zeigen sich Tendenzen im Städtebau vornehmlich niederländischer Provinienz, die zunächst nicht langweilen, da sie eine gewisse Wildheit aufsetzen, sich aber nach überstandenem ersten Blick als recht austauschbar erweisen, kaum Neuigkeitswert haben, und wie bei einem schlechten Witz die Pointe vorausahnen lassen. Die Langeweile wird hier derart offensichtlich versteckt, daß ihre Demaskierung keine wirkliche Leistung mehr darstellt. Die perfidere Strategie bewußter Inszenierung von Monotonie, die zumindest den Verdacht nahelegt, „dahinter“ stecke mehr, soll Thema dieses Beitrages sein.

Die Architektur des Basler Büros Diener & Diener in ihrer strengen Einfachheit wird häufig beschrieben als wohltuende Zäsur im bunten Einerlei der heutigen Städte, als herber Gegenakzent zu Verspieltheit und Disziplinlosigkeit. Ein massiver Block verspricht SOS – Sicherheit, Ordnung, Sauberkeit – und „räumt auf“; seine karge formensprachliche Rhetorik hat nichts gemein mit der Geschwätzigkeit der shopping street.

Aber ist nicht Einfalt das Gegenteil von Vielfalt? Doch „économie d´esprit“, mangelnde geistige Geschmeidigkeit, im Falle drittklassiger SparkassenarchitektInnen oft Garant für tumbe Langeweile, kann dem versierten Redner und Hochschullehrer Roger Diener wahrlich nicht vorgeworfen werden. Auch der Verweis auf die häufig apostrophierte Sinnesfeindlichkeit der calvinistischen Tradition greift zu kurz, ebenso jener auf reale Sparzwänge, da das schweizerische Qualitätsbewußtsein durchaus den Wert einer Sache kennt, nicht nur deren Preis.

Positiv und tendenziell naiv könnte nun eingewendet werden, die Langeweile provoziere und löse einen Emotionsschub als „anti-ennui“ aus; der im cfp beschriebene engellsche „gesuchte, positive Grundzug“. Vielleicht ist die Architektur von Diener & Diener gar nicht langweilig, oder vielleicht ist sie viel schlimmer als das. So muß nach der ambivalenten Natur desjenigen „Wesentlichen“ gefragt werden, wenn die Reduktion darauf eine Chance bieten soll, mit baulicher Qualität dem als amoralisch empfundenen Zeitgeist zu entgehen.