Serjoscha Wiemer (Braunschweig) / Anke Zechner (Paderborn):

Im Nirgendwo und ohne Ziel lange zu verweilen: Temponauten des grauen Glücks

Zur Konzeption der Zeitwahrnehmung bei Walter Benjamin und Siegfried Kracauer

Kunst im Film ist reaktionär, weil sie Ganzheit symbolisiert und derart die Fortexistenz von Glaubensinhalten vorspiegelt, welche die physische Realität sowohl anrufen wie zudecken.
SIEGFRIED KRACAUER: THEORIE DES FILMS

Langeweile als ein besonderer emotionaler Zustand, der unsere Beziehung zu Zeit und Zeitlichkeit erfahrbar macht, ist auch ein Begriff, um Zeit zu denken. Eine Zeit für die sich Denker wie Walter Benjamin oder Siegfried Kracauer unter anderem deshalb interessieren, weil sie einen Zusammenhang sehen zwischen der zeitlichen Qualität und Quantität von Langeweile in der Gesellschaft und der modernen Organisation der Produktionsverhältnisse.

Während noch Kant Arbeit für das beste Rezept gegen Langeweile hielt, wird bei Nietzsche und in seiner Folge im Umfeld der Frankfurter Schule gerade die Arbeit als das eigentliche Problem der Langeweile begriffen. Im Kontext einer sowohl materiell als auch temporal zu denkenden Bedürfnisstruktur ist Langeweile für Nietzsche die Folge der Gewöhnung an Arbeit - verstärkt durch die „Maschinen-Cultur“ der Industrialisierung. Aber Nietzsche sieht - anders als z.B. Adorno - die Langeweile nicht nur als Effekt der durch die Produktionsverhältnisse angetriebenen Bedürfnisstruktur, sondern vielmehr auch als eine Möglichkeit aus der Dynamik derselben zu entkommen. Langeweile scheint Zeitlichkeit jenseits der linearen und teleologischen Zeit erfahrbar werden zu lassen - Langeweile als Moment der Unterbrechung der Wunsch- und Sinnproduktion und als spezifische Wahrnehmung von nicht rationaler Zeit. Diese heimliche positive (utopische) Konnotation von Langeweile nehmen Benjamin und Kracauer ebenso auf wie das Moment der Gesellschaftskritik, nämlich die These, dass sich in der Langeweile ein Wahrheitsmoment der Entfremdung findet. Benjamin bestimmt die Langweile als Phänomen der Moderne und der Großstadt, ein tröstendes, schützendes Grau, in dem man sich sammelt, um zu sich zu gelangen. Wenn man aber nach Kracauer in dieser nichts mehr findet außer Ebenmäßigkeit, wird dadurch auf den immanent abwesenden Sinn der Langeweile verwiesen und die Uneinheitlichkeit des Subjekts.

Insofern die private Langeweile für Kracauer die einzige Möglichkeit der Verfügung über das eigene Dasein gegenüber der vorherrschenden Betriebsamkeit ist, scheint sie im Gegensatz zur Zerstreuung zu stehen. Kracauer sieht aber in der Zerstreuung und im Kino als deren Ort ein Element der progressiven Entzauberung und das Zurückweisen einer falschen bürgerlichen Kultur. Wie lassen sich Langeweile und Zerstreuung in ihrem kritischen Potential zusammen denken?

Die Aufwertung des Zerstreuungsbegriffs bei Kracauer als Wahrheitsmoment der Moderne und der Zusammenhang von Langeweile und gesellschaftlicher Bedürfnisstruktur erlauben es, Fragen an die Ästhetik des Kinos als Sinn- und Subjektproduktion zu stellen. Der historisch bedingte Zustand des Sinnverlusts in der Moderne, der in der Langeweile erfahrbar wird, soll bei Kracauer durch eine Hinwendung zum Profanen, Wirklichen, in einer wartenden Haltung offen gehalten werden. Gerade das Kino ermöglicht ein Hin zur Wirklichkeit und zum Konkreten. In unserem Vortrag untersuchen wir dieses Verhältnis von Zerstreuung und Langeweile, von der These ausgehend, dass die Zerstreuung im Kino und demgegenüber bestimmte filmische Formen der Langeweile auf besondere Art erlauben, mit dem Kino Zeit zu denken.