Thomas Weber (Berlin)

Entspannungsdramaturgie als Kulturtechnik

Zur Konstruktion „gehemmter Bewegung“ am Beispiel von Fernsehkrimis

Das ritualisierte Spiel mit Spannungsdramaturgien, von Prokop einst in den 70er Jahren als Dialektik von „Faszination und Langeweile“ beschrieben, wird im Fernsehalltag zugunsten eines Normalismus, mithin zur Langeweile also, aufgelöst. Wurde dieses Ritual früher vor allem im Hinblick auf seine ideologische Konnotation diskutiert, scheint es in der Debatte heute im Zuge eines wissenschaftstheoretischen Paradigmenwechsels selbst Kulturtechnik zu sein. Die Auflösung von Spannung in Entspannung gerät zum eigentlichen Nutzen des Fernsehens als Praxis der Alltagskultur, als Gerät, dass man einschaltet, um abzuschalten, wie Enzensberger einmal scharf formulierte.

Wenn mit der formelhaften Ankündigung „Wir wünschen Ihnen spannende Unterhaltung“ eine Kriminalfernsehserie wie etwa DERRICK – der deutsche Exportschlager schlechthin – angesagt wird, dann kann man sicher sein, dass auch nach der x-ten Wiederholung im In- und Ausland „Spannung“ vom Publikum nicht ernsthaft erwartet wird. Doch wie gelingt die Verwandlung von an sich Spannendem, Aufregendem wie Sex and Crime in eine beruhigende, eine gehemmte Bewegung?

Der Vortrag untersucht am Beispiel verschiedener Fernsehformate die Konstruktions¬mechanismen der Entspannungsdramaturgie und verortet sie als Kulturtechnik theoretisch zwischen (illusionärer) Kontrolle der sozialen Umwelt und Vergessen im Luhmannschen Sinne.