Christian Stewen (Bochum)

Kindliche Lange-Weile, Nostalgie und die Bewegung der Bilder

Zur Zeitkonstruktion in filmischen Kindheitserinnerungen

Spielfilme, die mithilfe einer Rahmenhandlung/eines Flashbacks Kindheitserinnerungen thematisieren, konstruieren nicht nur eine räumlich-zeitliche Beziehung zwischen Kindern und Erwachsenen, sondern auch zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Das Verständnis von Langeweile als filmischer Manipulationsmöglichkeit des Zeitverständnisses öffnet Bedeutungskontexte, die Fragen nach der Konstruktion von Kindheit, nostalgischer Erinnerung und Geschichte beinhalten.

Exemplarische Filmanalysen (etwa von HEARTS IN ATLANTIS (USA 2001)) zeigen unterschiedliche Zeitwahrnehmungen von Kindern und Erwachsenen: Kindliche Eindrücke der Lange-Weile und der Ereignislosigkeit stehen einer retrospektiven, erwachsenen „Einsicht“ in die Kurzweiligkeit des Lebens gegenüber; Kind und Erwachsener scheinen in „anderen Zeit(lich)en (Vorstellungen)“ zu leben. Entsprechungen finden sich in der filmischen Inszenierung: Die Erlebniswelt des Kindes wird in episodischen, nicht narrativ gebundenen „Momentaufnahmen“ mit visueller und auditiver Eindrücklichkeit inszeniert; Der Erwachsene führt das Kind schließlich in die Bedeutung verschriftlichter Historie und als Handlungsträger einer narrativ strukturierten, kurz-weiligen Geschichte ein.

Diese unterschiedlichen Zeitinszenierungen können als Funktionen eines medialen Erinnerungsprozesses thematisiert werden: Die nostalgisch gefärbte Retrospektive funktioniert als Verlangsamungsmechanismus eines filmischen Bewegungsapparates (mithilfe von Zeitlupen etc.). An dessen Ende steht die Materialisierung des Augenblickes, der zur ultimativen Lange-Weile geworden ist, ein Erinnerungsfoto, das die vergangene Lebensspanne der Kindheit in der Gegenwart als Standbild re-präsentiert.

Die Mechanismen der filmischen Zeitkonstruktion sollen anhand von bedeutsamen Gegenständen der Inszenierung auch im Hinblick auf die technischen Charakteristika des Mediums Film weiter vertieft werden (das Fahrrad als (filmische) Bewegungsmaschine etc.).