Florian Sprenger (Bochum)

The Clock of the Long-Now – Die Uhr, die Langeweile und der Beobachter

Das wohl bekannteste Motiv, mit dem Langeweile ausgedrückt werden kann, ist eine Uhr, ob in Wort oder Bild, deren Zeiger sich quälend langsam bewegen und so jede Minute in die Länge ziehen, in eine nur noch subjektiv empfindbare Dauer (vgl. Heidegger).

Was, wenn diese subjektiven Empfindung eine objektive Gestalt annimmt? The Clock of the Long Now heißt ein Projekt der Long Now Foundation (www.longnow.org), gegründet u.a. vom umtriebigen Computerentwickler und Kybernetiker Steward Brand und dem Ambient-Musiker Brian Eno. Diese Uhr, die bisher nur als Modell existiert, soll nur einmal im Jahr ticken. Erst nach einem Jahrhundert rückt der Zeiger eine Stelle vor, obwohl der Mechanismus in ihrem Inneren ständig in Bewegung ist. Sie soll über zehntausende von Jahren die Zeit anzeigen – über einen Zeitraum also, der nur ohne Beobachter konzeptualisierbar ist, weshalb man die Uhr auch als Uhr zweiter Ordnung beschreiben könnte.

Die Long Now Foundation, die neben zwei Exemplaren der Uhr (eine in einer Großstadt, eine in einer Höhle in der Wüste) auch zwei angegliederte Bibliotheken aufbauen will, hat sich die Unterstützung des Verständnisses von Langzeitphänomenen zur Aufgabe gemacht. Metaphorisch wie symbolisch soll die Uhr die deep time, die Tiefenzeit, darstellen. Langzeitphänomene übersteigen mit der Lebensdauer eines Menschen die äußersten Bedingungen seiner Erkenntnis. Deep time ist begrifflich nicht fassbar, und genau deswegen an bestimmte Darstellungsmodi gebunden.

Für Augustinus existiert Zeit nur in der Gegenwart, entsteht nur durch ein Subjekt, und in diesem Rahmen formiert sich das Phänomen Langeweile in der alltäglichen Bedeutung. Zukunft bedeutet Differenz von der Gegenwart. Eine Uhr, die in eine Höhle aufgestellt wird, also an einem Ort, dessen äußeres Erscheinungsbild sich in 10 000 Jahren nur rudimentär verändert und damit unerträglich langweilig sein kann, stellt an einem gleich bleibenden Ort eine Veränderung durch die Sichtbarmachung von Zeit her. Die Uhr erzeugt also in einem – idealisiert gedacht – indifferenten Raum eine Differenz. Sie misst das, was in der für uns unbeobachtbaren geologischen Indifferenz Veränderung bedeutet. Das heißt, sie macht mechanische Zeit sichtbar, wie sie am Lauf der Sterne, am Zerfall eines Atoms oder eben am Ticken einer Uhr vernehmbar wird. Damit formiert sich – unter Rückgriff auf Norbert Wiener – in der Clock of the Long Now ein Zusammentreffen zweier Verständnisse von Zeit, sowohl auf der Ebene der Umwelt, als auch auf der Ebene der Energieversorgung: Einerseits einer mechanistischen, ‚newtonischen’ Zeit; andererseits einer thermodynamischen, ‚bergsonschen’ Zeit, mit Prozessen der Entropie, des Wärmeausgleichs oder des Wärmetods. Hier treffen also zwei Zeitverständnisse aufeinander, anhand derer sich im Prozess einer langen Weile nicht nur die Spezifika eines Denkens von Langzeitphänomenen aufzeigen, sondern auch Langeweile als subjektlos konzipieren lässt.

Aber das Ticken der Uhr, das Vorrücken des Zeigers ist nichts Neues: es geschieht strukturell immer das gleiche. Kaum etwas ist so vorhersagbar wie das Ticken einer Uhr, wie die mechanischen Abläufe in ihrem Innern. Sie erzeugt also gleichzeitig Gegenwart (vgl. Peter Galison). Die Uhr stellt Erwartbarkeit her, Wahrscheinlichkeit, und macht so etwas beobachtbar, ohne dass ein Beobachter anwesend sein müsste. (Die mechanische Zeit beobachtet die thermodynamische Zeit.) Zukunft, also Differenz, entsteht durch Veränderung, und Gegenwart, also Wiederholung, durch Identität (und Technik). Die Uhr verbindet beides, und damit sind wir auf den paradoxen Kern dieses Projektes gestoßen, das verspricht, ganz und gar nicht langweilig zu sein, so lange man nicht davorsteht.