Herbert Schwaab (Bochum)

‚Der Farbe beim Trocknen zusehen'

Das Wunder des Alltäglichen in den Filmen Eric Rohmers

"L’image n’est pas fait pour signifier, mais pour montrer (…) pour signifier, il existe un outil excellent, le langage parlé."
(Rohmer, Cahiers du Cinéma 172)

Einer von Gene Hackmann gespielten Figur des Arthur Penn Films Night Moves (1975) werden die Worte in den Mund gelegt, einen Eric Rohmer-Film zu betrachten sei, als würde man der Farbe an der Wand beim Trocknen zusehen. Das Zitat gibt das Klischee eines visuell armseligen und langweiligen Kinos wieder, das geschwätzigen Figuren Raum gibt, die ihr Leben lieber erzählen, als es zu leben. Dennoch kann das Betrachten eines Rohmer-Films eine überaus ergreifende und vor allem unterhaltsame Erfahrung sein. Die negative Zuschreibung ist eher der Versuch, die von seinen Filmen ausgelösten Irritationen zu sublimieren. Trotz seiner wichtigen Rolle im Kino der Nouvelle Vague sind seine Filme weit entfernt von den selbstreflexiven Verspieltheit eines Godards oder Truffauts, aber auch weit entfernt von dem Pathos des sinnenfeindlichen Minimalismus eines Robert Bressons.

Rohmers Kino irritiert, weil er zu den wenigen gehört, denen es gelingt, das Gewöhnliche, das Langweilige, die Ereignislosigkeit und Beiläufigkeit des Lebens und seiner kleinen Katastrophen und Abenteuern auf eine Weise einzufangen, dass der Alltag weder verklärt noch verleugnet wird, weder als Idylle noch als Einöde erscheint und weder als unerträglich langweilig noch als bestürzend interessant begriffen wird. Diese Annäherung an das Gewöhnliche erfasst häufig vom Kino vernachlässigte Areale unseres Lebens und erforscht dabei immer wieder die knapp bemessenen Räume einer Alltagstranszendenz – etwa die im unscheinbaren grünen Leuchten des Sonnenlichts endende Urlaubsreise einer von ihrer Einsamkeit erlösten Frau in Le rayon vert (1986), das Heimisch werden in der von sinnlichen Naturnischen unterbrochenen Ödnis einer am Reißbrett entworfenen Trabantenstadt von Paris in L’ami de mon amie (1987), der magische Moment einer zufälligen Wiederbegegnung mit einer alten, verlorenen Liebe in Conte d’Hiver (1991).

„Rohmers great subject is the miraculousness of the everyday, the possibility and necessity of our awakening to it every day […]”, bemerkt der Philosoph Stanley Cavell und schreibt Rohmer das Anliegen einer Erlösung des Alltäglichen zu. In der Erforschung dieses Anliegens soll ein am ‚Zeigen und nicht am Bedeuten’ interessiertes Kino skizziert werden, dessen schlichte Bilder als radikale Gegenentwürfe zu einer die Verleugnung und Verdammung des Gewöhnlichen weitertradierenden Theatralität des modernen Kinos zu verstehen sind.