Florian Mundhenke (Marburg)

‚Zufall’ und ‚Langeweile’ als ästhetische Prinzipien der künstlerischen Avantgarde im 20. Jahrhundert

Die drei ‚Säulenhelden’ der modernen Kunst des 20. Jahrhunderts – André Breton in der Literatur, Marcel Duchamp in der bildenden Kunst und John Cage in der Musik – haben es vorgemacht: Das etablierte Kunstsystem lässt sich nur mit Prinzipien eines störenden und affrontierenden, dabei aber immer auch medienreflexiven Schaffen jenseits etablierter Räume und formulierter Intentionen umgestalten und neu ausrichten. Dabei setzten diese Künstler wie auch zahlreiche Nachfolger vor allem auf zwei Prinzipien, die in der traditionellen Kunst keine Bedeutung hatten: der Zufall und die Langeweile. Mit diesen Begriffen wird die strukturgebundene, intentionsgeleitete und letztlich immer absichtsvoll durchgestaltete ästhetische Konstruktion neu geformt. Gerade das Experiment als solches verlangt nach dem Einlassen auf das Spontane und Unorganisierte, nach der Überantwortung von Teilen der künstlerischen Leistung an ein intuitives Leiten, um im Rahmen des Versuchs neue Möglichkeitsräume zu erkunden. Dabei nimmt aber auch der medienkünstlerische Diskurs immer wieder auf die vorgängige Realität Bezug, wobei es zu einer Verhandlung, Kritisierung oder Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten des menschlichen Wahrnehmungsgefüges kommt, in dem die Prinzipien von Zufall und Langeweile immer wieder als Bewusstwerdungs- oder Störfaktor auf verschiedene Weise zur Hinterfragung der Routinen der Alltagswirklichkeit genutzt werden.

Anhand einiger Beispiele soll deshalb die Relevanz dieser beiden Gestaltungsmaßnahmen geklärt werden und auch ihre Bezüge und Wechselwirkungen erläutert werden. Dabei werden sowohl einige grundlegende Werke aus den 1920er Jahren wie auch Beispiele der künstlerischen Avantgarden der 1960er wie Fluxus, Happening, Concept Art in den Blick genommen wie zuletzt auch die aktuelle Medienkunst beleuchtet.

Dabei soll sich zeigen, dass die Kunst im Zeitalter ihrer zunehmenden Digitalisierung sich immer unvermittelter und zielbewusster direkt an den Betrachter wendet und ihm auf reflexive Weise die Vermitteltheit seiner Wahrnehmung und damit verbunden auch die Willkürlichkeit und Arbitrarität seines eigenes Denkens und seiner Sinnesleistungen vorführt.