Sven Grampp (Erlangen)

Nullmedien: Langeweile des Fernsehens / Langeweile des Theaters

Versteht man Langweile zunächst einmal lapidar als eine Reaktion auf Unterforderung sinnlicher Stimuli, dann müsste es eigentlich kaum etwas Langweiligeres geben als das „postdramatische Theater“ (Lehmann) eines Robert Wilson. Denn Handlungsarmut und extrem verlangsamte Bewegungen kennzeichnen viele seiner Inszenierungen. Die Langweile dieser Art des Theaters wird aber häufig gefasst als notwendige Vorbedingung für eine ästhetische Sensibilisierung der Wahrnehmung. Entgegengesetzt wird solch einer ‚aktivierenden‘ Langeweile gern von kulturkritischer Seite die ‚passivierenden‘ Effekte der Massenmedien, allen voran des Fernsehens. Medienskeptiker wie Neil Postman etwa verstehen die Struktur des Fernsehens als eine, die einen Langeweile-Zerstreuungs-Zirkel in Gang setzt, der gerade nicht zur Sensibilisierung der Wahrnehmung führt, sondern zu deren Abstumpfung. Die Langweile des „Nullmediums“ (Enzensberger) Fernsehen scheint aus dieser Perspektive also einer völlig anderen Logik zu folgen als die des Theaters.

In meinem Beitrag möchte ich diese einfache Gegenüberstellung in einem ersten Schritt problematisieren. Um es zu pointieren: Gezeigt werden soll, dass Robert Wilsons ́ Bewegungstheater ganz ähnliche Effekte der Langeweile erzeugt und verwandte Zeiterfahrungen ermöglicht wie die täglich auf RTL ausgestrahlte Serie Gute Zeiten, schlechte Zeiten. In einem zweiten Schritt möchte ich diese recht polemische Zuspitzung anhand einiger Beispiele differenzieren nach medialen Spezifika der Langweile-Erfahrung(en) und daran anschießend nach deren Funktionalisierungen für und in Theater und Fernsehen fragen.